THEATERSPEKTAKEL: Ein Kontinent mit Erinnerungslücken

Europa sei ein erinnerungsloser Kontinent, sagt Regisseur Milo Rau. In Zürich zeigt er sein neues Zeitzeugen-Dokutheater: fünf Berichte über den Krieg und ein zerrissenes Europa.

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Milo Rau inszeniert Zeitzeugen als Theater. Die Meinungen darüber sind geteilt. (Bild: Christian Altorfer/PD)

Milo Rau inszeniert Zeitzeugen als Theater. Die Meinungen darüber sind geteilt. (Bild: Christian Altorfer/PD)

Hansruedi Kugler

Zürich: Euro-Krise mal ganz ohne Bankkredite, Finanzminister und hysterische Diplomaten: «Europa lebt mit gewaltigen Erinnerungslücken», sagt Regisseur Milo Rau und mahnt mit seiner Recherche über Vertreibung und Kriegsgräuel an das alte europäische Gespenst des Nationalismus.

Gehört das auf die Bühne?

Im Stück «The dark ages» lässt er Zeitzeugen aus Bosnien, Serbien, Russland und Deutschland ihre Erlebnisse erzählen: vier professionelle Schauspieler und ein bosnischer Menschenrechtsaktivist. Ob das auf die Theaterbühne gehört, ist in der Kritikergilde umstritten. Manche halten Raus Zeitzeugen-Berichte auf der Bühne für inhaltlich enttäuschend und theaterfern, weil man solche Erzählungen überall hören könne. Andere jubeln über die schlichte und deshalb seltene menschliche Wahrhaftigkeit, die solches Erzählen ermöglicht.

Dies war all jenen völlig zurecht egal, die an den Aufführungen am Theaterspektakel trotz enormer Hitze hellwach zuhörten. Denn stark ist das Stück besonders darin: Die Berichte lechzen keine Sekunde nach Mitleid oder politischer Agitation: «oral history» im besten Sinn, fern von politisch instrumentalisierter oder medial dramatisierter Tränen-Erinnerung.

Vaters Knochen im Brunnen

Man hört Menschen zu, die Ungeheuerliches überlebt haben. Sie erzählen dies im Büro des bosnischen Menschenrechtlers Sudbin Music verinnerlicht, mit unbewegter Miene, ab und zu lächelnd. «Wir helfen, Vermisste in Massengräbern zu finden», erklärt Music seine Aufgabe. Torfleichen stinken besonders stark, sagt er und zeigt auf der Leinwand ein Video mit seinem Freund Hasan und dessen Braut aus dem Jahr 1990 – aus glücklichen Vorkriegs-Zeiten. Fast alle auf diesem Video sind tot.

Auch Musics Vater, dessen Knochen er Jahre nach dessen Ermordung durch serbische Soldaten aus einem Dorfbrunnen zog. Er selbst deportiert, von der Mafia versklavt, nach Westeuropa entkommen. Warum er als einer der ganz wenigen wieder in Bosnien lebt? Jemand müsse ja die Erinnerung aufrecht erhalten, meint er achselzuckend.

«Alle wollen nur weg»

Denn die allermeisten wollten den Krieg verdrängen. Alle wollen weg, aus Belgrad, aus Sarajewo, nur weg. Am liebsten nach Westeuropa. «Das ist das Traurigste an der ganzen Geschichte», sagt die bosnische Schauspielerin Vedrana Seksan. Sie hatte als Jungjournalistin die Belagerung Sarajewos 1992 bis 1995 überlebt, sah von Granaten zerfetzte Körper und stellte auch dem damaligen UNO-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali unangenehme Fragen. «Mea culpa», habe Boutros-Ghali geantwortet.

Sanja Mitrovic erzählt mit versteinertem Gesicht von wilden Jugendpartys während des Nato-Bombardements 1999 auf Belgrad. Fatalistische Exzesse angesichts des ästhetischen Horrors: Mit Freunden beobachtete sie den Bombenhagel von nahen Hügeln aus wie Feuerwerke. Da war die kindliche Begeisterung für Tito längst gewichen, am Sturm auf das Parlament nahm sie ein Jahr später teil und emigrierte in den Westen. Wie allzu viele. Denn geblieben seien nur die Nationalisten: Mitrovic sieht eine düstere Zukunft verhärteter Nationalismen auf Europa zukommen.

Nicht bloss arme Opfer

In dieser Prognose scheinen sich Regisseur und Darsteller in der Fragerunde nach der Aufführung einig. Und: «Wir sind Europäer, nicht nur arme bosnische Opfer eines dummen Krieges», betont Vedrana Seksan ihre Würde. Dass Milo Rau zuvor noch Hamlet zitieren lässt, der wegen seiner Weigerung zu vergessen für verrückt erklärt wird, macht als Analogie Sinn und legitimiert das Projekt als Bühnenstück. Der Abend hätte auch ohne diese Zutat funktioniert: Zumindest einen Abend lang hat die Wunde Jugoslawien die hysterischen Europrognosen verdrängt.