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THEATER: «In Luzern zu leben, hat etwas Gefährliches»

Nach zwölf Jahren verlässt Dominique Mentha als Intendant das Luzerner Theater: Ein Gespräch über Erfolge, fehlende Skandale, das Luzerner Publikum und die Zukunft der Theaterstadt Luzern.
Kurt Beck und Urs Mattenberger
«Nach der guten Zeit in Luzern bin ich auch froh, dass ich gehen kann»: Dominique Mentha am Bahnhof Luzern. (Bild Jakob Ineichen)

«Nach der guten Zeit in Luzern bin ich auch froh, dass ich gehen kann»: Dominique Mentha am Bahnhof Luzern. (Bild Jakob Ineichen)

Kurt Beck und Urs Mattenberger

Dominique Mentha, wieso gab es in Ihren zwölf Jahren in Luzern keine Theaterskandale – entgegen dem Ruf, der Ihnen von Innsbruck und der Volksoper in Wien vorauseilte?

Dominique Mentha: In Innsbruck musste ich mich tatsächlich dauernd mit Skandalen herumschlagen, und in Wien war es die Operette, die für Skandale sorgte. Das ist aufreibend, aber wenn es überhaupt keinen Skandal gibt, macht das einen Intendanten natürlich auch nicht glücklich. (lacht)

