Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

THEATER: Mit dem Smartphone auf Theaterfahrt

«Free Me!» heisst die Produktion der Luzerner Truppe Fetter Vetter & Oma Hommage, die im Südpol Premiere hatte. Sie funktioniert nur mit Whatsapp.

Das Stück beginnt, bevor das Publikum Platz genommen hat. Dieses besteht ohnehin nur aus wenigen Personen, die mit dem Ticket an der Kasse auch gleich eine Telefonnummer erhalten mit der Aufforderung, sich umgehend per Whatsapp zu melden. Auf dem Telefonkärtchen steht: «Wenn es dir zu viel wird, lass es uns wissen.» Ein sanfter Hinweis auf eine heavy Theaterstunde, die man nicht so schnell vergisst, die einem vielleicht für immer verändert? Free Me!

An dieser Stelle müsste die Besprechung eigentlich enden, um nicht zu verraten, was sich nur erfahren lässt. Aber gehen wir noch ein paar Schritte weiter an den Abgrund. Irgendwann erscheint die erste Whatsapp-Nachricht von unbekannt: Man wird willkommen geheissen und in den folgenden Minuten sukzessive mit Fragen eingedeckt, die man natürlich brav beantwortet. Irgendwann tuckt die Nachricht ein, den schwarzen Ballonen zu folgen. Man steht auf und tut wie geheissen. Ist das ein Fehler?

Vor der Tür der Halle steht ein Typ in Worker-Kluft und heisst einem wortlos, Jacke und Tasche abzugeben. Auf Klopfen wird die Tür geöffnet. Drinnen ist es dunkel. Ein zweiter Typ inspiziert einem mit einer Taschenlampe. Sound klingt aus dem gähnenden Loch der Halle, von der ein Papierstreifenvorgang fällt.

Wer soll hier von was befreit werden?

Irgendwas geht da drinnen ab. Weiss der Teufel was. Wir hören Eisenbahnräder über Schienen schlagen, Klaviermelodien geistern dazwischen, nicht enden wollendes Gelächter frisst sich in die Hirnwindungen. Dann beginnt sich der Papiervorhang zu bewegen. Die Szenerie verändert sich.

«Free Me!» ist eine «interaktive Theaterinstallation». Das Publikum bewegt sich, interagiert, ist Teil der Produktion. Teilnehmen kann nur, wer ein Smartphone mit Whatsapp-Funktion mitbringt. Also ziemlich elitär und technikgläubig, aber das muss sein, heute, wo jeder auf den Balken in der Hand starrt. Free Me! Wer oder was soll hier von wem befreit werden?

Als Zuschauer ist man viel direkter von diesem Theater betroffen, als wenn man sich vom bequemen Sessel aus egal welche Schweinereien und Horrorszenen auf einer Bühne betrachtet. Hier liefert man sich aus. Da sind vier Typen, die einem begutachten und kommandieren. Alles geschieht wortlos. Blicke, Handzeichen. Das genügt. Was haben diese Typen mit einem vor?

Assoziationen an dunkle Gefängnisse tauchen auf, an die Realität von Hunderten von Menschen, die täglich irgendwo auf der Welt in dunkle Löcher abgeführt, gefoltert oder sonst wie existenziell in Abgründe geworfen werden. Im Vergleich dazu ist hier alles harmlos, lächerlich. Ein Spiel mit Gedanken, ein blosser Schauer des Vorstellbaren. Es wird einem nichts passieren. Man kommt hier mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit lebend wieder heraus.

Produktion eines jungen Künstlerteams

Genau diese Kluft wird einem bewusst, aber auch, dass das bisschen Einschränkung der Freiheit und das Ausgeliefertsein an die vier smarten Henker trotzdem eine Wirkung hat und diffuse Emotionen in Bewegung setzt. Dass man auch im abgesteckten Rahmen einer spielerischen Versuchsanlage immer noch mit genügend Unbekannten rechnet, die einem verunsichern könnten. Auch diese harmlos erscheinende Whatsapp-Kommunikation wirkt plötzlich grotesk: Hat man sich da nicht selber verarscht?

Die vier jungen Luzerner Künstler Savino Caruso, Damiàn Dlaboha, Timo Keller und Béla Rothenbühler, die aus verschiedenen Disziplinen kommen, haben mit «Free Me» eine Produktion kreiert, die man gerne empfiehlt. Wer sich darauf einlässt, wird sich ein wenig wie damals als Kind fühlen, das an der Kilbi in die Geisterbahn stieg. Heute können wir zusätzlich ein bisschen über Freiheit reflektieren. Doch ein Restschauer ist geblieben.

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Weitere Aufführungen: Mittwoch, 27. September, 19 und 21 Uhr, Samstag, 30. September, 19 und 21 Uhr. www.sudpol.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.