Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

THEATER: Wer steckt hinter dem Superdichter?

Heute jährt sich der angebliche Todestag William Shakespeares zum 400. Mal.Der grösste Bühnenautor aller Zeiten gibt heute noch Rätsel auf. Zum Beispiel, wer er ist.
Shakespeare als Superman: In keiner anderen Kultursparte gibt es eine so klare Nummer 1, wie er es ist. (Bild: Illustration Mathew McFarren)

Shakespeare als Superman: In keiner anderen Kultursparte gibt es eine so klare Nummer 1, wie er es ist. (Bild: Illustration Mathew McFarren)

Christoph Bopp

Als William Shakespeare vor 400 Jahren starb, gab es null Echo. Sein Schwiegersohn, der Arzt John Hall, soll eine dürre Zeile notiert haben: «Heute ist mein Schwiegervater gestorben.» Sogar das ist nur Hörensagen. Der persönliche Teil der Aufzeichnung des wackeren Quacksalbers ist verloren, während die Kuren und Torturen, denen er seine Patienten unterzog, publiziert wurden.

Als er selber starb, verfügte er, wie mit seinen Büchern verfahren werden sollte. Bücher waren demzufolge ein nicht selbstverständlicher Besitz, weil ziemlich teuer. Der Schwiegervater, der Dichter, dem man den grössten Wortschatz, über den ein englischsprachiger Schriftsteller je verfügte, attestiert, erwähnte in seinem Testament nichts von Büchern. Schon keine Manuskripte. Dafür Scheunen und andere Immobilien, Grundstücke – kein armer Mann.

Für Ehefrau «das zweitbeste Bett»

William oder Will Shaksper (die Schreibung seines Namens variierte stark) aus Stratford-upon-Avon, getauft am 26. April 1564, gestorben am 23. April 1616 (als alternatives Datum wird auch der 3. Mai genannt), hinterliess drei Seiten, die er auch dreimal unterschrieb, was aber nicht unumstritten ist. Dort drin listet er fein säuberlich auf, was mit seinem Besitz geschehen soll, wenn er nicht mehr unter den Lebenden weilt. Das Dokument wurde ergänzt: Zwischen den Zeilen steht, dass die Ehefrau sein «zweitbestes Bett» bekommen soll. Man muss wissen, dass seine Frau acht Jahre älter war und übereilt geheiratet werden musste, weil die Tochter zu früh auf die Welt kam. Denksportaufgabe für die Shakespeare-Philologie.

Eine andere Ergänzung gibt noch mehr Rätsel auf: «... to my fellowes John Hemynges, Richard Burbage & Henry Cundell XXVI s VII d A peece to buy them Ringes». Das waren Schauspielerkollegen, die nach den Gepflogenheiten der Zeit bedacht sein sollten (mit 16 Shilling, 7 Pence), denn sie waren auch Geschäftskollegen: «fellowes» meinte, dass sie Teilhaber an einem gemeinsamen Besitz waren. Shaksper (Shaxberd oder wie auch immer) besass tatsächlich Jahre zuvor Theater-Anteile in London.

Der Shakespeare-Philologie ist die Erwähnung willkommen: als starker Hinweis darauf, dass der Mann aus Stratford wirklich der war, den die Welt (oder damals England) als Dichter kannte. Denn Heminges und Condell figurierten in der Werkausgabe von 1623, der «First Folio», als Herausgeber. Das waren sie mit allergrösster Wahrscheinlichkeit nicht, aber der Zusammenhang zwischen Stratford und den Stücken war damit noch ein wenig stärker geknüpft.

Konnte er lesen und schreiben?

Damit wären wir beim Werk. Unbestreitbar Weltliteratur. Nach orthodoxer Lehrart verfasst von einem durchaus erfolgreichen Geldleiher und Kaufmann aus der Provinz, der einige Zeit seines Lebens – man weiss nicht genau, warum und wann – in London verbrachte und dort als Schauspieler am Theater auftauchte. Und unter dessen Namen allerlei Theaterstücke kursierten, die erfolgreich gespielt wurden. Auch als Dichter war «Shake-Speare» aufgetreten.

Die krakeligen Unterschriften haben indes die Frage aufgeworfen, ob er überhaupt schreiben (und lesen) konnte. Die Themen, die in seinen Werken vorkamen, die umfassende Bildung, die sie verrieten, und der Umstand, dass dieser Autor wusste, wie es beim Adel und am Hof und in fremden Ländern zuging, haben die Frage unausweichlich gemacht: Waren jener Will Shaksper aus Stratford und William Shake-Speare auf den Titelblättern wirklich identisch?