Für den ukrainischen Regisseur Andriy Zholdak, ist «das Territorium der Träume, der verborgenen Wünsche, Visionen und Gedanken interessanter als die Wirklichkeit». Und damit auch das Theater – mit seinen «Illusionen»: «Das ist Künstlichkeit, das ist die Droge einer anderen Welt.» «Traumspiele – Szenen nach August Strindberg» waren ein Beispiel für Zholdaks Bildersprache, die sinnlich, kräftig und mit Störfaktoren durchsetzt ist. «Was Zholdak auf der Luzerner Bühne anrichtet, zeugt von seiner überbordenden Fantasie», schrieb die Neue LZ damals: «Es ist ein schräges Stück absurdes Theater, surreal, heftig, skurril – eine beeindruckende Inszenierung des Luzerner Theaters, das überzeugende Ergebnis engagierter und intensiver Arbeit aller Beteiligten.»Für den ukrainischen Regisseur Andriy Zholdak, ist «das Territorium der Träume, der verborgenen Wünsche, Visionen und Gedanken interessanter als die Wirklichkeit». Und damit auch das Theater – mit seinen «Illusionen»: «Das ist Künstlichkeit, das ist die Droge einer anderen Welt.» «Traumspiele – Szenen nach August Strindberg» waren ein Beispiel für Zholdaks Bildersprache, die sinnlich, kräftig und mit Störfaktoren durchsetzt ist. «Was Zholdak auf der Luzerner Bühne anrichtet, zeugt von seiner überbordenden Fantasie», schrieb die Neue LZ damals: «Es ist ein schräges Stück absurdes Theater, surreal, heftig, skurril – eine beeindruckende Inszenierung des Luzerner Theaters, das überzeugende Ergebnis engagierter und intensiver Arbeit aller Beteiligten.»
Igor Strawinskis Tragikomödie «The Rake’s Progress» als hochästhetisches Märchen: Sensibel inszeniert und immer in der perfekten Schwebe zwischen Witz und Melancholie erzählten der Regisseur Alexander Schulin und sein Ausstatter Christian Schmidt vom Untergang eines naiven Helden. Verführt von falschen Versprechen eines leicht zu erlangenden Glücks verpasst Tom Rakewell nicht nur die Liebe, sondern auch das Leben. Jason Kim und Simone Stock übernahmen darin ihre ersten Hauptrollen, Marc-Olivier Oetterli gastierte als Nick Shadow erstmals am Luzerner Theater.Igor Strawinskis Tragikomödie «The Rake’s Progress» als hochästhetisches Märchen: Sensibel inszeniert und immer in der perfekten Schwebe zwischen Witz und Melancholie erzählten der Regisseur Alexander Schulin und sein Ausstatter Christian Schmidt vom Untergang eines naiven Helden. Verführt von falschen Versprechen eines leicht zu erlangenden Glücks verpasst Tom Rakewell nicht nur die Liebe, sondern auch das Leben. Jason Kim und Simone Stock übernahmen darin ihre ersten Hauptrollen, Marc-Olivier Oetterli gastierte als Nick Shadow erstmals am Luzerner Theater.
Am Luzerner Theater war die komplette Trilogie des Künstlerduos Robert Wilson und Tom Waits zu sehen, inszeniert von Andreas Herrmann, seit 2007 künstlerischer Leiter des Schauspiels. Es begann mit «Woyzeck» nach Georg Büchner, darauf folgte «Alice», eine Reise in die Traumwelt der schillernden Persönlichkeit von Lewis Carroll, und schloss mit «The Black Rider», einer modernen Variation der Freischütz-Sage. Mit dem Bühnenbildner Max Wehberg erkundete Herrmann den faszinierenden Kosmos dieser einzigartigen Schauspiel-Musicals. Als musikalischer Leiter mit dabei: Daniel Perrin aus Lausanne, der mit den Luzerner Musikern um «Grey Mole» und Studierenden der Hochschule Luzern – Musik die schrägen Klangwelten des Songwriters Waits mit Leben erfüllte.Am Luzerner Theater war die komplette Trilogie des Künstlerduos Robert Wilson und Tom Waits zu sehen, inszeniert von Andreas Herrmann, seit 2007 künstlerischer Leiter des Schauspiels. Es begann mit «Woyzeck» nach Georg Büchner, darauf folgte «Alice», eine Reise in die Traumwelt der schillernden Persönlichkeit von Lewis Carroll, und schloss mit «The Black Rider», einer modernen Variation der Freischütz-Sage. Mit dem Bühnenbildner Max Wehberg erkundete Herrmann den faszinierenden Kosmos dieser einzigartigen Schauspiel-Musicals. Als musikalischer Leiter mit dabei: Daniel Perrin aus Lausanne, der mit den Luzerner Musikern um «Grey Mole» und Studierenden der Hochschule Luzern – Musik die schrägen Klangwelten des Songwriters Waits mit Leben erfüllte.
