THEATER ZÜRICH: Mit Sodom den Populismus angeprangert

Alle Lampen standen schon im Vorfeld auf Sturm: Da kommt Milo Rau, erarbeitet mit Behinderten des Theaters Hora «Die 120 Tage von Sodom» und entlarvt so die Sauereien einer faschistoiden Gesellschaft.

Roland Maurer (sfd)
Drucken
Teilen
Mitglieder des Schauspielhauses und der Theatergruppe Horas agieren gemeinsam. (Bild: Schauspielhaus/Toni Suter, T+T Fotografie)

Mitglieder des Schauspielhauses und der Theatergruppe Horas agieren gemeinsam. (Bild: Schauspielhaus/Toni Suter, T+T Fotografie)

Roland Maurer (SFD)

kultur@luzernerzeitung.ch

«Darf man das?», fragte rundum das besorgte Feuilleton und hoffte wohl insgeheim auf einen saftigen Skandal, der sich so richtig bewirtschaften liesse. Ja, man darf nicht nur, man muss geradezu. Denn was Milo Rau und die Theatertruppe Hora dem Publikum mit «Die 120 Tage von ­Sodom» im Schiffbau des Zürcher Schauspielhauses vorlegt, erschüttert so sehr, wie es Theater sonst kaum je vermag. Und es gibt einen Furcht erregenden Horror als Quintessenz dieser zwei Theaterstunden zwischen nachgebauter Pfauenbühne, gedecktem Abendmahltisch und riesigem Kreuz.

Was Faschisten an Zerstörung vermochten, ist das eine. Was eine verlogene, klassische Musik liebende, Business, Hu­manismus und Kultur propagierende heutige Gesellschaft im Schlepptau von Populisten toleriert und befördert, ist das an­dere und steht Ersterem kaum in ­etwas nach. Das ist nicht «nur» Film, nicht «nur» Theater: Das ist die ungeschminkte, real existierende Wahrheit. Davon handelt diese Aufführung.

Verhinderter Voyeurismus

Wer glaubt, im Schiffbau auf voyeuristische Kosten zu kommen, bleibt in dieser Aufführung kläglich auf der Strecke. Doch, doch, es gibt zwar alles, was dazu nötig wäre – Penisse, nackte Ärsche, Scheisse fressen, kotzen, foltern, ans Kreuz nageln. Das Wissen um die Realität aber – KZ-Morde ­damals; Pränataldiagnostik, die es ermöglicht, Ungeborene mit Trisomie 21 rechtzeitig abzutreiben und auszurotten – fährt so ­direkt ein, dass jede Lust auf Lust vergeht.

Materiallieferanten für diese Schocktherapie waren für Milo Rau der Marquis de Sade und Pier Paolo Pasolinis Skandalfilm «Salò oder die 120 Tage von ­Sodom». So erscheint es wie eine Ehrerweisung an den 1975 ermordeten Italiener, dass Rau in seiner Inszenierung die real gespielten Theaterszenen simultan filmen und auf Grossleinwand übertragen lässt. Eine Verdoppelung, die streckenweise kaum zu ertragende Emotionen freilegt.

Grossartige Schauspieler

Womit der Regisseur genau das erreicht, was er gemäss eigenen Aussagen vom Theater selber verlangt: dass es nicht nur begeistert, sondern beunruhigt. Und in der Tat: Während oftmals das Publikum sich räuspert, hüstelt und auf den Stühlen rumrutscht, war diesmal kein Ton zu hören. Im Raum herrschte erdrückende Stille.

Das geht auch in höchstem Masse auf das Konto der Akteurinnen und Akteure. Was die vier Mitglieder des Schauspielhauses in ihrem fein ziselierten Zusammenspiel mit den Behinderten Horas herausarbeiten, trifft emotional ganz direkt; denn diese legen ihre ganze Seele und ihre Emotionalität mit unglaublichem Einsatz in ihre Rollen.

Die breite Gefühlsskala von Schattierungen der Zuneigung, ja Liebe, bis hin zu Lust an der Tortur, zu Schrecken und Entsetzen wird von allen Beteiligten mit grandioser Professionalität ausgespielt. Dafür erhielten sie langen Applaus, der echte Betroffenheit spüren liess.