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THEATER: Raumtheater am Puls der Zeit

Der Erfolg der ersten Spielzeit von Intendant Benedikt von Peter bringt dem Luzerner Theater eine Wende, die historisch anmutet. Aber er wirft auch Fragen auf. Ist ein neues Theater nun überflüssig oder erst recht nötig, um den Aufschwung zu sichern?
Urs Mattenberger
Aushängeschild für ebenso innovatives wie volksnahes Raumtheater: Verdis «Rigoletto» in einer Viscosihalle. (Bild: LF/Ingo Höhn (16. Oktober 2016))

Aushängeschild für ebenso innovatives wie volksnahes Raumtheater: Verdis «Rigoletto» in einer Viscosihalle. (Bild: LF/Ingo Höhn (16. Oktober 2016))

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Selten fällt einem eine Saison-Bilanz zunächst so leicht wie jetzt nach der ersten Spielzeit des Luzerner Theaters unter Benedikt von Peter. 80 Prozent Auslastung und 20 Prozent mehr Besucher zeigen, dass die neue Art von Theater, die der kommunikative Intendant in einem unglaublichen Tempo initiiert hat, das Publikum neugierig macht und bei ihm angekommen ist.

Nach den Protesten, die einst über Barbara Mundels Regietheater hereinbrachen, und nach dem Publikumsrückgang in den letzten Jahren unter Dominique Mentha ist dieser zahlenmässige Erfolg für das Theater von unschätzbarem Wert. Aber auch der künstlerische Erfolg dieser Spielzeit lässt sich erhärten. So ist die eben bekannt gegebene Wahl der neuen Doppelintendanz des Schauspielhauses in Zürich ein Indiz dafür, dass Luzern mit seiner Neuorientierung des Theaters am Puls der Zeit ist.

Aushängeschild für volksnahes Raumtheater

Denn einer der Co-Leiter in Zürich, Benjamin von Blomberg, kommt künstlerisch aus derselben Küche wie Benedikt von Peter. Beide haben intensiv zusammen gearbeitet, seit sie gemeinsam eine freie Truppe gegründet hatten. Tatsächlich wollen Nicolas Stemann und von Blomberg in Zürich «partizipative und soziale Kunstformen» erlebbar machen – genau das, was von Peter und seine Teams in Luzern mit dem «Raumtheater» praktizieren.

Diesbezüglich hat diese erste Spielzeit bestätigt, was von Peter im Gespräch mit unserer Zeitung bekräftigte: Sein Raumtheater steht bei aller Innovation in erster Linie für «Volksnähe». Das prominenteste Aushängeschild dafür war Verdis «Rigoletto» in einer Industriehalle in Emmenbrücke, wo alles zusammen kam. Das Eröffnungsfest, in dem die Zuschauer in den Partystrudel hineingezogen wurden, war «partizipatives» Theater wie später jenes der kochenden Mütter im Haus an der Reuss, Monteverdis «Marienvesper» in der Jesuitenkirche oder das Musical «No future forever», das den Grundstein legte für einen künftigen, von Jugendlichen geleiteten Theaterableger im UG.

Dass beim «Rigoletto» die ausrangierte Industriehalle für den Epochenwechsel stand, den die Oper am Beispiel einer Vater-Tochter-Beziehung durchspielt, war ein Beispiel dafür, wie Raumtheater mit der Symbolkraft der Orte spielen kann. Und dass Industriegestänge und suggestive Videoprojektionen überblendet wurden, stand für eine offene Ästhetik, die in vielen anderen Produktionen in Oper, in der Schauspiel-Installation «White out» oder im Tanz direkte Sinnlichkeit medial vermittelt.

Argument für oder gegen einen Theaterneubau?

Ebenso wichtig war, dass die Idee des partizipativen Theaters weiter gefasst wurde. Die variabel bespielbare Box verhalf dem Theater zu dauerhafter Präsenz auf dem Theaterplatz und wurde zum Sinnbild der Venetzung mit verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen – auch mit der freien Szene, die stärker als bisher ins Theater einbezogen wurde.

