Bariton Thomas Hampson: Der Star und seine 80 Zuhörer

Sie alle sind für sich alleine Publikumsmagnete. Am Bürgenstockfestival sind die Berühmtheiten aus nächster Nähe zu erleben.

Roman Kühne
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Singt in intimem Rahmen: Der amerikanische Bariton Thomas Hampson bei seinem Auftritt am Bürgenstock-Festival.

Singt in intimem Rahmen: Der amerikanische Bariton Thomas Hampson bei seinem Auftritt am Bürgenstock-Festival.

Bild: Michael Schmid

Wenn der grosse Bariton Thomas Hampson (64) singt, dann sind die Säle ausverkauft. Voll war es im Opernhaus Zürich, wenn er in Puccinis «Tosca» Scarpia sang. Voll sind die Häuser auch bei seinen Auftritten im Zürcher Kaufleuten am letzten Dienstag mit über 500 Zuschauer und am Donnerstag in der Villa Honegg vor 80 Personen, beides im Rahmen des Bürgenstock-Festivals.

Achtzig Gäste! Man glaubt seinen Augen nicht zu trauen. Dabei wurde der Saal im kleinen Boutique Hotel extra um eine Reihe aufgestockt. Und Thomas Hampson ist bei weitem nicht der einzige Star, der in dieser Woche statt das KKL jenen winzigen Konzertsaal bespielt. Die Musikerliste ist ein «Name- dropping». Die Lebensläufe, ein Who-is-Who der internationalen Klassikcracks.

Intensität: direkt und unplugged

So ist Yuja Wang dabei, seit 2009 ein regelmässiger Gast am Lucerne Festival (Debüt mit Sergej Prokofjews drittem Klavierkonzert unter Claudio Abbado). Eine Frau, die mit ihren Interpretationen genauso Furore macht wie mit ihren Kleidern. Oder der Geigenvirtuose Ray Chen: Im letzten Jahr brillierte er mit Mendelssohn in einem Konzert der Festival Strings. Oder der Cellist Maximilian Hornung, CD-Preisträger und Musikpartner von Anne-Sophie-­Mutter. Die künstlerischen Leiter Andreas Ottensamer, Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker, und José Gallardo, ein exzellenter Kammerpianist, sind hier gar noch nicht mitgezählt. Diese hochkarätige Besetzung beschert dem Publikum grösstenteils beglückende Konzertmomente.

Vor allem der Donnerstag, wo das Programm thematisch dichter ist, wird zum Erlebnis. Das «Gassenhauer-Trio» von Ludwig van Beethoven erklingt technisch perfekt. Hervorragend, wie Andreas Ottensamer, Maximilian Hornung und José Gallardo in der trockenen Akustik jeden Ton akribisch zeichnen. Weich und voll singt die Klarinette. Die leisen Stellen ein Genuss. Das Cello klingt facettenreich und kernig. Fast wähnt man sich im Film, so schön stirbt die Musik im lebenshungrigen Adagio.

Harmonie auf höchstem Niveau bringt auch die Kreutzer-Sonate, ebenfalls von Beethoven. Der Pianist Gallardo ist die perfektionierte Begleitung: Bewegung, Lautstärke, Akzente. Er verschmilzt förmlich mit Ray Chen an der Violine. Wie vor einer Woche in Andermatt sein Instrumentenkollege Nikita Boriso-Glebsky spielt auch Chen den Beethoven mit viel Vibrato, Wucht, ja Aggressionen gar. Chen betont Gegensätze, haut die Sprünge und Läufe richtiggehend ins Publikum. Nicht nur virtuos, sondern packend. Mit Feuer, Dampf und Tempo. Obwohl, das Intime des Komponisten gerät sogar etwas unter die Räder.

Zentrum soll intim bleiben

Fast stiehlt das Duo dem Star die Show. Doch der Bariton Thomas Hampson lässt nichts anbrennen. Grosse Ausstrahlung, fliessende Stimmführung, weiches Volumen – seine Interpretation der «Zigeunermelodien» von Antonín Dvořák lässt keine Wünsche offen. Fast zu gross ist seine Stimme für den kleinen Raum.

Wäre es nicht besser, solche Konzerte in einem grösseren Setting durchzuführen, sie mehr Publikum zugänglich zu machen? Peter Frey, Präsident des Stiftungsrates und wichtiger Mäzen dieser Reihe, sieht dies durchaus auch so: «Wir machen jedes Jahr Konzerte, die den Rahmen etwas weiter stecken. Letztes Jahr bespielten wird die Matthäuskirche, dieses Jahr sind wir im Kaufleuten und erstmals auch in Winterthur.»

Für Peter Frey ist aber klar, dass auch in Zukunft der intime Saal das Zentrum dieser Reihe bildet: «Am Mittwoch sass ich im Kaufleuten in Zürich neben zwei mir unbekannten Zuschauern. Und obwohl der Auftritt der Pianistin Yuja Wang begeisterte, meinte der eine zu seinem Kollegen, in der Villa Honegg werde es sicher noch toller, weil nirgends sei man so nahe an den grossen Musikern dran.» Eine Einschätzung, die man als Zuschauer nur teilen kann.

Faszinierend ist es, Thomas Hampson aus wenigen Metern Distanz zu geniessen. Atemberaubend, wenn am Mittwochabend die Pianistin Yuja Wang ihre Magie entfaltet. Typgerecht trägt sie ein anliegendes Goldkleid, seitlich aufgeschlitzt. Ihr «Une barque sur l’océan» von Maurice Ravel ist dann ein an Dichte kaum zu überbietendes Sinnesspektakel. Ein in alle Richtungen wirbelnder Wasserstrahl. Und, aus der Nähe genossen, eindrücklicher und aufwühlender, als man es je im Konzertsaal erleben könnte.