THEATER: Lysistrata - Aktion für sexuelle Befriedung

Die Luzerner Gruppe Grenzgänger macht aus dem ältesten Sexstreik der Theatergeschichte eine Schlacht um Medienhoheit.

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Im Sex-Streik: die Schauspielerinnen Frederike Bohr und Evelyne Gugolz auf der Südpol-Bühne. (Bild: Dominik Wunderli)

Im Sex-Streik: die Schauspielerinnen Frederike Bohr und Evelyne Gugolz auf der Südpol-Bühne. (Bild: Dominik Wunderli)

Julia Stephan

2009 zogen die Kenianerinnen geschlossen in den Krieg: Mit einem Sexstreik wollten sie aus ihren Männern Pazifisten machen.

Man könnte meinen, Kenias Frauen hätten sich das vom griechischen Dichter Aristophanes abgeschaut. In dessen Komödie «Lysistrata» (411 v. Chr.) verfolgen die Frauen Athens und Spartas mit dem Körper eine ähnlich aggressive Friedenspolitik. Ihr Ziel: die kriegszerstrittenen Männer zum Friedensschluss zu bewegen.

Politisch motiviert ist das nicht nur. Das Anliegen ist auch intimer Natur: Bei den Damen an der Heimatfront herrscht nämlich akuter Triebstau. Der Krieg verschlingt die Männer. Die Frauen fordern sie zurück. Und das ohne faulen Kompromiss, wie ihn der Fronturlaub darstellt. «No peace, no sex.»

Live-Ticker mit Kriegsschlagzeilen

Politisieren mit dem Körper ist spätestens seit dem Erfolg von Femen-Aktivistinnen wieder salonfähig. Für die Medien sind solche Aktionen ein gefundenes Fressen, fussen Sexstreiks doch auf Sex and Crime, den heiligen Säulen des Boulevardjournalismus.

In der Inszenierung des Luzerner Theaterkollektivs Grenzgänger, das sich gern gesellschaftsrelevanten Theaterstoffen zuwendet, wird der Krieg der Körper deshalb medial ausgetragen. Die Athenerinnen Lysistrata (Frederike Bohr) und Kalonike (Evelyne Gugolz) haben als Aktivistinnen in der Zentrale des kriegstreiberischen Senders Fuchs-News ihr Occupy-Camp aufgeschlagen. Auf der im Theaterhaus Südpol eingerichteten Matratzenburg stricken sie für den Weltfrieden, angespornt von einer kämpferischen Lysistrata, die ihre «schwanzfixierte» Kollegin Kalonike, die der Sex-Entzug in den Objektfetisch getrieben hat («Was für ein gut gebauter Kühlschrank!»), im Zaum zu halten versucht.

Den Live-Ticker mit den weltweiten Kriegsschlagzeilen haben die Frauen durch den Sender Weltfrieden TV ersetzt. Während ihre mit Klebeband mundtot gemachten Männer (Manuel Kühne, Ladislaus Löliger) an den Bühnenrändern der Bedeutungslosigkeit liegen, betreiben die Frauen im Fokus medialer Aufmerksamkeit expansive Friedenspolitik, via Skype verbunden mit ihren internationalen Mitstreiterinnen. Ihren Männern haben die Frauen Phallus-Ballone in die Hosen gesteckt. Ein witziger Regieeinfall, der die Aufgeblasenheit männlicher Selbstdarstellung ins Lächerliche überführt.

Amerikanische Kriegsrhetorik

Der modernisierte Aristophanes-Stoff, auf den sich Regisseurin Bettina Glaus stützt, geht aufs Konto von Rebekka Kricheldorf. Die zeitgenössische Dramatikerin bearbeitete den Text 2012 in den Nachwehen des Irakkriegs. Durch die modernisierten Dialoge weht der Geist von Occupy und amerikanischer Kriegsrhetorik. Dass der republikanische Haussender Fox News für Kricheldorfs Sender Fuchs-News Vorbild gestanden hat, ist nur notdürftig überschminkt.

Kricheldorf ist dafür bekannt, dass sie mit Klassikern der Weltgeschichte nicht gerade zimperlich umgeht. Die Berlinerin entrümpelt die Stücke von angeschimmelten Bildern, die keiner mehr konsumieren will. Verschwurbeltes zerrt sie brutal ins Konkrete. Subtilität ist ihre Sache nicht.

Figuren sprechen direkt mit uns

So eine derbe Komödie wie Aristophanes «Lysistrata» ist für sie eine Steilvorlage. Das Niveau ist so tief wie im Original. Da fallen so grossartige Sätze wie «Fighting for peace is like fucking for virginity», da werden Dinge «steif und fest» behauptet, Kriege «abgeblasen» und die Friedenstaube «festgenagelt».

Schauspieler Manuel Kühne kann in dieser erotisierten Wörterschlacht sein komödiantisches Talent voll entfalten: Als ­hirnloser amerikanischer Verteidigungsminister und triebgesteuerter Ehemann schwächelt er sympathisch vor sich hin. Regisseurin Bettina Glaus hat die mit Klischees überladenen chorischen Streitgesänge der Geschlechter zum Vorteil der Inszenierung kompromisslos gestrichen, und aus dem Stück einen Streit um die öffentliche Meinung gemacht. Die öffentliche Meinung, das sind wir Zuschauer. Und die Figuren sprechen zu uns – direkt und unvermittelt. Und Glaus beantwortet, was uns weder Aristophanes noch Kricheldorf beantworten können: Was passiert eigentlich nach diesem erzwungenen Friedensschluss? Statt dionysischem Rauschzustand schweigen am Ende ihrer Inszenierung alle, Männlein wie Weiblein. Funkstille auf allen Kanälen. Ohne Krieg wird jede Beziehung uninteressant.

Hinweis

«Lysistrata» von Grenzgänger im Südpol Luzern. Regie: Bettina Glaus. Weitere Vorstellungen: Fr, 30. 10.; Sa, 31. 10., jeweils 20 Uhr, sowie So, 1. 11., 17 Uhr. www.sudpol.ch