Die «Stratfordians», die orthodoxe Lehrmeinung, sieht kein Autorproblem, nirgends steht, dass Shaksper nicht Shakespeare war. Andererseits sind sie auch gezwungen, rund um die dürren Facts, welche das Leben ihres genialen Dichters hinterlassen hat, wahre Seiltänze aufzuführen, um dessen Genialität plausibler zu machen. Da wimmelt es dann von «dürfte» und «könnte», wenn aus allerlei Begebenheiten, die hätten geschehen sein können, die Karriere dieses Superstars der Literatur erklärt werden soll. Andererseits ist ein Genie eben ein Genie, dazu gehört, dass man es nicht erklären kann.

Auf die Frage «Warum nicht?» findet man leicht Antworten. Der Abstand zwischen dem Mann aus Stratford und dem Dramatiker in London ist sehr gross. Der Provinzlümmel konnte das einfach nicht. Schwieriger ist die Frage: Wer sonst?

Theatermilieu war Unterwelt

Dass es überhaupt zur Debatte kommen konnte, liegt auch in den Zeitläuften begründet. Elisabeth I. und ihr Nachfolger Jacob I. hatten eine Schwäche fürs Theater. Als Kultur- und Unterhaltungsform muss man sich das Theater ähnlich dem heutigen Kino vorstellen. Die Schauspieler kennt man, aber die Drehbuchautoren? Organisiert waren die Schauspieler in wandernden Ensembles, auch entstanden lokale Bühnen in London. Gespielt wurde auch am Hof. Das Schauspielermilieu aber war Unterwelt pur. Gangster, krumme Geschäfte, Prostitution, Glücksspiel. Auch Shaksper blitzt in den Akten auf. Undenkbar, dass ein Mann gehobenen Standes da als Autor oder sonst tätig gewesen wäre.

Andererseits ist das Theater schon präsent in der Politik. «Richard II.», wo ein König abgesetzt wird, das kann nicht einfach so gegeben werden. Die anderen Königsdramen von «Shakespeare» sind da «patriotischer».

Wenn sich jemand hinter «Shaksper/Shake-Speare» verbirgt, dürfte es am ehesten ein Adliger sein. Kandidat Nummer 1 in der Debatte ist Edward de Vere, der Earl of Oxford. Seine Fans figurieren als «Oxfordianer». Auf ihn gibt es viele versteckte und offene Hinweise. Nicht zuletzt die Einleitungstexte der «First Folio»-Ausgabe, vom Autor-Kollegen Ben Jonson, der auch der Herausgeber gewesen sein dürfte, strotzen vor Zweideutigkeiten. Das Titelbild der Folio-Ausgabe ist derart dilettantisch, dass es nicht Zufall sein kann. Die Proportionen stimmen hinten und vorne nicht, und die Figur trägt ein Wams, das aus einer Vorder- und einer Rückenseite zusammengesetzt ist. Jonson sagt: «Guckt nicht aufs Bild, schaut das Buch an!»

Oxfords Motto war: «Vero nihil verius!» (Nichts ist wahrer als die Wahrheit!) und bietet sich für Wortspiele mit dem eigenen Namen an. Die man findet, wenn man sucht. Dazu gibt es Anagramme aus den Buchstaben, die im Text versteckt sind. Eine spannende Lektüre.

Ein Autorenkollektiv?

Die klassische Lehrmeinung sieht ein Werk ohne Autor vor sich. Ist das möglich, dass einer «Hamlet» schreiben kann ohne persönliche Betroffenheit? Das Stück passt gut zur Biografie Oxfords. Vater gestorben, Mutter wieder geheiratet, auch das übrige Personal passt. Und da gibt es ja noch die Sonetten von Shake-Speare. Auch dort wimmelt es von Anspielungen, die Widmung spricht von «ourever-living (poet)». Ersetze das «G» am Schluss durch ein «S», und das «Nil vero verius»-Anagramm ist perfekt.

Seit Homer geistert «der Autor» durch die Literatur. Ein Mann/eine Frau – ein Werk. Für uns evident, aber vielleicht eher die Ausnahme? War «Shakespeare» ein Autorenkollektiv, dienten Name und Figur aus Stratford als «Durchlauferhitzer» für Literatur, welche gewisse Persönlichkeiten des elisabethanischen England nicht unter ihrem eigenen Namen publizieren konnten? Das wäre dann die Verschwörungstheorie hoch zwei. Aber nicht weniger plausibel als die einfache Geschichte, dass ein illiterater Businessmann aus Stratford in der Freizeit Weltliteratur produzierte.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.