«Der Geruch von Feuchtigkeit, eine dunkle Ecke, Stapel von Pappkartons, lang vergessenes Spielzeug»: BING, BANG, BOOM war laut Kinsun Chan «ein nostalgischer Blick auf die Kindheit.» Der Choreograf war inspiriert vom Aufführungsort, dem UG des Luzerner Theaters an der Winkelriedstrasse. Das Tanzstück sollte «die Erinnerung an damals wecken, als jede Entdeckung nur ein paar Schritte entfernt lag – im Keller, auf dem Dachboden oder in einem versteckten Raum». Es wurde ein grosser Publikumserfolg wie auch Chans Choreografie für die «West Side Story» 2011 und «Tanz 14: NUTS!» aus der Spielzeit 2013/14. Dem Choreografen gelang es stets, Orte in magische Fantasiewelten zu verwandeln und die Zuschauer für eine Zeit lang die Realität vergessen zu machen. (Bild: pd)«Der Geruch von Feuchtigkeit, eine dunkle Ecke, Stapel von Pappkartons, lang vergessenes Spielzeug»: BING, BANG, BOOM war laut Kinsun Chan «ein nostalgischer Blick auf die Kindheit.» Der Choreograf war inspiriert vom Aufführungsort, dem UG des Luzerner Theaters an der Winkelriedstrasse. Das Tanzstück sollte «die Erinnerung an damals wecken, als jede Entdeckung nur ein paar Schritte entfernt lag – im Keller, auf dem Dachboden oder in einem versteckten Raum». Es wurde ein grosser Publikumserfolg wie auch Chans Choreografie für die «West Side Story» 2011 und «Tanz 14: NUTS!» aus der Spielzeit 2013/14. Dem Choreografen gelang es stets, Orte in magische Fantasiewelten zu verwandeln und die Zuschauer für eine Zeit lang die Realität vergessen zu machen. (Bild: pd)
Regelmässig vergab das Luzerner Theater Kompositionsaufträge. Die Bitte um eine Oper bei dem Komponisten Johannes Maria Staud und dem Lyriker Durs Grünbein war indes ein Sonderfall – einerseits fragte man die so ziemlich hochkarätigsten Künstler ihres Faches an, andererseits sollte das Werk die seit 2008 anvisierte Salle Modulable eröffnen. Dem geplanten Anlass wäre «Die Antilope» durchaus gerecht geworden mit ihrem virtuosen Spiel mit vokalen Klangfarben und Stilen, zusammengehalten von einer Kreisdramaturgie: im Mittelpunkt ein Flaneur, dem exemplarische Lebenssituationen widerfahren, ohne dass ihm ein Ausbruch gelänge. In der eigentlichen Hauptrolle des Werks, als Victor, war der amerikanische Bariton Todd Boyce zu erleben. (Bild: pd)Regelmässig vergab das Luzerner Theater Kompositionsaufträge. Die Bitte um eine Oper bei dem Komponisten Johannes Maria Staud und dem Lyriker Durs Grünbein war indes ein Sonderfall – einerseits fragte man die so ziemlich hochkarätigsten Künstler ihres Faches an, andererseits sollte das Werk die seit 2008 anvisierte Salle Modulable eröffnen. Dem geplanten Anlass wäre «Die Antilope» durchaus gerecht geworden mit ihrem virtuosen Spiel mit vokalen Klangfarben und Stilen, zusammengehalten von einer Kreisdramaturgie: im Mittelpunkt ein Flaneur, dem exemplarische Lebenssituationen widerfahren, ohne dass ihm ein Ausbruch gelänge. In der eigentlichen Hauptrolle des Werks, als Victor, war der amerikanische Bariton Todd Boyce zu erleben. (Bild: pd)
«Onkel Wanja», Schauspiel von Anton Tschechow (2015): Fünfmal hat der Schauspieler Ueli Jäggi in Luzern inszeniert. 2004 wurde in Sean O’Caseys «Das Ende vom Anfang» die Geschichte eines streitbaren Ehepaares von Irland in die Schweizer Berge verlegt und ins Schweizerdeutsche übersetzt. 2007 folgte «Das Versprechen» von Friedrich Dürrenmatt als beklemmendes Kammerspiel. 2009 inszenierte Jäggi «Der Gehülfe» nach Robert Walser, 2011 «In Amrains Welt. Auf der Suche nach der wiedergefundenen Zeit» nach Texten von Gerhard Meier, 2015 «Onkel Wanja» von Anton Tschechow. Jäggis Inszenierungen waren hochmusikalische, streng durchkomponierte Abende, die in den eigenwilligen Bühnenbildern von Werner Hutterli die tragikomischen Aspekte des Lebens ins Zentrum rückten. (Bild: pd)«Onkel Wanja», Schauspiel von Anton Tschechow (2015): Fünfmal hat der Schauspieler Ueli Jäggi in Luzern inszeniert. 2004 wurde in Sean O’Caseys «Das Ende vom Anfang» die Geschichte eines streitbaren Ehepaares von Irland in die Schweizer Berge verlegt und ins Schweizerdeutsche übersetzt. 2007 folgte «Das Versprechen» von Friedrich Dürrenmatt als beklemmendes Kammerspiel. 2009 inszenierte Jäggi «Der Gehülfe» nach Robert Walser, 2011 «In Amrains Welt. Auf der Suche nach der wiedergefundenen Zeit» nach Texten von Gerhard Meier, 2015 «Onkel Wanja» von Anton Tschechow. Jäggis Inszenierungen waren hochmusikalische, streng durchkomponierte Abende, die in den eigenwilligen Bühnenbildern von Werner Hutterli die tragikomischen Aspekte des Lebens ins Zentrum rückten. (Bild: pd)
