THEATER LUZERN: Fehlt dem Südpol jetzt ein Gegenpol?

Das Schauspiel am Luzerner Theater wird unter der Intendanz von Benedikt von Peter um einiges progres­siver. Schmelzen dem Südpol jetzt Profil und Zuschauer weg?

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«Für den Südpol ist diese Annäherung eine Chance.» Patrick Müller, Südpol-Leiter (Bild: Neue LZ / Nadia Schärli)

«Für den Südpol ist diese Annäherung eine Chance.» Patrick Müller, Südpol-Leiter (Bild: Neue LZ / Nadia Schärli)

Julia Stephan

Erkundungen in einer Schrebergartensiedlung oder Theaterabende, an denen die Schauspieler ihr Publikum bekochen: Der neue Spielplan des Luzerner Theaters ist kein konservatives Gartenbeet mit Zaun. Hier herrscht neu ein Wildwuchs der Theaterformen. Einer, wie man ihn in Luzern bislang vor allem in der Freien Szene gewohnt war.

Verliert das experimentierfreudige Tanz-, Musik- und Theaterhaus Südpol an Luzerns Peripherie jetzt seine Rolle als Gegenpol? Und seine wichtigsten Künstler ans finanziell besser gerüstete Luzerner Theater?

Beteiligung an «Heimspielen»

Seit Monaten knüpft das neue Team des Luzerner Theaters Kontakte zur hiesigen Freien Szene – mit fruchtbarem Ergebnis: In der ersten Spielzeit unter Benedikt von Peter darf der hier verankerte Dominique Müller (Regie bei «Ohne Rolf», Dominic Deville, Johnny Burn) eine Premiere stemmen. Ebenso der Luzerner Schauspieler und Regisseur Patric Gehrig. Solche Tendenzen könnten sich in den nächsten Jahren noch verstärken. Schon in der kommenden Saison wird sich das Luzerner Theater an dem bisher von Südpol und Kleintheater organisierten Festival «Heimspiele» beteiligen. Eine spannende Entwicklung, aber birgt sie auch Gefahren?

Mutigere Zuschauer

«Für den Südpol ist diese Annäherung kein Problem, sondern eine Chance», sagt dessen künstlerischer Leiter Patrick Müller. «Das Stadttheaterpublikum geht momentan nicht in den Südpol. Wenn es neue Sehgewohnheiten entwickelt, erhoffe ich mir auch im Südpol einen Publikumszuwachs.» Dass die Publikumsgruppen beider Häuser in Zukunft auch mal mit ihren Lieblingskünstlern auf der anderen Bühne «fremd»gehen, wäre in der Tat begrüssenswert.

Neun Jahre nach seiner Eröffnung ist das Veranstaltungshaus in Kriens immer noch schwer fassbar. Es treffen eben viele Pole im Südpol zusammen. Vom internationalen Geheimtipp aus der freien Theaterszene bis zur lokalen Theatergruppe, vom Konzert über die Tanz-Performance bis zum zeitgenössischen Erzähltheater. Daneben Konzerte, ein Gastronomiebetrieb und Partys im hauseigenen Club. Patrick Müller will auch unter dem veränderten Luzerner Theaterumfeld an dieser Breite festhalten: «Ich halte das für wichtig. Luzern ist zu klein, um sich auch noch klein auszurichten.»

Im Bereich Theater und Tanz konnte das Haus in den letzten Jahren Stammkünstler etablieren, etwa die lokalen Gruppen Grenzgänger oder Ultra. Mit dem im letzten Jahr eingeführten Förderformat «Associated Artists» will man Künstler künftig zwei bis drei Jahre ans Haus binden. Den Anfang machen die Theaterfrau Beatrice Fleischlin und der Luzerner Gitarrist Manuel Troller. Beide geniessen schweizweit Anerkennung.

Ein Glücksfall für den Südpol ist die im Haus integrierte ehemalige Abwartswohnung. Der Südpol nutzt sie als Künstlerresidenz. Eine Trumpfkarte, die das Haus – wenn auch für die Öffentlichkeit noch zu wenig sichtbar – gut im Wettbewerb mit anderen Theatern einsetzen kann. Hier arbeiten Künstler an Produktionen, die später in Zürich oder anderswo Premiere feiern.

