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THEATER: Süsses Spielzeugpferd trifft harten Cop

Die Comic-Lesung «Happy!» ist eine witzige Parodie auf böse Gestalten der Unterwelt. Ganz speziell ist dabei die Geräuschkulisse.
Romeo Meyer, Gisela Feuz und Manuel Kühne (v.l.) füllten im Südpol die Comic-Sprechblasen mit Worten. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Romeo Meyer, Gisela Feuz und Manuel Kühne (v.l.) füllten im Südpol die Comic-Sprechblasen mit Worten. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Julia Stephan

«Wir könnten auch die ‹Hamletmaschine› von Heiner Müller spielen», ruft Schauspieler Manuel Kühne ins Publikum und zerrt ein Heft seiner 2500 Exemplare schweren Comicsammlung aus einer Supermarkttasche. So weit ist es am Donnerstagabend nicht gekommen. Bei der Uraufführung der Comic-Lesung «Happy!» am Donnerstag im Südpol setzte man dann doch auf konventionellere Kämpfe zwischen Gut und Böse – mit klaren Rollenverteilungen und viel Geröchel und Blut – wie das im Comic-Genre so üblich ist.

Leere Sprechblasen

Die Krienser Regisseurin Gisela Nyfeler hat das so einfache wie geniale Prinzip der Comic-Lesung bereits 2013 mit einem Lucky-Luke-Abenteuer getestet: Während der Comic mit ausradierten Sprechblasen im Hintergrund über die Leinwand flimmert, steuert ein Schauspielteam auf der Bühne die Geräuschkulisse bei. Und da Comic-Sprechblasen normalerweise nicht nur mit Worten gefüllt sind, sondern auch mit Lautmalereien wie «grmpf» und «boing», dürfen die Schauspieler dabei das Spektrum ihrer Stimmorgane voll ausreizen da wird gestöhnt und geröchelt, was das Zeug hält.

Anders als noch vor zwei Jahren arbeitete Nyfeler dieses Mal mit Profis zusammen. Manuel Kühne, ehemaliges Ensemblemitglied des Luzerner Theaters, und Romeo Meyer sind seit Jahren in der freien Theaterszene unterwegs, und auch die Berner Radiofrau Gisela Feuz weiss, wie man mit Stimme Stimmungen erzeugt. Im düsteren Comic «Happy!» von Grant Morrison und US-Zeichner Darick Robertson, das dem Trio als Vorlage diente, gammelt der gefallene Cop Nick Sax Inbegriff des hardboiled detectives – erwartbar lebensmüde und desillusioniert in der New Yorker Unterwelt herum. Doch die eigentliche Hauptrolle gehört einem blauen Pferd: «Happy», der Traum eines jeden Vorschulmädchens, steht eines Tages wie eine Wahnvorstellung vor Sax’ Augen. Sein Name ist Programm. Mit seinem kindlichen Optimismus will es die harte Realität des hardboiled-Genres überflügeln. «Happy» sei Dank, wird der ansonsten sehr konventionelle Comic zur witzigen Parodie auf ein Genre, in dem die Welt immer böse zu sein hat.

An diesem Stilbruch haben sich Nyfeler und ihr Team abgearbeitet. Bei ihnen klingt das Tier wie die Parodie der Parodie vom schwulen Indianer Winnetouch aus Bully Herbigs Kultfilm «Der Schuh des Manitu».

Sprecher werden zu Figuren

Weil das Nachsprechen dieser simplen Story auf Dauer langweilen würde, hat man mit den darstellerischen Mitteln experimentiert: Plötzlich werden die Synchronsprecher selbst zu Comicfiguren. Mit geschlossenen Lippen stellen sie die Szenen nach zu ihren über Tonband eingespielten Stimmen und imitieren so die statischen Comic-Bilder.

Die Kamera (Adrian Perez) läuft dabei in Slow Motion über den Comic-Strip und setzt in der Geschichte eigene Akzente. Manchmal werden die Bilder auch verwackelt wiedergegeben oder als Einzelbilder auf dem Hellraumprojektor präsentiert. So entwickelt die Gruppe eine ganz eigene, originelle Sicht auf den Verlauf der Story.

Verspielte Inszenierung

Etwas weniger Verspieltheit wäre allerdings mehr gewesen. Die kindliche Begeisterung der Schauspieler über ihre spontanen Einfälle, der ständige Wechsel der Dialekte vom Schweizerdeutsch in den italienischen Mafioso-Slang und wieder zurück – und das gelegentliche Herausfallen aus den Rollen wirkte zwar sympathisch. Dennoch wurde man den Eindruck nicht los, dass diese Einfälle eine stärkere Beschäftigung mit dem Stoff verhindert haben. Wenn Manuel Kühne sich eine blonde Mädchenzopfperücke über die Ohren zog, um eine Frau zu werden, mag er damit ähnlich überzeichnet wirken wie die klischeebeladenen Comic-Figuren. Ob man dem Comic als Kunstform damit gerecht wird, liegt im Auge des Betrachters.

Hinweis

«Happy!» ist heute im Kino Reitschule Bern zu sehen. Vorstellungen 19.30 und 22.30 Uhr (mit Kollekte).

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