«Das war eine Wucht!», «Ein einzigartiges Erlebnis!», «Können auf höchstem Niveau» – so die Stimmen aus Publikum und Presse zum ersten dreiteiligen Abend des Luzerner Tanzensembles. In drei grundverschiedenen choreografischen Stilen zeigte sich «Tanz Luzerner Theater» auf solch hohem Niveau, dass auch die internationale Tanzzunft aufmerksam wurde und Gastspiele nach Belgien, den Niederlanden und Serbien folgten. Neben «NUTS!» blieb dieses Stück bisher das einzige in der Sparte Tanz, das aufgrund der grossen Nachfrage eine Spielzeit später wieder aufgenommen wurde. «Malasombra» war eine ausdrucksstarke Hommage an die exzentrische Sängerin La Lupe, die humorvolle und bissige Choreografie «Naked Ape» stellte einen zwischen Instinkt und Intellekt zerrissenen Professor dar. Die atemberaubende, radikale Performance «Shades» gab die Party zum Schluss. (Bild: Gregory Batardon)«Das war eine Wucht!», «Ein einzigartiges Erlebnis!», «Können auf höchstem Niveau» – so die Stimmen aus Publikum und Presse zum ersten dreiteiligen Abend des Luzerner Tanzensembles. In drei grundverschiedenen choreografischen Stilen zeigte sich «Tanz Luzerner Theater» auf solch hohem Niveau, dass auch die internationale Tanzzunft aufmerksam wurde und Gastspiele nach Belgien, den Niederlanden und Serbien folgten. Neben «NUTS!» blieb dieses Stück bisher das einzige in der Sparte Tanz, das aufgrund der grossen Nachfrage eine Spielzeit später wieder aufgenommen wurde. «Malasombra» war eine ausdrucksstarke Hommage an die exzentrische Sängerin La Lupe, die humorvolle und bissige Choreografie «Naked Ape» stellte einen zwischen Instinkt und Intellekt zerrissenen Professor dar. Die atemberaubende, radikale Performance «Shades» gab die Party zum Schluss. (Bild: Gregory Batardon)
La Fura dels baus zeigt ihre Muskeln: Exklusiv für das Luzerner Theater kreierte die katalanische Künstlergruppe unter der Leitung von Carlus Padrissa ein Allroundspektakel mit Gesang, Tanz und Schauspiel. Zu dem in High-Tech-Welten versetzten Faust-Mythos gab es virtuose Koloraturen in Überschlagsrollen und melancholische Kantilenen in Tauchbecken zu bestaunen. Zu weiteren Höhepunkten gehörten die eindrucksvollen Auftritte tanzender und singender Klangmaschinen. Wie viele andere Produktionen zeigte das Theater diese ausserhalb der eigenen vier Wände. Nach Gastspielen etwa in der Seebadi, dem Zeughaus, dem Casineum, dem Hotel Union und «Le Théâtre» spielten alle drei Sparten diesmal im Verkehrshaus der Schweiz. (Bild: pd)La Fura dels baus zeigt ihre Muskeln: Exklusiv für das Luzerner Theater kreierte die katalanische Künstlergruppe unter der Leitung von Carlus Padrissa ein Allroundspektakel mit Gesang, Tanz und Schauspiel. Zu dem in High-Tech-Welten versetzten Faust-Mythos gab es virtuose Koloraturen in Überschlagsrollen und melancholische Kantilenen in Tauchbecken zu bestaunen. Zu weiteren Höhepunkten gehörten die eindrucksvollen Auftritte tanzender und singender Klangmaschinen. Wie viele andere Produktionen zeigte das Theater diese ausserhalb der eigenen vier Wände. Nach Gastspielen etwa in der Seebadi, dem Zeughaus, dem Casineum, dem Hotel Union und «Le Théâtre» spielten alle drei Sparten diesmal im Verkehrshaus der Schweiz. (Bild: pd)
Kinder, Kinder, Kinder – wohin man auch blickt! Zu Benjamin Brittens 100. Geburtstag brachte das Luzerner Theater die Kinderoper «Noahs Flut» zur Aufführung, allerdings nicht im Theater, sondern in der Jesuitenkirche und hauptsächlich mit Kindern und Jugendlichen im Orchester, als Akteure und als Gestalter. Die Maskenbildnerei assistierte beim Basteln von Tiermasken in der Schule, der Musikdirektor bändigte Chor und Orchester, ein Bassbariton des Ensembles spielte den lieben Gott und der Musiktheaterdramaturg half an der Blockflöte aus. «Es fehlt nur, dass sich die Tore öffnen und das Wasser der Reuss die Jesuitenkirche überschwemmt. So effektvoll wird hier die Flut in Szene gesetzt», schrieb damals die Neue LZ zu diesem «Chester Miracle Play» von Britten. (Bild: Ingo Höhn)Kinder, Kinder, Kinder – wohin man auch blickt! Zu Benjamin Brittens 100. Geburtstag brachte das Luzerner Theater die Kinderoper «Noahs Flut» zur Aufführung, allerdings nicht im Theater, sondern in der Jesuitenkirche und hauptsächlich mit Kindern und Jugendlichen im Orchester, als Akteure und als Gestalter. Die Maskenbildnerei assistierte beim Basteln von Tiermasken in der Schule, der Musikdirektor bändigte Chor und Orchester, ein Bassbariton des Ensembles spielte den lieben Gott und der Musiktheaterdramaturg half an der Blockflöte aus. «Es fehlt nur, dass sich die Tore öffnen und das Wasser der Reuss die Jesuitenkirche überschwemmt. So effektvoll wird hier die Flut in Szene gesetzt», schrieb damals die Neue LZ zu diesem «Chester Miracle Play» von Britten. (Bild: Ingo Höhn)
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Dominique Mentha: Rückblick in neun Bildern

