Kino
In «Nemesis» setzt Thomas Imbach seinem Nachbarn ein Denkmal

Der filmische Essay des gebürtigen Luzerners handelt von viel mehr als vom Abbruch eines Güterbahnhofs. «Nemesis» ist sein Racheengel.

Regina Grüter
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Der Bagger knabbert an den frei stehenden Mauern.

Der Bagger knabbert an den frei stehenden Mauern.

Bild: Frenetic

Thomas Imbach blickt viel aus dem Fenster. Mit der Kamera. Schon zum zweiten Mal nach «Day Is Done» hat der Schweizer Filmemacher das üppige Material zu einem Film verdichtet. Am Anfang von «Nemesis» stehen Bestürzung und Empörung.

Es habe ihm das Herz gebrochen, als die Zürcher Regierung entschied, den alten Güterbahnhof in Zürich-Aussersihl abzureissen.

So der Filmemacher. Der Güterbahnhof war nicht nur Imbachs «langjähriger Nachbar», sondern auch Ort für andere Lebensformen und Alternativkultur gewesen. Und ein architektonisch einmaliges Bauwerk, dessen Abriss auch der Heimatschutz schliesslich nicht verhindern konnte.

Beim Abbruch beginnt er zu filmen. Der Film aber verortet den Güterbahnhof erst in der Geschichte und seiner Bedeutung für die Stadt Zürich. Es ist auch ein Rückblick in seine eigene, die von uns allen. Woher kommen unsere Eltern und Grosseltern? Erinnern uns die Geschichten italienischer Einwanderer im ehemaligen Arbeiterquartier Aussersihl nicht an die heutiger Migranten? In persönlichen Texten, gesprochen vom deutschen Schauspieler Milan Peschel, denkt der Regisseur über Tod und Vergänglichkeit nach, jetzt, da der Güterbahnhof bald Geschichte sein wird und an dessen Stelle ein Gefängnis- und Polizeizentrum entstehen soll.

Zwei Hallen von 400 Metern Länge mit über 100 Sheddächern werden für ein Gefängnis mit 300 Insassen und unzähligen Büros geopfert.

So sieht es Thomas Imbach. Seine Assistentin Lisa ist besorgt, dass er in der Vergangenheit gefangen sei. Sie besucht Migranten im Ausschaffungsgefängnis. «Könnten sie in Zukunft auf diesem Gelände festgehalten werden?», fragt Imbach. Indem er ihre Erzählungen integriert, verlässt «Nemesis» endgültig das persönliche Terrain hin zum politischen und gesellschaftlichen.

Das ewiggleiche Sujet, 132 Minuten lang, das mag langweilig klingen. «Nemesis» ist das Gegenteil. Ein formales Meisterstück. Eine besondere Rolle nimmt dabei der Ton ein – der Originalton war natürlich nicht zu gebrauchen. Ein Fest für den Sounddesigner, der das Bildmaterial nachträglich vertonte.

Für seine herausragende Arbeit wurde Peter Bräker im März mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet, wofür auch «Nemesis» in der Kategorie «Bester Dokumentarfilm» nominiert war.

Während also Abbruchbirne und Bagger im Zeitraffer wie ferngesteuerte Spielzeuge ihr Werk verrichten, brummt und knackt es auf der Tonspur. Zerstörung kann auch schön sein, zumindest die Bilder davon.

Fast acht Jahre ­ im Zeitraffer

Die Stimmung und die Perspektiven wechseln öfters in Imbachs Film. Die Jahre vergehen, schon wieder ein Neujahrsfeuerwerk – auch das filmt Imbach immer. Ist der Baugrund erst einmal plafoniert, passiert wieder lange nichts. Fuchs und Rabe sagen sich gute Nacht. Der Zug fährt vorbei, der Mond scheint am Nachthimmel zu rasen. Es schneit und regnet, dann ist Sommer, und die Vorbereitungen für ein Festival laufen. Ein Paar küsst sich innig auf dem Parkplatz, Buben spielen Fussball. Das Leben nimmt seinen Lauf vor dem Atelierfenster des Filmemachers. Dann wird der Rohbau Tatsache, und die abgrenzende Mauer ist endlich für etwas gut. Thomas Imbach ist fasziniert von den Arbeitern, zu denen das Adjektiv «roh», im positiven Sinne, auch ganz gut passt. Besonders angetan hat es ihm der Mann mit den langen blonden Haaren, der immer mit Kaffeebecher und Zigarette rumläuft. «Nemesis» ist eben auch witzig und liebevoll ironisch.

«Nemesis», ab 27. Mai im Kino.