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THEATER ZÜRICH: Der Europäer abgeschottet von der echten Welt

Martina Clavadetscher denkt sich am Zürcher Neumarkt in den letzten Ureinwohner Europas.
Die Schweizer Autorin Martina Clavadetscher. (Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Die Schweizer Autorin Martina Clavadetscher. (Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Da sitzt er, der letzte Europäer. Ein Prachtexemplar? Eine Enttäuschung! Bühnenbildner Lukas Stucki hat das in einem grünen Overall steckende Babyface (Maximilian Kraus) in eine gepolsterte Vertiefung im Bühnenboden des Zürcher Neumarkt-Theaters gesetzt. Aus seiner Komfortzone kriecht dieser Europäer nicht mehr gern. Warum auch? Ist ja alles schon da, was er braucht!

Die neben ihm sitzende Muttermaschine, eine groteske Erscheinung mit goldenen Pumps und blondiertem Haar (Linda Olsansky), prüft regelmässig, ob der Europäer unterm warmen Licht auch nur «saubere Vorstellungen» ausbrütet. Für jedes aus dem Loch der Langeweile aufsteigende Bedürfnis simuliert sie für ihren Zögling eine passende Realität. Denn die echte Welt ist mit der abstrakten Vorstellungswelt des Europäers längst nicht mehr kompatibel. Um die Grausamkeiten, die in diesem abgeschotteten Europa passieren, zu beschreiben, würde dem Europäer schlicht das Vokabular fehlen.

Eine angst­gesteuerte Zukunft

Die Innerschweizer Autorin Martina Clavadetscher fantasiert sich in ihrem Stück «Der letzte Europäer» – einer Auftragsarbeit zum 50-Jahr-Jubiläum der Neumarkt-Bühne – in eine angstgesteuerte Zukunft. Personifiziert wird diese Angst durch einen von der Schauspielerin Elisabeth Rolli angeführten Chor aus Zürcher Bürgern. Während ein trieb- und instinktgesteuerter Hund (Miro Maurer) als einziger Bühnen­repräsentant ein bisschen Dreck von der Strasse in diese Komfortzone bringt, spricht der Chor Sätze, die wie Belegstellen für das Aussterben der Europäer klingen: «Die Untertanen der Angst, sie bewegen sich nicht und sie bewegen nichts», mahnen die vermummten Gestalten.

Natürlich findet die derzeit wild auf Zäune und Abschottung bauende Gegenwart in der schrillen Inszenierung von Katharina Cromme einen Resonanzraum. Doch Clavadetschers Text ist längst nicht nur von tagesaktuellen Reflexen durchdrungen. Ihr Stück ist unverkennbar auch eine Hommage an Heiner Müllers berühmte Shakespeare-Adaption «Hamletmaschine». Es tobt darin eine ähnlich befreiende Zerstörungswut, die schliesslich auch den Europäer ergreift, als er sich mit den Ideen seiner Vorväter neu erfindet.

Und ebenso wie beim DDR-Dramatiker Müller, in dessen Texte die Vergangenheit Schicht um Schicht eingelagert ist, wird auch hier die jahrhundertealte europäische Kulturgeschichte virtuos reflektiert: Vom rationalen Weltbild des Barock, von den traumwandlerischen Pfaden der romantischen Stilepoche bis zur fiebrigen Kriegseuphorie um 1914 und heutigen Abschottungsfantasien findet sich unter dem europäischen Gedanken alles vereint.

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

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