THEATER: Religiöse Symbole sind kein Tabu

Ein Kruzifix wird verkehrt aufgehängt und zu Boden geworfen. Dies hat Empörung ausgelöst. Unabhängig von subjektiven Empfindungen: Ist so etwas zulässig?

Arno Renggli
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Darf man etwa die Kreuzigung in satirischem Kontext zeigen? Die Gruppe Monty Python tat es 1979 im Film «Life of Brian». Angegriffen wurden dabei weder Jesus noch das Christentum, sondern religiöser Fanatismus. (Bild: PD)

Darf man etwa die Kreuzigung in satirischem Kontext zeigen? Die Gruppe Monty Python tat es 1979 im Film «Life of Brian». Angegriffen wurden dabei weder Jesus noch das Christentum, sondern religiöser Fanatismus. (Bild: PD)

Auch in unseren Leserbriefspalten gab es Reaktionen dazu: In der aktuellen Inszenierung von «La Traviata» am Luzerner Theater wird ein Kruzifix verkehrt aufgehängt und später zu Boden geworfen. Von Gotteslästerung war anschliessend die Rede, von mutwilliger Verletzung religiöser Gefühle.

Verletzungspotenzial respektieren

Unbestritten ist, dass jeder interpretatorische Umgang mit religiösen Inhalten ein subjektives Verletzungspotenzial hat. Religiöse Gefühle sind etwas sehr Persönliches. Und wenn sich jemand verletzt fühlt, ist das grundsätzlich zu respektieren. Darauf wird etwa im öffentlichen Raum Rücksicht genommen. So wird kaum jemand auf die Idee kommen, es wäre richtig, etwa mitten in der Stadt Luzern ein Kruzifix verkehrt aufzuhängen, namentlich als reine Provokation und ohne Kontext.

Inhaltlich begründet

Aber genau dies ist natürlich in einem Theater anders. Erstens ist es ein Raum, den man bewusst aufsuchen und damit auch meiden kann. Und zweitens gibt es dort einen inhaltlichen Kontext.

Bei «La Traviata» ist dieser laut Theaterdirektor Dominique Mentha wie folgt: «Violetta betet zum Kruzifix um Beistand. Dann kommt Gastone, ein Vertreter jener gnaden- und gottlosen Gesellschaft, unter der Violetta leidet, und hängt das Kreuz verkehrt herum auf: Ihm sagt das Symbol nichts, er kennt keinen Gott. Im dritten Akt wirft Annina das Kruzifix zu Boden, als sie realisiert, dass Violetta trotz ihres heldenhaften Opfers verloren ist. Annina tut das, gerade weil sie bis dahin so sehr auf Gott vertraute. Ihre Wut ist folglich Ausdruck ehrlicher Gläubigkeit. Gleichzeitig hinterfragt wird aber auch die Tatsache, dass die Mitschuldigen des Elends auffallend oft mit Gott argumentieren, gegen jede christliche Ethik.»

Soweit der Theaterdirektor. Nun kann man die künstlerische Umsetzung gelungen finden oder nicht. Und man kann sich bei jeder modernistischen Inszenierung eines Klassikers fragen, ob sie gegenüber einer werkgetreuen wirklich inhaltlichen Mehrwert bietet oder primär das Bedürfnis der Macher befriedigt, dem Ganzen ihren persönlichen Stempel aufzudrücken. Entscheidend ist aber, und das gilt auch für den aktuellen Fall im Luzerner Theater, dass es nicht um Provokation als reinen Selbstzweck geht, sondern dass eine thematische Auseinandersetzung dahintersteckt.

Zum Glück wird das toleriert

Aber soll man, wegen möglicher Verletzungen persönlicher Gefühle, darauf verzichten müssen, sich in künstlerischen Darbietungen religiöser Themen und Symbole zu bedienen? Gerade der Hinweis in einem Leserbrief, dass sich solches nur Christen gefallen lassen würden, bietet die argumentative Basis: Gemeint ist wohl, dass solcherlei etwa in muslimischen Gesellschaften Gefahr an Leib und Leben bedeuten würde.

Aber genau eine solche Gesellschaft wollen wir nicht. Sondern eine, in welcher die Kunst jedes relevante Thema aufgreifen kann, und dazu gehört auch die Religion. Gerade Symbole, zu denen natürlich auch das Kreuz gehört, sollten nicht einen besonderen Schutz geniessen, weil ein emanzipierter Umgang damit auch etwas Gesundes hat.

Und wenn man den Evangelien Glauben schenkt, legte ja auch Jesus keinen besonderen Wert auf Formalitäten, Institutionen und Gegenstände. Er war eher für einen lebendigen Glauben, der thematisch mit aktuellen Fragestellungen der Gesellschaft verbunden wird.

Kreuz ist nicht gleich Christentum

So war es auch nicht seine Idee, dass ausgerechnet das Kreuz zum zentralen Symbol des Christentums wurde. In diesem Kontext kann eine gelegentliche künstlerische Distanz zu seiner Verabsolutierung nicht schaden. Denn heute sehen viele Christen zu Recht den durch das Kreuz primär symbolisierten Opfertod und das damit verbundene sündige Menschenbild nicht mehr als wichtigste Botschaft des Christentums an.

Und zu guter Letzt: Was für einen Schaden am Christentum kann ein im Theater zu Boden geworfenes Kruzifix anrichten? Den einen oder anderen mag dies verletzen, was nicht egal ist. Aber es wird seinen Glauben kaum erschüttern. Und wer nicht glaubt, wird zumindest zur inhaltlichen Auseinandersetzung angeregt. Dominique Mentha dazu: «Das Theater muss den Menschen ernst nehmen, in allen Facetten, Widersprüchlichkeiten und Sehnsüchten. Der Glaube ist ein wichtiger Aspekt davon.»

Als Idee inklusive seiner grossartigen Soziallehre wird das Christentum durch solches nicht tangiert. Viel eher kann es nicht zuletzt durch die Kunst mit vielfältigen gesellschaftlichen Kontexten in Verbindung gebracht werden.

Lesen Sie das gesamte Statement von Dominique Mentha unter www.luzernerzeitung.ch/bonus