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THRILLER: Früher schrieb John Grisham spannender

Eine junge Autorin ermittelt verdeckt bei einem charismatischen Buchhändler. Denn der soll gestohlene ­Manuskripte im Millionenwert horten. John Grishams neues Buch ist trotzdem einschläfernd.
Autor John Grisham. (Bild: Bruno Vigneron/Getty)

Autor John Grisham. (Bild: Bruno Vigneron/Getty)

Wahrscheinlich ist es mein persönliches Problem: Ich bin ein Fan von John Grisham, seit ich 1992 «Die Firma» verschlungen hatte. Und die anderen Thriller seiner Anfangszeit. Seither lese ich alles von ihm, war aber in den letzten Jahren öfter enttäuscht. Bin ich zu unflexibel, wenn er jetzt anders schreibt als damals? Und tut er das wirklich, oder trügt meine Erinnerung?

Ich steige in den Keller, wo noch eine alte Taschenbuchausgabe von «Die Firma» steht. Nach wenigen Seiten weiss ich wieder, warum mich das Buch damals so gepackt hat. Und warum das neue eben überhaupt nicht.

Autorin soll sich bei ­Buchhändler einschleimen

Dessen Story beginnt mit einem ausgeklügelten Einbruch in schwer gesicherten Lagerräumen der Universität Princeton. Gestohlen werden unbezahlbare handgeschriebene Manuskripte des grossen US-Autors F. Scott Fitzgerald (1896–1940). Klingt nach Action, aber Grisham erzählt es ebenso weitschweifig wie trocken, im Stile eines Geschäftsberichts und mit Akteuren, zu denen man als Leser keinerlei Bindung entwickelt.

Dann lernen wir einen Buchhändler und seine erfolgreiche Karriere kennen. Und auf Seite 77 taucht endlich die Protagonistin auf: die junge Autorin Mercer, die nach einem erfolgreichen Erstling seit Jahren gegen eine Schreibblockade kämpft. Mercer wird von einer Organisation kontaktiert, die die Fitzgerald-Manuskripte wiederbeschaffen soll. Die dauerklamme Mercer lässt sich gegen gutes Geld überzeugen, sich beim Buchhändler einzuschleimen und ihn auszuspionieren. Denn der soll die Manuskripte inzwischen gekauft haben und bei sich verstecken.

Was nun folgt, ist die endlose Annäherung von Mercer an den verdächtigen Buchhändler und dessen literarische Entourage. Es gibt viele Partys, ausufernde Dialoge über Literatur und den heute ach so schwierigen Bücherverkauf. Dazwischen schwelgt Mercer in Erinnerungen an ihre Gross­mutter, in deren Strandhaus sie logiert oder beobachtet, wie Schildkröten ihre Eier in den Sand legen. Übrigens ist der Buchhändler sehr attraktiv, und so gerät Mercer nicht nur in amouröse Verwicklungen, sondern auch in einen Loyalitätskonflikt. Soll sie den Charmeur wirklich ans ­Messer liefern? Und ist das wirklich spannend?

Leider nein. Klar mag man als ­bibliophiler Leser den einen oder anderen Aspekt des Literatur­vertriebs interessant finden. Und die Idee eines möglichen Romans über die (fiktive) Affäre zwischen Hemingway und Fitzgeralds ­Gattin Zelda. Aber insgesamt plätschert die Handlung dahin, es passiert kaum etwas, die Figuren lassen einen weiterhin kalt.

John Grisham versucht, dem Ganzen etwas dramaturgische Würze zu verleihen: Einer der damaligen Diebe, ein echt brutaler Typ, ist noch auf freiem Fuss, will die Manuskripte zurück und ist ebenfalls dem Buch­händler auf die Schliche gekommen. Derweil die Manuskript­jäger und Auftraggeber von ­Mercer nun ihrerseitszum Zugriff ausholen. Kommt es also wenigstens zu einem fulminanten Showdown?

Geteilte Meinungen in den USA

Nochmals Fehlanzeige. Zwar gibt es eine kleine Wendung, die aber nicht wirklich überrascht. Vor allem aber ist auch das Finale staubtrocken erzählt. Wobei Grisham seine Protagonistin völlig aus den Augen verliert und erst im Epilog wieder auftauchen lässt.

Aus Fairness erwähnen wir noch, wie der Tenor der Kritiken in den USA war, wo der Roman Anfang Jahr erschienen ist. Die Meinungen waren geteilt, wobei einhellig festgestellt wurde, dass es ein untypischer Grisham sei. Einige Kritiker lobten dies grundsätzlich und attestierten Grisham, mal etwas Neues gewagt zu haben. Einen solchen Inhalt hätte man eher einem weiblichen Autor zugeschrieben, schrieb ein Rezensent. Es wirke, als habe Grisham eine Ghostwriterin gehabt.

Andere Kritiker vermissten Dynamik und Spannung. Aufgrund des entspannten Strandambientes könne das Buch aber als Ferienlektüre taugen. Unsere Meinung dazu: Wenn einen das Rauschen des Meeres nicht zum Einschlafen bringt, dann schafft es sicherlich dieses Buch.

Arno Renggli

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