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THEATER: Warum Dürrenmatt immer funktioniert

Morgen jährt sich der Tod von Friedrich Dürrenmatt zum 25. Mal. Einmalig ist, wie seine Stücke funktionieren, sei es mit Profis, Amateuren oder gar Schülern. Erklärungen dafür und ein Besuch der ak­tuellsten Dürrenmatt-Premiere.
Arno Renggli und Julia Stephan
Friedrich Dürrenmatt schimpft in den 1980er-Jahren mit seinem Kakadu. Filmszene aus «Porträt eines Planeten». (Bild: DCM Film/PD)

Friedrich Dürrenmatt schimpft in den 1980er-Jahren mit seinem Kakadu. Filmszene aus «Porträt eines Planeten». (Bild: DCM Film/PD)

Praktisch jede Theatergruppe – inklusive blutigster Laien – kann Dürrenmatt spielen, und es wird gut. Dass es meistens eines seiner beiden berühmtesten Stücke ist, «Der Besuch der alten Dame» oder «Die Physiker», liegt auf der Hand. Die Nummer drei in der Beliebtheit, gerade im Bereich Schultheater, ist «Romulus der Grosse». Doch auch als unlängst eine Zentralschweizer Theatergesellschaft «Frank den Fünften» gab, war es einfach grossartig. Dürrenmatt funktioniert einfach. Doch wieso?

Vielleicht liegt es daran, wie Dürrenmatt Gegensätze mischt: Zum einen zeichnet er mit einer fast schon groben Plastizität Handlungen, getragen von krassen Figuren. Und scheut auch klare moralische Aussagen nicht, gepaart mit dem Zynismus, dass es nicht gut enden kann. Zum anderen hat es in den Details viele Feinheiten, die Dürrenmatt auch für professionelle Bühnen und literaturkundiges Publikum interessant machen.

Die Tragödie als Komödie

Ein weiterer Gegensatz besteht einerseits in seiner Dramaturgie der Tragödie, in welcher die Handlung mit quasi altgriechischer Konsequenz der «schlimmstmöglichen Wendung» (wie er es selber formuliert hat) entgegensteuert. Andererseits in den komödiantischen Elementen, die er gerne einsetzt. Tatsächlich können etwa die «Alte Dame» oder die «Physiker» («Romulus» sowieso) als Komödien aufgefasst werden. Dürrenmatt selber hat sie wohl auch so gesehen, natürlich in weltkritischem Sinne, denn er sagte 1954: «Uns (Menschen) kommt nur noch die Komödie bei.»

Dass seine Figuren, hier hoffnungslose Weltverbesserer, dort Funktionäre des Grauens oder gnadenlose Rächer, sich in einer grausamen und vor allem auch verwirrenden Welt bewegen, kann fast jeder Zuschauer nachvollziehen. Gleichzeitig ist diese Betrachtung nicht ganz so beklemmend wie etwa bei Dürrenmatts kongenialem Antipoden Max Frisch, sondern intellektuell distanzierter und eben durch das Mittel der Komödie abgemildert.

Es endet immer böse, aber erträglich. Auf der Bühne noch fast mehr als etwa bei seinen drei grossen Kriminalromanen «Der Richter und sein Henker», «Der Verdacht» und «Das Versprechen». Diese stehen wie andere grossartige Prosawerke Dürrenmatts vielleicht etwas im Schatten der Theaterstücke, sollen hier aber auch kurz erwähnt sein.

In Zürich, wo Dürrenmatts «Der Besuch der alten Dame» 1956 vor 150 Theaterkritikern (!) Weltpremiere hatte, zeigte sich die Dame am Freitagabend in alter Frische. Die Mission der Claire Zachanassian, die als schwangerer Teenager vom Geliebten Ill verleugnet wird, im Hamburger Rotlichtviertel landet und Jahre später als potente Milliardärin in ihre Heimatstadt Güllen zurückkehrt mit der absurden Forderung, sich mit Geld Gerechtigkeit zu kaufen, hat ironischerweise auch Dürrenmatt seine finanzielle Unabhängigkeit gesichert. Seine «Dame von Welt» machte ihn zum Autor von Weltformat. In den Wirtschaftswunderjahren erkannten sich die Menschen im Konsumverhalten der Güllener wieder.

