THEATER: Frische Waden und Ohren a discrétion

Ariane Koch (27) ist Hausautorin am Luzerner Theater. Bald tischt sie uns in der Nebenspielstätte des Luzerner Theaters Menschenfleisch auf. Nach dem Prinzip: «All you can eat». Keine leichte Kost.

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Ariane Kochs Theaterstück ist ein Text-Buffet. Statt Akte gibts Gänge. Die Hausautorin des Luzerner Theaters im Café Luz in Luzern. (Bild Pius Amrein)

Ariane Kochs Theaterstück ist ein Text-Buffet. Statt Akte gibts Gänge. Die Hausautorin des Luzerner Theaters im Café Luz in Luzern. (Bild Pius Amrein)

Julia Stephan

Theaterautorin Ariane Koch hat ihr Text-Buffet für die Premiere am 8. April schon fertig angerichtet. Angerichtet, das beweist eine Kostprobe ihres Textes, hat die Baslerin eigentlich ein Massaker: Frische Waden, marinierte Ohren, Filets vom Bauch, Fingerspiessli und Schultersalami gibts bei ihr a discrétion. Ihr Text «All you can eat» ist brutal und doch verspielt und führt den Ausverkauf des Menschen, der im Zeitalter der Flüchtlingskrise medial nur noch als Masse konsumiert wird, ad absurdum.

Koch, die mit dem Sarner Dramatiker Dominik Busch und dem Berner Autor Michael Fehr in dieser Spielzeit am Luzerner Theater das Haustheaterkollektiv «BuschFehrKoch» bildet, wird an der Premiere des Gemeinschaftsstückes «Essen Zahlen Sterben» nur gerade mal einen Drittel ihres Originaltextes in verdaulicher Länge auf der UG-Bühne auftischen können.

Textliche Völlerei

Die Regie hat Ariane Koch im Einstieg ihres Textes deshalb aufgefordert, sich die Text-Häppchen gleich selbst auszusuchen. Doch weil mit diesem Rosinenpicken längst nicht alles gesagt sein wird, will Koch, dass ihre sprachliche Völlerei, die bewusst am menschlichen Aufnahmevermögen vorbeigetextet ist, für den Zuschauer wenigstens physisch erfahrbar bleibt. Die Autorin und bildende Künstlerin, die mit der Künstlerin Sarina Scheidegger viele spartenübergreifende Projekte macht, wird ihrem Publikum deshalb den ganzen Textschinken während der Inszenierung auch als Buch aushändigen lassen. 300 Seiten auf Postkartengrösse werden den Theatergänger auch neben der Bühne unter Konsumationszwang setzen, und wie! Koch, die ihren ersten Text als Siebenjährige aus der Perspektive einer Pistole schrieb – «da steckt unheimlicherweise schon alles drin, was mich auch heute noch beschäftigt» – hat wie viele junge Dramatiker vor ihr in einer vielstimmigen Textfläche, mit der kein klassisches Rollentheater mehr möglich ist, ihre Antwort auf unsere ebenso vielstimmige Welt gefunden. Klare Rollenverteilungen? Wo gibts denn die noch? Koch seziert keine psychologischen Figuren, sie zerstückelt Körper ganz konkret und ziemlich brutal. Bei ihr darf man keinen Ibsen-Abend erwarten.

Auf dem Höhepunkt der Euro-Krise im letzten Jahr entdeckte sie als Hausautorin des Luzerner Theaters die Chronistenrolle für sich. Das Thema Euro-Krise habe sich ihr geradezu aufgedrängt, sagt sie heute. Ihr Text trägt Spuren dieser Zeit in sich.

Griechenlands alt Finanzminister Yanis Varoufakis, schon zu seinen besten Zeiten wie von einer anderen Welt, schwebt in ihrem Text nun als Zauberer über die Bühne, die Troika folgt auf «weichen Pfoten», und dass der Text wenige Monate später so klingt, als erzähle er aus längst vergangenen Zeiten, spricht Bände über unsere Gegenwart. Dieser Gegenwart begegnet Koch, die in Basel 2009 das Kulturmagazin «Lasso» mitbegründet hat, am liebsten aus der Zukunft. «Man nimmt auf diese Weise eine merkwürdige Distanz zur Gegenwart ein und kann gerade deshalb besser über sie sprechen», sagt sie. Das öffne den Blick.

Mit dem Blick aus der Zukunft

Und so schrieb sie für den vom Aargauer Theater Marie initiierten Themenabend «Zukunft Europa» Minidramen, die unser heutiges Europa aus der Zukunft charakterisieren. Im prämierten Theaterstück «Mein Enkel 2072» sprachen die Enkel des Jahres 2072 über ihre Grosseltern, die wir Heutigen bis dahin sein werden. Und in dem morgen in Basel uraufgeführten Stück «Homo digitalis» hat sich Koch darüber Gedanken gemacht, was von der Gattung Mensch im digitalen Zeitalter überhaupt noch übrig bleibt.

Hinweis

«Homo digitalis» von Gilliéron/Koch/Wey. Premiere: 31. 3., Kaserne Basel. Infos: www.kaserne-basel.ch

«Essen Zahlen Sterben» von Ariane Koch, Michael Fehr, Dominik Busch. Premiere: 8. 4., Luzerner Theater. Infos: www.luzernertheater.ch