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THEATER: «Welt ein paar Zentimeter verschieben»

Leben wir nach dem Vorbild von Hollywoodfilmen? Eine Reihe im Südpol will es herausfinden. Daniel Korber verspricht sechs Abende zwischen Emil und Christoph Schlingensief.
Woher kommen unsere Vorstellungen von einer perfekten Hochzeit? Daniel Korber und Team suchen Antworten auf der Südpol-Bühne. (Bild: Eveline Beerkircher)

Woher kommen unsere Vorstellungen von einer perfekten Hochzeit? Daniel Korber und Team suchen Antworten auf der Südpol-Bühne. (Bild: Eveline Beerkircher)

Julia Stephan

Daniel Korber nennt sich einen Idealisten. Im Zeitalter der Relativierung, in dem sogar die Liebeserklärung unter Ironieverdacht steht, ist das eine hammerstarke Setzung. Der 28-jährige Luzerner Regisseur, Bühnenautor, Performer, Musiker und Theaterpädagoge hat genug von der Haltung seiner Generation, die alles will, und gerade deshalb nichts mehr anpackt. Aus Angst, sich für das Falsche zu entscheiden. Nur jedes Wochenende auf der coolsten Party abzuhängen, damit will sich Korber nicht zufrieden geben. «So entsteht nichts Neues», sagt er. Korber will die Welt mit «neuen Formen und Inhalten ein paar Zentimeter verschieben». «Ich nehme mir deshalb die Frechheit, eine Haltung zu beziehen», sagt der Idealist.

Das ist Korbers Arbeitsethos beziehungsweise seine Zauberformel. Theater ist für den Macher, der sich das Filme­schneiden und Musikmachen selbst beigebracht hat, etwas Sinnliches. Dass viele seiner Kollegen lieber die Machart des Theaters thematisieren, als eine perfekte Illusion zu erzeugen, davon hält der ehemalige Zauberer wenig. «Wenn ich beim Metzger etwas kaufe, will ich auch nicht wissen, wie er das Schlachtblut von seinen Händen weggekriegt hat.» Für ihn soll Theater den Zuschauer wieder mehr zum Träumen bringen und Geschichten erzählen, die gesellschaftliche Relevanz besitzen. Mit der Wut auf seine Generation ist Korber derselben womöglich tatsächlich um ein paar Schritte voraus.

Kunst muss lesbar sein

Und mit noch einer Haltung kann er nichts anfangen: Wenn ein Regisseur findet, man müsse ihn nicht verstehen. Für Korber die «arroganteste Haltung», die er sich in seinem Job vorstellen könne. Vermittlungsarbeit ist für ihn Künstlersache. Deshalb steht er der Vermittlungsarbeit am Stadttheater kritisch gegenüber. «Meine Befürchtung ist, dass das Vermittlungsangebot überhaupt erst ermöglicht, dass sich künstlerisch-ästhe­tisch nichts tut», sagt er. Regisseure könnten so die Kategorie der Lesbarkeit ignorieren und an die Vermittlung auslagern.

Deshalb hat Korber wohl Theaterpädagogik studiert – und nicht Regie. Und deshalb hat er die Proben für das monströse Musicalprojekt «Verona 3000», für das letztes Jahr 150 Jugendliche aus der Zentralschweiz zusammenarbeiteten, auf zwei Jahre angelegt. Er sucht nach einer verständlichen Theatersprache und nach Menschen, die an einer Sache dranbleiben. Und er sucht ein heterogenes Publikum. Diesen Sommer führte er Regie beim Strassenzirkus Com­pagnie Trottvoir. Im Soloabend «Ballast abwerfen – eine One-Mensch-Show» untersuchte er unter anderem, warum wir uns von bestimmten Gegenständen einfach nicht trennen mögen.

Leben wie im Film

Am Samstag gibts wieder ein Gesellschaftsexperiment aus dem Hause Korber. Mit dem Satiriker Dominik Wolfinger geht er auf der Südpol-Bühne auf Expedition zu sechs Hollywoodfilmen, denen er bis nächstes Jahr je einen einmaligen Abend widmen will. Korber will herausfinden, woher die inneren Bilder kommen, die uns sagen, wie unser Leben ablaufen soll. Sind das unsere eigenen? Oder haben wir uns die bei der Bilderfabrik Hollywood abgeschaut?

Wer überzeugt, wird verheiratet

Am Samstag gehts los mit einer Show zu «The Wedding Singer» (1998). Es geht ums Heiraten, und um die Frage, was für Flausen uns romantische Komödien in den Kopf gesetzt haben. Korber und Wolfinger werden um drei Schauspieler mit Hilfe eines echten Diakons ein Hochzeitsritual kreieren. Zwei der drei sind auch im echten Leben ineinander verliebt, der dritte wird den Lover als Bühnenprofi geben. Das Publikum, das von der echten Paarung nichts weiss, soll entscheiden, wer besser harmoniert: das Paar mit dem echten Kuss oder die, welche ihn gefakt haben. Wer überzeugt, wird verheiratet.

«Theaterästhetisch bewegen wir uns zwischen Christoph Schlingensief und Emil Steinberger», meint Korber augenzwinkernd. Jeder Abend besteht aus einem Showteil mit geladenen Gästen und einem Happening am Schluss. Doch keiner wird wie der andere ablaufen. Die Macher haben um ihre Gäste jeweils einen aufwendigen Abend komponiert, den Publikum und Gäste stark beeinflussen können. Der Abend wird gefilmt.

Auf dem Filmprogramm stehen das Psychiatriedrama «Einer flog übers Kuckucksnest», Stanley Kubricks «A Space Odyssey», der Musicalfilm «Hair» und der David-Lynch-Film «Mulholland Drive». Von letzterem, über dessen wirre Erzählweise sich Horden von Filmkritikern das Hirn zermartert haben, will Korber die zeitgenössische Theaterästhetik reflektieren.

Publikum bestimmt mit

Dort wird Korber gegen seine Gewohnheit auch mal ironisch und setzt uns am Ende ein langweiliges Expertengespräch vor. Alle anderen Abende – beim letzten darf das Publikum den Film selbst auswählen – will der Idealist aber mit grosser Ernsthaftigkeit behandeln.

Hinweis

Reihe «Expedition Hollywood Classics» im Südpol. Termine: 7. 11. und 5. 12. 2015 sowie 28. 1., 2. 4., 29. 5. und 25. 6. 2016. Der 7. 11. ist bereits ausverkauft. Zur Party im Anschluss (ab 22 Uhr) sind jedoch alle willkommen. Inkl. Verpflegung. Infos www.bananenschachtelrepublik.com

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