Dass daneben der normale Betrieb mit Opern- und Schauspielklassikern sowie Tanzuraufführungen im Theater weiterlief, lässt erahnen, welcher Aufwand hier geleistet wurde. Und das in einem Haus, das als Auslaufmodell gilt. Immerhin waren die Pläne für eine Salle Modulable ein Grund, weshalb der Stiftungsrat Benedikt von Peter nach Luzern holte. Und sie hatten seinen Entscheid, den Dreispartenbetrieb in Luzern zu übernehmen, begünstigt.

Der schwierigere Teil der Bilanz ist deshalb die Frage, was der Spielzeiterfolg für die künftigen Theaterpläne in Luzern bedeutet. Ist er eine Art Vorleistung, die beweist, dass man in Luzern breit abgestütztes Theater mit überregionaler Ausstrahlung machen kann – und die Argumente liefert für einen Theaterneubau? Oder beweist der Erfolg umgekehrt, dass es kein neues Haus braucht?

Melancholie des Übergangs

«Letzteres sicher nicht», meint Benedikt von Peter, dessen Vertrag vorerst bis 2021 läuft: «Wir fahren hier alle auf den Felgen, und es ist klar, dass man das in diesem Haus nicht auf Jahre hin so machen kann». Dennoch sei es «reizvoll», in diesem Theater zu arbeiten: «Um einen Scheinwerfer zu installieren, müssen die Techniker auch mal hochklettern wie auf einer Bergtour. Wegen der Enge muss man improvisieren und neue Lösungen suchen. Aber ich liebe den handwerklichen Aspekt, den das mit sich bringt. Am liebsten wäre mir, wenn man solche Qualitäten in einen Neubau hinüberretten könnte».

Weil er nicht weiss, wie das möglich wäre, sagt er rundheraus: «Wie ein neues Theater aussehen müsste, kann ich mir momentan tatsächlich nicht vorstellen». Klar ist für ihn nur, dass es keine Salle-Modulable-«Kathedrale» sein muss und doch mehr und bequemere Sitzplätze braucht als das heutige Haus: «Eine Produktion wie die ‹Traviata› hätten wir an jedem Abend dreimal mehr verkaufen können». Zum Reiz des heutigen Theaters gehört für von Peter auch das Gefühl, «dass das in sieben oder acht Jahren zu Ende ist. Das ergibt eine Melancholie, die künstlerisch fruchtbar ist. Aber sie bedeutet trotzdem, dass sich etwas ändern muss».

Aussenspielstätten als Lösung?

Mit dem Rundum-Theater des «Globe» oder der «Traviata» mit der Hauptdarstellerin allein auf der Bühne hat von Peter die Publikumsnähe im kleinen Theater spektakulär genutzt. Den «grossen Klang» ermöglichten die Viscosihalle oder die Jesuitenkirche. Der intime Raum in Box und Theater, auch grosse Räume an Aussenspielstätten – ist das eine Option für die Zukunft? «Seit dem Rigoletto bekomme ich viele Vorschläge für solche Aussenspielstätten», sagt der Intendant dazu: «Eine davon werden wir in der übernächsten Spielzeit auch nutzen. Aber solche Produktionen sind unglaublich aufwendig und langfristig keine Grundlage für ein finanziell stabiles Theater.»

Bleibt die andere Möglichkeit: Dass erfolgreiche Theaterarbeit die Akzeptanz für ein neues Theater fördert – politisch, aber auch bei potenziellen privaten Geldgebern, die Bereitschaft signalisierten, sich für die Salle Modulable zu engagieren.

Er könne sich schon vorstellen, «etwas in diese Richtung zubewirken», sagt von Peter dazu. In beide Richtungen weist auch der nächste Spielplan. Da steht etwa Starregisseur Herbert Fritsch (mit Ligetis Operngroteske «Le Grand Maccabre») für internationale Ausstrahlung und der «Jedermann» auf dem Theaterplatz dafür, dass die lokale Vernetzung weiter geht – einer der stärksten Trümpfe von von Peters Theaterarbeit in Luzern.

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