THEATER: Kinder, ist das kompliziert!

Wer sich ein Kind machen lassen will, hat heute die Qual der Wahl. Ein Abend im Kleintheater gibt Nachhilfe.

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Schauspieler Christoph Rath als 55-facher Samenspender: stolz auf jedes Kind. (Bild: PD)

Schauspieler Christoph Rath als 55-facher Samenspender: stolz auf jedes Kind. (Bild: PD)

Auf der Kleintheater-Bühne öffnen sich langsam die grünen Fensterläden, wie man sie von idyllischen Kleinfamilienbehausungen kennt. Dahinter quietscht, wie ein schlecht geöltes Scharnier, ein auf Leinwand projiziertes Baby, dieser letzte Baustein zum Familienglück.

Man mag es kaum glauben, doch für die Produktion eines solchen Wesens nehmen Menschen heute gewaltige Anstrengungen auf sich. Sie reisen ins Ausland zu Samenspendern, lassen sich von Leihmüttern Kinder gebären oder sich fremde Eizellen einpflanzen. Dabei hatte es Mutter Natur doch eigentlich ganz einfach eingerichtet.

Nichts ist unmöglich

Aber eben nicht für alle. Die Zürcher Regisseurin Anna Papst hat die Krux mit dem Kinderkriegen, diese angeblich einfachste Sache der Welt, in ihrem dialektischen Abend «Ein Kind für alle» als theatrale Reportage aufgearbeitet. Darin wird jede absolute Meinung, etwa die eines Medizinethikers, der freiwillige Leihmutterschaft für unmöglich hält, von den erzählten Lebensgeschichten relativiert. Da schenkt eine Personalvermittlerin und mehrfache Mutter aus Nächstenliebe fremden Paaren Kinder, feiert aber nur die Geburtstage ihrer eigenen. Da spritzt ein Samenspender, der 55 Kinder in den Welt gesetzt hat, seinen potenten Samen eben nicht wahllos in der Gegend rum, sondern prüft die beglückten Damen vorher jeweils auf Herz und Nieren.

Familiäre Kopfgeburten

Ein Diavortrag aus Bildern vom Traumpaar Barbie und Ken und anderen familiären Kopfgeburten der Populärkultur führt uns zu Beginn vor Augen: Die Idee von diesem spezifischen Familienglück, nach dem wir bis heute suchen, ist geschichtlich ebenso gewachsen wie ein Kind aus der Eizelle. Sie verändert sich mit jeder Gesetzesverschiebung und jedem Einzelfall, der – hat er einmal Nachahmer provoziert – von der Ausnahme zur Norm wird.

In langen Gesprächen mit Betroffenen hat Papst Geschichten gesammelt und deren Essenz unter der dramaturgischen Beihilfe des für seine biografischen Langzeitprojekte bekannten Künstlers Mats Staub für die Bühne kondensiert.

Dort erzählen die Schauspieler Jonas Gygax und Christoph Rath vor projizierten Bildern von Spielplätzen, Wohnstuben und Arztpraxen – der Lebenswelt der Betroffenen – deren Geschichten nach, imitieren die Idiome, die Tonlage und Gestik der vormals Interviewten, als wären sie Stellvertreter der anonymen Schicksale. Das Projekt, das ein wenig an Mike Müllers Dokumentarabende («A1 – ein Stück Schweizer Strasse») erinnert, lädt uns ohne Imperativ dazu ein, mit mehr Toleranz und Neugier über die Ränder unserer gemachten Familiennester zu schauen.

Julia Stephan

«Ein Kind für alle». Vorstellungen im Luzerner Kleintheater: Fr 19.2. und Sa 20.3., jeweils 20 Uhr. www.kleintheater.ch