THEATER: Lessing: Aktuell auch ohne Aktualisierungen

Lessings «Nathan der Weise» kennt fast jeder als Schullektüre. Das kopflastige Toleranzplädoyer ist schwierig zu inszenieren. Im Pfauen Zürich es gelingt weitgehend.

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Der besonnene Nathan (Robert Hunger-Bühler) und der heissblütige Tempelritter (Johannes Sima). (Bild: PD/Tanja Dorendorf)

Der besonnene Nathan (Robert Hunger-Bühler) und der heissblütige Tempelritter (Johannes Sima). (Bild: PD/Tanja Dorendorf)

Aschenregen, Bombenstaub rieselt. Aus einem Lautsprecher dringt der Gebetsruf des Muezzins. Schwarz verhüllte Gestalten treten aus dem Dunkel, rollen Gebetsteppiche aus, verrichten ihre Andacht. Dann ziehen sie sich auf Stühle im Hintergrund zurück, von wo sie auf ihre Stichworte hin wieder auftreten.

Aufklärung gegen Dogmen

Es sind Figuren in Gotthold Ephraim Lessings Drama «Nathan der Weise», das zur Zeit der Kreuzzüge spielt. Aber ebenso heute spielen könnte. Regisseurin Daniela Löffner hat dafür ein suggestives Bild gefunden: archaisch und hochaktuell zugleich.

Der Autor selbst bezeichnet das Werk als «dramatisches Gedicht»; im Bewusstsein, das Fehlen bühnenwirksamer Theatralik zu Gunsten brillanter Reflexion und aufklärerischer Kritik gegen die lapidare Evidenz der Religion in Kauf zu nehmen. Schon zu seiner Zeit war «Nathan» eher Lese- denn Bühnenstück.

Löffners Regie trägt dieser Anlage Rechnung. Das erfordert viel Bereitschaft, sich auf den Text einzulassen. Doch im löblichen Bestreben, nicht nur die Rampe zu bespielen, sondern auch im Hintergrund sprechen zu lassen, geht da rein akustisch einiges verloren, was besonders den ersten Teil etwas zähflüssig erscheinen lässt.

Grundsätzlich aber überzeugt der ruhige, sorgfältige Duktus, der nur vom Ungestüm des Tempelherrn gebrochen wird. Wohltuend auch, dass auf plumpe Aktualisierung – Die Versuchung ist gross! – und textliche Zusätze verzichtet wird. Die Brisanz von Lessings Gedankengut teilt sich auch ohne die Bilder mit, die man täglich in den Medien liest. Klar lesbar in ihrer ethnisch-religiösen Zuordnung sind die heutigen Kostüme: Kippa, ordengeschmückte Uniform, soldatisches Outfit, Hijab. Bleibt das Problem, aus den kaum agierenden Ideenträgern Menschen aus Fleisch und Blut zu machen, was nicht überall gelingt.

Frage aus dem Off

Der Sultan und seine Schwester treten für einmal nicht textgetreu Schach spielend auf, sondern fechtenderweise. Das ist toll anzusehen und verleiht ihren sprachlich pointierten Debatten einen augenfälligen Stimulus: sie klug und agil, er drahtig und formell. Seine provokante Frage nach der wahren Religion stellt er aus dem Zuschauerraum und sogar aus dem Off – ein dramaturgisch höchst wirkungsvoller Kunstgriff.

Die Amme Daja wird zum männlichen Erzieher Sascha. Warum er sich permanent einen Zigarette ansteckt und zur Aufklärung von Rechas Herkunft einen Apfel (Frucht der Wahrheit) mampft, ist nicht einsichtig. Gar etwas angestrengt wirkt die Titelfigur. Nathans Bemühen, die Rolle des toleranten Gutmenschen nicht zu zelebrieren, lässt ihn steif und eindimensional erscheinen. Profil gewinnt er in der finalen Szene, wo sich die verwandtschaftlichen Bande erschliessen: nicht totale Emotion, sondern ein stumm-ratloses Auseinandergehen! Und der Aschenregen, der während der Ringparabel aufgehört hatte, setzt wieder ein: dichter als zuvor.

Bruno Rauch, SFD

Hinweis

Die nächsten Vorstellungen: 10., 12., 15., 18. und 20. März. Infos: www.schauspielhaus.ch