Sind Sie zahmer geworden?

Mentha: Nein, aber in Luzern hatte ich den Auftrag, das Theater zu stabilisieren und Publikum zurückzugewinnen, das unter Barbara Mundel verloren gegangen war. Als ich zusagte, habe ich klargestellt, dass ich nicht nur Werke wie «Rigoletto» oder die «Zauberflöte» aufs Programm setzen würde. Aber ich habe den Auftrag akzeptiert. Und Skandale sind nicht geeignet, einen solchen Auftrag zu erfüllen. Zudem musste ich niemandem mehr beweisen, dass ich das Theater «aufmischen» kann – das hatte man mir in Innsbruck und Wien zu Genüge vorgeworfen. Aber einige Stücke hatten tatsächlich das Potenzial zum Skandal, ich denke da an «Traumspiele», «La Traviata» und «Der Besuch der alten Dame».

Erlebten Sie diesen Auftrag auch als künstlerische Einschränkung?

Mentha: Es hat vielleicht mit dem Älterwerden zu tun, dass ich die Energie scheute, doch einmal richtig auf die Pauke zu hauen. Aber als Einschränkung empfand ich die Vorgabe nicht. Eher kopflastige Produktionen, mit denen der Publikumsrückgang wohl zu tun hatte, interessieren mich nicht. Dagegen haben wir Publikum durchaus mit ambitionierten und innovativen Spielplänen und Inszenierungen zurückgewonnen.

Können Sie Beispiele nennen?