Gegen den Zeitgeist

Man darf nicht vergessen: Es gab auch Dürrenmatt-Stücke, die durchfielen. Dass wir die «Dame» heute so aktuell finden, liegt am Dürrenmatt’schen Misstrauen gegenüber dem Zeitgeist, der ihn davon abhielt, immer nach dem gleichen Erfolgsmodell zu schreiben.

Und so ist dieses «Produkt» auch noch in einer Zeit, in der jeder den Schein der Warenwelt zu durchschauen meint, noch aktuell. Themen wie die Unvereinbarkeit christlicher Mässigung mit den Mechanismen der Konsumgesellschaft mögen heute weniger interessieren, dafür die Passivität, mit der wir als Kollektiv in demokratischen Systemen das Ungeheuerliche mittragen.

Güllen, das sind wir

Dass der ungarische Regisseur Viktor Bodó mit der Aufgabe betraut wurde, war ein kluger Entscheid. Bodó hatte schon mit Gogols «Der Revisor» am Vig Theater Budapest heftig Kritik an den Zuständen in seiner Heimat geübt. In seiner ersten Zürcher Inszenierung tut er es direktdemokratisch. Auch wenn die am Städtchen Güllen vorbeirauschenden Schnellzüge zischen wie Dampfloks und die Koffer der Claire Zachanassian den Rollkofferstatus noch nicht erreicht haben: Güllen, das sind wir.

Der Lehrer (Matthias Neukirch) fordert nicht den Schulchor, sondern uns, das Publikum, zum Singen des Begrüssungsständchens für die Dame. Eine perfide Einstimmung auf den finanzkräftigen Besuch, der für seine Mordforderung die Stimme des Kollektivs braucht. Nur Klaus Brömmelmeier hält sich als Ill beschämt die Ohren zu.

Die tageshelle Geschäftigkeit in Dürrenmatts Stück hat Bodó in einen düsteren Horrorfilm verwandelt. Aus dem Lautsprecher gluckst und zischt es, die Türen in der Bahnhofshalle knallen wie Schussgeräusche, die Stimmen hallen nach. In dieser grauen Welt voll grauer Mäuse landet Claire Zachanassian, in ihrer Aussenwirkung vergleichbar mit einer Cindy aus Mahrzahn, jedoch ohne Gewichtsprobleme.

Doch die Kleidung des Prekariats – lila Trainingsanzug und glitzernde Prothesen – trägt Friederike Wagner mit der Haltung einer Dame von Welt. Es knackst im Skelett dieses durch Flugzeugabstürze verunstalteten Kanarienvogels, der uns Güllenern im breitbeinigen Männersitz verkündet, dass die Welt ihm gehört. «Eine Mi’arde», fordert die Dame bei Bodó mit Sprachfehler. Auf eine kürzere Formel kann man dieses Tauschgeschäft nicht bringen. In ihrem Vokabular hat die Dame ihren «Ill» bereits gelöscht.

Bodó fokussiert in seiner genialen Inszenierung weniger auf menschliche Schwächen. Die direkte Demokratie selber wird als perfide Inszenierung vorgeführt. Als die Güllener ihren Ill und jede moralische Bedenken fallen lassen, soll das Publikum in die Totenmesse einstimmen. Und weil klar ist, dass der Zuschauer nicht mitmachen wird, wird die Musik einfach eingespielt.

Publikum mundtot gemacht

Deshalb geht auch bei der Abstimmung an der Gemeindeversammlung, die Ills Todesurteil besiegeln soll, bei der Auszählung der Stimmen im Theater das Licht aus. Der Bürgermeister (Nicolas Rosat) hatte das Publikum vorher gefragt, ob es noch etwas zu sagen habe. Doch die Theaterkonvention, die eine klare Trennung von Bühne und Zuschauerraum fordert, hat auch das Zürcher Publikum mundtot gemacht.

Hinweis

«Der Besuch der alten Dame» am Schauspielhaus Zürich, Pfauen. Nächste Termine: 22./23./27./31. 12. und 8./11./14./21./22./29. 1. www.schauspielhaus.ch

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