THEATER: Theater mit Migranten muss viele Klischees umschiffen

Bühnenprojekte mit Migranten sind gut gemeint. Aber sind sie auch gut? Über Tücken und Chancen des postmigrantischen Theaters, von dem man sich morgen auch in Luzern ein Bild machen kann.

Drucken
Teilen
Darsteller des Luzerner Migrationstheaters 
Heim@su.che. (Bild: Nadia Schärli)

Darsteller des Luzerner Migrationstheaters Heim@su.che. (Bild: Nadia Schärli)

Ganz schön happig der Vorwurf des deutschen Regisseurs Nicolas Stemann an seine Zunft: Das Gegenwartstheater habe für die komplexen Probleme unserer Zeit nur noch einfache Lösungen anzubieten. Eine vertiefte Auseinandersetzung? Schön wärs! Das Theater gebärde sich, so Stemann in der Fachzeitschrift «Theater heute», derzeit wie die «Fortsetzung eines Leitartikels». Statt vertiefter Denkarbeit postuliere man Statements. Bloss in kein Fettnäpfchen treten, bloss nicht falsch verstanden werden. Dumm nur, dass das Theater sich mit dieser selbst auferlegten political correctness dümmer gebe, als es sei. Stemann vermisst den Tabubruch, der verstört. Er will die Uneindeutigkeit, die zum Denken zwingt.

Angst vorm Fehltritt

Tatsächlich wirken viele Stücke mit Gegenwartsbezug eindimensionaler, als uns die Gegenwart vorkommt. Steht das emotionale Thema Flüchtlingskrise auf dem Spielplan, lähmt die Angst vorm Fauxpas erst recht. Wer will schon Menschen auf die Füsse treten, die es schwer haben?

Stemann weiss, wovon er spricht. Er hat für eine Inszenierung von Elfriede Jelineks «Die Schutzbefohlenen» mit Asylsuchenden gearbeitet. Sogar als Theatermacher ist er mit den harten realen Rahmenbedingungen des Flüchtlingsalltags kollidiert. Weil er seinen Schauspielern eine Gage zahlen wollte, musste er Gesetze brechen. Weil er auf Tournee ging, musste er sein Stück mehrfach umbesetzen. Kein Asylsuchender darf einfach quer durch Deutschland reisen. Durch die Schweiz im Übrigen auch nicht.

Theater mit Migranten oder Asylsuchenden ist per se politisch. Es reizt mit Fragen wie: Darf man Menschen für eine Message instrumentalisieren? Stillt man den Emotionshunger von Zuschauern, wenn man sie auf der Bühne zum Seelenstriptease verführt? Darf man Migranten überhaupt durch Schauspieler repräsentieren? Und wie geht man bloss mit diesem Machtgefälle um – da die Menschen mit ihren geringen Deutschkenntnissen, da die Regisseure mit Profiausbildung? Und zuallerletzt: Wie vermeidet man überhaupt den Eindruck, so ein Theater sei vor allem eine therapeutische Massnahme?

Wer auf solche Fragen keine konformen Antworten gibt, trifft den gereizten Nerv der Zeit empfindlich. Als der lettische Regieliebling Alvis Hermanis letztes Jahr aus Protest gegen die deutsche Flüchtlingspolitik und das soziale Engagement deutscher Theater eine Zusammenarbeit mit dem Hamburger Thalia-Theater aufkündete, schrien die sozialen Medien unisono: «Finden wir nicht gut!»

Professionelle Regie

Gjyle Krasniqi, Begründerin des Schweizer Secondo-Theaterfestivals, das inter- und transkulturelle Inszenierungen zeigt und prämiert, würde es begrüssen, wenn Menschen mit Migrationshintergrund künftig wie selbstverständlich in den Ensembles der traditionellen Theaterhäuser vertreten wären. Bei der Arbeit mit migrantischen Laienschauspielern hält sie eine professionelle Regie für dringend notwendig. Zudem sollten die Menschen das Projekt aktiv mitgestalten dürfen.

Dass solche Arbeiten gelingen können, hat der deutsche Regisseur Volker Lösch 2014 in seiner Basler Inszenierung von Max Frischs «Biedermann und die Brandstifter» bewiesen. Ein Migrantenchor sprach darin über die eigenen Fremdheitserfahrungen und stemmte sich damit erfolgreich gegen die Überfremdungsparolen der SVP.

Ähnliche Projekte findet man sonst eher auf kleineren Bühnen. In der Schweiz hat sich schon die Aarauer Gruppe Szenart mit Menschen aus Eritrea an solche Fragen herangewagt – mit gemischtem Ergebnis. Die Regisseurin Anina Jendreyko engagiert sich in Basel mit dem transkulturellen Theater- und Bildungsprojekt «fremd?!».

Achtung, Klischeealarm!

Die Stadt Luzern hat für das morgen stattfindende Theater «Heim@su.che», das Menschen mit verschiedenen Migrationshintergründen vereint, die Regisseurin Andrea Schläfli engagiert. Auch sie tappt als Profi manchmal in die Klischeefalle. «Neulich dachte ich: Wenn wir gar keine gemeinsame Sprache finden sollten, können wir immer noch singen.» So lauere hinter jedem Einfall das Klischee. Schläfli hält die multikulturelle Gesellschaft längst für Realität. Die Rolle des Theaters definiert sie so: «Wir müssen im Theater eine neue, gemeinsame Geschichte erfinden», sagt sie. «Damit wir uns in Zukunft nicht die Köpfe einschlagen.»

Julia Stephan

Hinweis

Theaterprojekt «Heim@su.che», Regie: Andrea Schläfli, Mo, 21. März, 17 Uhr auf dem Jesuitenplatz, um 18.30 Uhr auf dem Helvetiaplatz.