Mentha: Schon mit der Eröffnungsproduktion begannen wir mit dem «Kaiser von Atlantis» neue Räume zu erschliessen – später kamen das Schauspiel im Hotel Union, eine Barockoper im Casineum oder das Verkehrshaus hinzu. Von Beginn weg holte ich Regisseurinnen wie Vera Nemirova oder Tatjana Gürbaca, die damals als «junge Wilde» galten. Stephan Müller habe ich als Opernregisseur sogar entdeckt. Und schliesslich haben wir allein in der Oper 16 Uraufführungen und viele Raritäten gemacht sowie die Jugendproduktionen stark ausgebaut.

Lucerne Festival oder das Luzerner Sinfonieorchester hatten in diesen Jahren mit Moderne-Programmen überraschenden Erfolg. Wie aufgeschlossen haben Sie das Theater-Publikum erlebt?

Mentha: Man kann diese Bereiche nicht vergleichen. Wer eine zeitgenössische Oper besucht, muss sich darauf viel länger einlassen als das bei einem neuen Stück in einem Konzertprogramm der Fall ist. Ich habe das Luzerner Publikum jedenfalls nicht als grundsätzlich konservativ erlebt. Speziell schätzte ich die grosse Treue und den Respekt, den ich spürte. Aber es lässt sich nicht leidenschaftlich zu einer zeitgenössischen Oper verführen. Auch bei den Raritäten wie dem Musical «Sweeny Todd» war ich von der Publikumsresonanz manchmal enttäuscht. Ein kleines Haus wie dieses bietet aber den Vorteil, dass in solchen Fällen auch das Risiko kleiner ist.

Oper und Tanz waren in Ihrer Intendanz erfolgreicher als das Schauspiel. Wie erklären Sie sich diese Unterschiede?

Mentha: In künstlerischer Hinsicht sehe ich das nicht so. Sicher, der Tanz, wo wir wieder ein Ensemble eingeführt haben, war äusserst erfolgreich. Das hängt auch damit zusammen, dass wir vermehrt Ballettklassiker in zeitgenössischen Versionen gezeigt haben, wie das in der Oper und im Schauspiel selbstverständlich ist. Im Schauspiel hat es Andreas Herrmann verstanden, einen eigenen Typ von Ensemble aufzubauen. Dieses hat mit der Umsetzung von zeitgenössischer Literatur und mit seinem Zyklus der Tom-Waits-Musicals starke Akzente gesetzt, die über die Region hinaus Beachtung fanden.

Vor ein paar Jahren stellten Politiker dennoch die Abschaffung der Schauspielsparte zur Diskussion. Dagegen wehrten Sie sich als vehementer Verfechter des Dreispartentheaters. Wieso?

Mentha: Sehen Sie, damit gab es ja doch einen Skandal! Diese Diskussion war der Tiefpunkt in meiner Zeit als Intendant. In einem Dreispartenhaus inspirieren sich die Akteure aus den verschiedenen Bereichen nicht nur in gemeinsamen Projekten, wenn wir etwa Tänzer in einer Operette oder das Sinfonieorchester in Tanzproduktionen einbezogen haben. Die Beschränkung auf die Oper würde auch ganz andere Mittel verlangen: für einen grösseren Theaterchor, mehr Sänger oder mehr Dienste des Luzerner Sinfonieorchesters, das gar nicht über zusätzliche Kapazitäten verfügt.

In der Diskussion über das Schauspiel wurde eine stärkere Zusammenarbeit mit der freien Szene ins Spiel gebracht. Wie klappte diese Zusammenarbeit?

Mentha: Auch wir haben mit Schauspielern und Regisseuren aus der freien Szene zusammengearbeitet. Höhepunkte waren im Schauspiel die Zusammenarbeit mit der Regisseurin Emma Dante oder im Musiktheater die Produktion von «La Fura dels Baus». Dass das im lokalen Bereich weniger funktionierte, lag auch an Vorurteilen – jenem etwa, dass ein Stadttheater künstlerische Freiheiten unterdrückt. Die Diskussionen um die Salle Modulable haben da eine wichtige Annäherung in Gang gesetzt.

