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Konzert im Marianischen Saal: Theatralik und Dicke statt Finessen

Das Brodsky Quartet als Messlatte in der Kammermusik? Am Sonntag wurde diese sicher nicht nach oben verschoben.
Roman Kühne
Das Brodsky Quartet aus Grossbritannien beim Auftritt im Marianischen Saal in Luzern. Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 3. November 2019)

Das Brodsky Quartet aus Grossbritannien beim Auftritt im Marianischen Saal in Luzern. Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 3. November 2019)

Die Streichquartette sind die ewigen Diamanten im Klassikbetrieb. Felsen in einer Brandung aus stäubender Gischt. Im heutigen Konzerttrubel ist es kaum mehr denkbar, dass ein Dirigent für Jahrzehnte mit einem, seinem Orchester spielt. Auch bei den Instrumentalisten muss stets Neues und Aufregendes präsentiert werden, reichen sich die Nachwuchsstars ununterbrochen die Klinke in die Hand. Wie viele Debütanten am Lucerne Festival waren zum Beispiel später wirklich in einem grossen Konzert zu hören?

Zwar gibt es auch bei der Kammermusik einen Trend hin zu ad-hoc-Gruppen, zu einem «Best of» an Klassikstars. Und sowohl in Andermatt am letzten Wochenende mit drei Streichern des Lucerne Festival Orchestras als auch bei den «Gipfelwerken» des Luzerner Sinfonieorchesters gab es so überzeugende Konzerte auf höchstem Niveau. Dennoch sind nicht die einmalig aufspielenden Solisten die Messlatte in diesem Bereich.

Eingespielte Viererbanden dominieren das Feld

Das Feld wird dominiert von eingespielten Viererbanden. Viele Quartette gibt es schon ewig. Das Schweizer Carmina Quartett zum Beispiel tritt seit 35 Jahren auf. Oder das Hagen Quartett, welches seit 38 Jahren musiziert. Spitzenreiter an Beständigkeit ist jedoch das Brodsky Quartet. Seit 1972 gibt es diese Formation. Von den Gründungsmitgliedern sind zwar nur noch zwei dabei, Ian Belton an der Violine und Jacqueline Thomas auf dem Violoncello. Paul Cassidy an der Viola ist aber auch bereits seit 36 Jahren Mitglied. Nur die erste Geigerin, Gina McCormack, ist frisch in diesem Jahr dazugestossen.

So erstaunt es nicht, dass am Sonntagabend im Marianischen Saal in Luzern die Homogenität und Kompaktheit des Klangs eine Stärke des Brodsky Quartets ist. Unter dem Titel «Death and Loss» ist es ein schwermütiges Programm, das sie hier beim zweiten Saisonkonzert der Gesellschaft für Kammermusik Luzern präsentieren. Ganz in Moll gehalten, entwickeln vor allem die eher unbekannteren Nummern einen ganz eigenen Sog und Sehnsucht. So etwa das «Crisantemi» von Giacomo Puccini, ein vom Komponisten für Streichquartett geschriebenes Stück, direkt kopiert aus der Sterbeszene seiner Oper «Manon Lescaut». Das Brodsky Quartet spielt den leidenden Abschied nachdenklich, wogend und weit.

Speziell am Ensemble ist sein schwerer und weicher, ja teils fast massiger Klang. Das Hagen Quartett zum Beispiel, gerade auf dem Pilatus zu Gast oder vor zwei Jahren auch im Marianischen Saal, spielt viel schlanker, interpretiert mit grossen Extremen und Spitzen, lotet auch mal die Härte eines Stückes aus. Im Gegensatz dazu bleibt das Brodsky Quartet eher in den dunklen Tönen haften. Ihre Interpretation ist emotionell und üppig. «At the grave of Beethoven» der japanischen Komponistin Karen Tanaka erklingt als anhaltender, tief grabender Schmerz. Ein sattes Unverständnis gegenüber dem Elend von Krieg und Verlust.

Klebriger Beethoven

Schwieriger wird es, wenn die vier Musiker mit der gleichen Klangbreite und Wuchtigkeit die bekannten «Standards» der Quartettliteratur interpretieren. An diesem Abend sind dies die jeweiligen Streichquartette in f-Moll von Felix Mendelssohn und von Ludwig van Beethoven. Beide Komponisten sind Meister des Details und der inneren Struktur, Konstrukteure lebendiger Farbgemälde mit vielen Nuancen. Doch das Brodsky Quartet spielt auch hier mit Schmelz und Pathos, inszeniert den Beethoven quasi als theatralisches Schmerzgedicht. Dies mag emotionell teils packend sein. Doch für einen spannenden Hörgenuss ist es zu wenig.

Über weite Strecken verhindert der satte Klang des Quartettes eine verständliche Wiedergabe. Theater und Dicke statt Finessen und Details. Das «Allegro vivace» schaukelt zudem bedenklich, droht gar auseinanderzufallen. Vor allem wenn man den herausragenden Kammermusikabend von letzter Woche in Andermatt im Kopf hat (Ausgabe vom 28. Oktober) vermag diese Aufführung wenig zu befriedigen.

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