Produktionszentrum für die Region

Die Trumpfkarte Wohnung zeigt: Der Südpol ist inzwischen mehr als sein Spielplan. Geht die Vision des Theater Werk Luzern auf, soll das Haus am Luzerner Theaterplatz der Zukunft zu einer florierenden Produktionsstätte für die freie Szene werden. Während der Spielzeit 2015/16 gab es hier acht Premieren, darunter eine Performancereihe («Hollywood Classics»). Doch der Südpol kann seine Förderrolle bislang nur begrenzt ausüben. Für das Jahr 2016 hat die Stadt die Subventionsgelder für das Haus zwar auf rund eine Million angehoben. Das Zürcher Produktionshaus Gessnerallee in Zürich erhält von der öffentlichen Hand aber immer noch 1,5 Millionen mehr.

«Arm, aber sexy»

250 000 Franken muss der Südpol für Koproduktionen aufwenden. Da das Haus auf Anfrage keinen Geschäftsbericht herausgibt, lässt sich nicht transparent aufzeigen, wie das Geld eingesetzt wird. Laut Auskunft von Südpol-Leiter Patrick Müller würden jedoch selten mehr als 12 000 Franken pro Gruppe budgetiert. Dafür hilft der Südpol mit nicht-monetären Mitteln: mit Infrastruktur, einer Residenz und dramaturgischer Begleitung. «Arm, aber sexy», so lässt sich die Situation des Südpols am besten beschreiben. Oder im Ökonomen-Deutsch: wenig Cash, aber eine attraktive Infrastruktur. Mit der lassen sich auch Theatergruppen anlocken.

Nicht nur der Südpol, auch die Theaterförderung allgemein hat in Luzern noch einige Baustellen. Annette von Gou­moëns, eine erfahrene Produktionsleiterin, sagt: «Für eine Luzerner Gruppe muss ich bis zu 60 Stiftungen anschreiben, für eine Berner Gruppe habe ich das Geld doppelt so rasch zusammen.» Wer in Luzern 20 000 bis 30 000 Franken von der öffentlichen Hand erhält, gehört laut von Goumoëns bereits zu den Gewinnern. «Eine professionelle Theaterproduktion mit zwölf bis 15 Beteiligten kostet aber schnell 120 000 bis 150 000 Franken.»

Erfreulich: Spitzenförderung

Der städtische Fuka-Fonds vergab 2015 für die darstellenden Künste Beträge bis maximal 12 000 Franken, der regionale Förderfonds Luzern Plus/RKK stellt auf Anfrage für 2016 Beträge zwischen 1000 und 15 000 Franken in Aussicht. Bei den unregelmässig gesprochenen kantonalen Werkbeiträgen erhielten 2015 drei Bühnenschaffende Zuschüsse zwischen 15 000 bis 30 000 Franken.

Die anfangs Jahr eingeführte Spitzenförderung des Kantons ist ein erster Schritt in die richtige Richtung: «Wer als eine von vier Gruppen Spitzenförderung im Bereich Tanz/Theater erhält, kann seit diesem Jahr mit Beiträgen von je 60 000 Franken rechnen», sagt Stefan Sägesser, Leiter der kantonalen Kulturförderung. Die Zahlen relativieren sich im Vergleich mit Zürich: Die Stadt förderte 2015 dort 32 Projekte mit durchschnittlich je 42 000 Franken. Beim Kanton konnten Theatergruppen 4000 bis 25 000 Franken beziehen.

Patrick Müller bestätigt, dass die Erarbeitung grösserer Produktionen in Luzern derzeit kaum möglich ist. Das ist schade. Denn die grösste der drei Südpol-Zuschauerräume hätte Platz für 240 Personen – mehr Kapazität als das Zürcher Neumarkt. Da liessen sich doch auch mal aufwendigere Kisten stemmen. Vielleicht auch gemeinsam mit dem Luzerner Theater?