Wie beurteilen Sie heute das Projekt für eine Salle Modulable?

Mentha: Ich finde, dass ein solches Haus für Luzern eine grosse Chance wäre. Zum einen ist klar, dass das Haus an der Reuss schon heute am Limit ist und in 15 Jahren als Theater nicht mehr betrieben werden kann. Auch die Idee, dass in einer Salle Modulable unterschiedliche Akteure zusammenfinden und nach Konzepten abseits der Guckkastenbühne suchen, ist spannend. Aber fraglich bleibt für mich, ob das vorliegende Projekt nicht zu gross ist für Luzern.

Abstriche beim Volumen und Raumprogramm sind aber nicht mehr möglich. Wie schätzen Sie den Spielraum für Einsparungen bei den Betriebskosten ein?

Mentha: Das Problem ist, dass beides eng miteinander zusammenhängt. Zu den genannten Mehrkosten etwa für Opern in einem grösseren Haus kommt hier noch der viel aufwendigere Technikbereich hinzu. Ich denke deshalb, es ist nicht realistisch, im Rahmen des vorliegenden Projekts die Betriebskosten zu reduzieren. Allerdings ist wohl richtig, dass ein neues Haus mehr Publikum generieren dürfte.

Das Luzerner Theater blieb eine Sprungbrett-Bühne für Sänger, die Karriere machen und dann weiterziehen. Geben auch Sie Luzern als Wohnsitz auf?

Mentha: Der Ausdruck «Sprungbrett» ist mir zu billig. Es geht darum, Entdeckungen zu machen, und das ist uns mit Teodora Gheorghiu, Tanja Ariane Baumgartner, Dana Marbach, Marc Olivier Oetterli, Tobias Hächler oder Alexandre Beuchat ja tatsächlich gelungen. Aber ja, ich ziehe weg, nach Graz, das ist auch eine schöne Stadt, und immerhin wirklich eine Stadt!

Als Stadt war Ihnen Luzern zu klein?

Mentha: Nein, und Luzern ist eine wunderschöne Stadt, wo ich mich auf Anhieb sehr wohl gefühlt habe. Aber in Luzern zu leben, hat etwas Gefährliches an sich. Die Schönheit dieses Ortes droht, einen selbstzufrieden zu machen und sozusagen aufzufressen. Ein Sänger ging aus diesem Grund weg: In Luzern verliere man an Energie und Ehrgeiz, weil alles so idyllisch sei, dass man am liebsten gleich eine Familie gründen möchte.

Was nehmen Sie von Luzern mit?

Mentha: Die Genugtuung, dass ein guter Nachfolger das Haus übernimmt. Natürlich muss Benedikt von Peter noch umsetzen, was er angekündigt hat. Aber nicht nur seine Pläne machen mich zuversichtlich, sondern auch die Zusammenarbeit in dieser Zeit des Übergangs, der sich atmosphärisch sehr angenehm vollzog.

Als freier Regisseur werden Sie wieder auch für grössere Bühnen inszenieren. Ist damit Luzern doch auch ein Sprungbrett für Sie persönlich?

Mentha: Auch in meinem Fall ist der Ausdruck unpassend. Aber ich freue mich, dass ich als freier Regisseur viele interessante Produktionen machen darf. Fest stehen in Wien die «Antilope» von Johannes Maria Staud, in Innsbruck der «Figaro», in Kassel Verdis «Luisa Miller» mit dem Bühnenbildner von La Fura dels Baus. Ich vermisse zwar, dass ich bei der Stückauswahl nicht mehr mitgestalten kann. Trotzdem kann ich sagen: 30 Jahre als Intendant, davon 12 hier in Luzern, sind mehr als genug. Nach dieser guten und interessanten Zeit bin ich auch froh, dass ich gehen kann.

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