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THEATER: Ibsen-Update: Ein Volksfeind ohne Feinde

Das Schauspielhaus Zürich zeigt Ibsens «Ein Volksfeind» zur Saisoneröffnung. Dem amüsanten Trip durch die Nullerjahre folgt die kalte Dusche interaktiven Theaters.
Stockmann (Markus Scheumann) kämpft gegen postmoderne Unverbindlichkeit. (Bild: PD/Tanja Dorendorf)

Stockmann (Markus Scheumann) kämpft gegen postmoderne Unverbindlichkeit. (Bild: PD/Tanja Dorendorf)

Was wird in unserer pluralistischen Gesellschaft nicht alles durcheinandergetwittert und rausgebloggt. Von so einem Überangebot an Kommunikation konnten unsere Kollegen aus dem 19. Jahrhundert nur träumen. Aber haben wir auch eine Meinung? Und kommt die digital wirklich so ungefiltert und authentisch rüber, wenn uns jeder Like eines Followers bauchpinselt?

Der deutsche Autor und Publizist Dietmar Dath hat für die Spielzeiteröffnung des Zürcher Schauspielhauses Henrik Ibsens politischstes Stück «Ein Volksfeind» (1882) einem Update unterzogen. Es geht um die Machenschaften eines globalen Konzerns, der in einer Gemeinde Fracking betreibt und dabei das Wasser verseucht. Und um einen Arzt, der beim Versuch, die demokratisch gesinnte Blogging-Gemeinde und die transparente Kommunalverwaltung von der bitteren Wahrheit zu überzeugen, seine Glaubwürdigkeit verliert.

Schlagwörter des neuen Zeitalters

Sämtliche Schlagwörter der Nuller-Jahre krachen in der Regiearbeit von Stefan Pucher auf uns ein: Transparenz, Smoothies, Biotech, E-Government, Follower. Die Bühne ist ein Think-Tank, auf den Tischen stehen Apfel-Laptops, die lokal denkende und global handelnde Stadt ist als putziges Architekturmodell aktualisiert – und gibt sich auf dem projizierten Google-Earth-Panorama weltläufig. Klar, dass sich die Akteure auf der Bühne nur selten begegnen, dafür aber kollektiv umso öfter auf ihr Handy starren und ihre Meinungen über Telefonkonferenzen austauschen.

Ibsen antwortete auf Kritik

Bei Ibsens Originalstück lief das alles noch analog und dementsprechend laut und holprig: Als der Badearzt Tomas Stockmann entdeckt, dass das ins Kurbad seiner Heimatstadt eingespeiste Grundwasser von einer Fabrik vergiftet wird, geht er mit seiner Entdeckung an die Öffentlichkeit. Doch weil ein Teil der Bevölkerung ökonomische Interessen vor das Wohl der Badegäste stellt, ist es mit der Loyalität schnell vorbei. Bald hetzen Presse und Obrigkeit die öffentliche Meinung gegen Stockmann auf. Man erklärt ihn zum Volksfeind und macht ihn zu einem sehr einsamen und wütenden Menschen, der sich mit dem Satz «Der stärkste Mann ist derjenige, der ganz alleine dasteht» zum elitären Erzieher der Menschheit aufschwingt.

Ibsen hatte das Stück 1882 als Antwort auf die öffentliche Kritik an seinem gesellschaftskritischen Stück «Gespenster» geschrieben. Stockmanns tiefste Überzeugung ist auch Ibsens: Ein geistiger Vorkämpfer wie er, und nicht das Volk, habe das Recht auf seiner Seite. Die öffentliche Meinung sei manipuliert.

Die Hirne neu formatieren

Ibsens Figur des Badearztes Stockmann ist im Grunde ein Anarchist, der in Daths Web-2.0.-Fassung alles neu formatieren will: die Hirne und die Gesellschaftsform. Doch statt gegen Obrigkeit und einfache Bürger wie noch bei Ibsen hat es dieser Dath’sche Stockmann mit Leuten zu tun wie der smarten Bloggerin Hovstad und dem Softwarehersteller Aslaksen. Sie alle haben sich längst an den Meinungspluralismus und die postmodernen Relativierungen gewöhnt. Stockmanns feuriger Fanatismus sehen sie als willkommene Abwechslung, aber nicht als Gefahr für die Gesellschaftsordnung, weshalb der sonst so grossartige Darsteller Markus Scheumann in dieser Rolle kaum auf seine Kosten kommt. So ist sein Ausspruch «Ich ersticke an der Transparenz dieser Gesellschaft!» mehr Verzweiflungsbekundung denn Kampfansage.

Plötzlich raus aus Komfortzone

Wenn er mit seinem Bruder, dem Stadtvorsteher, Konflikte austrägt, dann höchstens sportlich, auf einem weissen City-Bike. Bis die Luft raus ist und alles gesagt. Auf der Bühne herrscht der Geist des Silicon Valley, jeder ist an seinem Projekt, nur Stockmann auf einer Mission. Zur Optimierung der Körperfunktion gibts Gruppenfitness zu Becky Lee Walters galaktischem «Kraftwerk»-Retro-Sound, während Stockmanns Ehefrau Katrine im «Star Trek»-Kostüm als Putzroboter über die Bühne läuft und ihre Stellung als Hausfrau angestrengt akademisch zu verteidigen sucht.

Bis zur Pause wähnt man sich so in einem amüsanten Schnelldurchlauf durch die Nullerjahre, dem die Dringlichkeit von Ibsens Gesellschaftsstück abgeht. Doch als Stockmann zur – natürlich analogen – Rede an seine Mitbürger ansetzt, entlässt uns Pucher plötzlich aus der Komfortzone und verordnet uns die kalte Dusche interaktives Theater.

Während die Stockmann-Anhänger im Theaterraum sitzen bleiben, wird das dialogbereite Zürcher Publikum ins Foyer geschickt, zum basisdemokratischen Austausch mit den Bloggern. Die wollen wissen, ob man das Volksstimmrecht abschaffen soll. So viel meinungsschwaches Feedback hat man auf diese Frage selten gehört.

Julia Stephan

Hinweis

Nächste Vorstellungen am Dienstag und Freitag, alle Infos auf www.schauspielhaus.ch

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