THRILLER: Der Schuss tötet nach zehn Jahren

Michael Connellys neuer Harry-Bosch-Fall «Scharfschuss» bietet allerhöchste Krimikunst. Einblicke in die menschlichen Abgründe.

Peter Henning
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Michael Connelly (60) hat mit Harry Bosch eine der erfolgreichsten Krimifiguren der Gegenwart geschaffen. (Bild: Mark DeLong/PD)

Michael Connelly (60) hat mit Harry Bosch eine der erfolgreichsten Krimifiguren der Gegenwart geschaffen. (Bild: Mark DeLong/PD)

Peter Henning

kultur@luzernerzeitung.ch

Der Weg, den Hieronymus «Harry» Bosch seit seinem ersten Erscheinen auf der internationalen Krimibühne 1992 zurückgelegt hat, ist lang. Sein Erfinder, der 1956 in Philadelphia geborene Ex-Polizei-Reporter der «Los Angeles Times», Michael Connelly, legte damals sein Krimidebüt «Schwarzes Echo» vor – und erfand damit mal eben den Polizeiroman, das sogenannte «police procedural», neu.

James Ellroy, der Schöpfer solch zeitloser Meisterwerke wie «Die schwarze Dahlie», «White Jazz» oder «L. A. Confidential», hatte plötzlich einen ernst zu nehmenden Gegenspieler. Denn Connelly gab vom ersten Moment an unwiderstehlich Gas. Für sein Debüt heimste er auf Anhieb den «Edgar» ein – Amerikas bedeutendsten Krimipreis.

Kampf gegen das Böse in Los Angeles

Seither ist Harry Bosch, getrieben von seinem Hunger nach Gerechtigkeit, im Kampf gegen das Böse in Los Angeles im Einsatz: In den Hinterzimmern der Casinos am Santa Monica Pier, wo undurchsichtige Dealer ihre schmutzigen Geschäfte abwickeln. Am Sunset Boulevard oder im Echo Park, wo immer öfter tödliche Schüsse fallen. Und in den Hügeln der Kitschküche Hollywood, am Mulholland Drive, wo untreue Millionärsgattinnen für ihre ­Seitensprünge mit dem Leben bezahlen.

Denn Harry Bosch ist das «Gute Gewissen» von L. A. – der eiskalte und inzwischen silber­nackige Rächer und Moralapostel, der in den bald 25 Jahren, die sein Erfinder Michael Connelly ihn inzwischen für das Los Angeles Police Department (L.A.P.D.) ermitteln lässt, weiss Gott alles gesehen hat, wozu Menschen fähig sind, deren finstere Dämonen mit ihnen durchgehen.

Entsprechend lässt es ihn kalt, als er zu Beginn seines zwanzigsten Falles zusieht, wie die ­Pathologin Teresa Corazon ihre Arme bis zu den Ellbogen in die geöffnete Bauchhöhle eines Toten schiebt und darin herumwühlt wie ein Kind in seiner Spielzeugkiste. Bis sie findet, was sie sucht: «Corazon reinigte die Pinzette und hielt sie hoch, um ihren Fund zu begutachten. Sie trat mit dem Fuss auf den am Boden angebrachten Einschaltknopf des Diktiergeräts und begann zu sprechen: ‹Aus dem vorderen TH-12-Wirbel wurde ein Projektil entfernt.›»

Der Meister der Langsamkeit

Der Mann auf ihrem Obduktionstisch ist ein bekannter mexikanischer Musiker, der zehn Jahre nachdem er scheinbar zufällig Opfer eines Anschlags wurde, seiner Verletzung erlegen ist. Und weil der Fall «Orlando Merced» einst dem damaligen Spitzenkandidaten für das Bürgermeisteramt ins Amt verhalf, indem dieser die Schüsse auf den beliebten Musiker höchst öffentlichkeitswirksam für sich zu nutzen verstand, macht Merceds Tod nun erneut Schlagzeilen.

Und wieder ist es die Politik, die sich für den Fall ganz besonders interessiert. Also schickt das L.A.P.D. seinen besten, erfahrensten Kämpfer in die Schlacht um Wahrheit, den Senior-Ermittler Harry Bosch, der das Department für sogenannte «Cold ­Cases» leitet, die Abteilungen für «offene, ungelöste» Fälle. Begleitet von seiner neuen jungen Assistentin Lucia Soto nimmt Bosch die Ermittlungen auf – und schon schieben sich wie in Zeitlupe, denn Connelly ist ein Meister der Langsamkeit, die ersten auf sie angesetzten Klapperschlangen ins Bild.

Connelly lesen heisst in die Abgründe des Menschen blicken. Das Resultat sind Zerrbilder von atemberaubender Schärfe – verdichtet zu bester Unterhaltung.