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Tiere dürfen alles sagen

Kathrin Bosshard nimmt auf der Bühne kein Blatt vor den Mund – doch Poesie und Liebe gehören für die Puppenspielerin aus Herisau unbedingt dazu. Jetzt erhält sie den Kulturpreis des Kantons Appenzell Ausserrhoden.
Bettina Kugler
Die Puppenspielerin Kathrin Bosshard erhält den Kulturpreis des Kantons Appenzell Ausserrhoden © Urs Bucher/TAGBLATT

Die Puppenspielerin Kathrin Bosshard erhält den Kulturpreis des Kantons Appenzell Ausserrhoden © Urs Bucher/TAGBLATT

Die graue Steinwand besteht aus nostalgischen Requisitenkoffern. Darauf sitzen vier Filzmäuse. Etwas abseits von ihnen hockt eine weitere: Frederick, die Maus, die statt Getreide Sonnenstrahlen, Farben und Worte zum Überwintern sammelt. Mäuschenstill warten die Figuren auf die Probe – eine der ersten für Kathrin Bosshards neues Stück nach dem Bilderbuch von Leo Lionni. Später wird Regisseurin Frauke Jacobi vorbeikommen; «Frederick» entsteht in Koproduktion mit dem Figurentheater St. Gallen, für Zuschauer ab vier.

Kreativ werkeln zwischen Kuhweide und Gewerbe

Einladend fällt Morgensonne in den Probenraum im dritten Stock, als wüsste sie von Frederick. Am Hang vor dem Fenster weiden Kühe – ein idyllischer Kontrast zu den Werkstätten und Betrieben in unmittelbarer Nachbarschaft zu Bosshards Theater Fleisch + Pappe, zum Verkehrslärm unten. Kathrin Bosshard mag diese Verbindung. Sie hat sich angefreundet mit dem Gedanken, als Künstlerin dort sesshaft geworden zu sein, wo sie 1972 geboren und aufgewachsen ist: in Herisau. «Es muss nicht Berlin oder sonst eine Metropole sein», sagt sie, «auch nicht Trogen.» Dort hat sie zuvor ihre Stücke ausgetüftelt. Das Umfeld hier erdet und inspiriert sie. Auf der Bühne hegt die Puppenspielerin und Texterin eine Vorliebe für tierisches Personal, nicht nur in Stücken wie «Unter Artgenossen», «Ein Schaf fürs Leben» oder «Schwein, Weib und Gesang».

«Das ist einfach so passiert», sagt sie, «Tiere sind Herzöffner. An ihnen kommt Archetypisches klarer zum Vorschein. Etwa die renitente Seite in uns, die wir sonst sozial verträglich im Griff haben müssen.» Ein Kniff, den Peter Liechti für seinen Film «Vaters Garten» nutzte. Die Dialoge der Eltern Liechtis spielten Frauke Jacobi und Kathrin Bosshard mit Hasenfiguren. «Die sagen oft ganz furchtbare Sachen», erinnert sie sich. Sie dürfen es. Weil sie Plüschhasen sind.

Das innnere Kind redet mit

In den letzten Jahren hat Kathrin Bosshard vor allem für Erwachsene gespielt, mit «Frederick» wagt sie nun wieder ein Kinderstück. Sie schätzt das noch unvoreingenommene Publikum, findet leicht Zugang zu ihm – wie zum inneren Kind, das bei ihr lebhaft mitredet und mitdenkt.

Eine Weile aber hatte sie genug von Turnhallen mit Sprossenwand als Spielumgebung, genug vom Umgang mit unfreundlichen Abwarten, von pädagogischen Ansprüchen an ihre Figuren und Geschichten. «Schwein, Weib und Gesang» war da vor gut zehn Jahren wie ein Befreiungsschlag, auch gegen notorische Selbstzweifel. Ihre erste Produktion für Erwachsene: ein Türöffner. Sie wurde damit zur Künstlerbörse eingeladen, konnte mit dem Stück über die Liebesabenteuer des Wildschweinmanns Karl-Heinz Fuss fassen in der Kleinkunstszene, auch als Satirikerin beim «Bundesordner». Schluss mit dem Turnhallenmief!

Dabei hat es sie nach der Schule zunächst ans Lehrerseminar gezogen. «Ich war keine sehr gute Schülerin, doch schon als Kind wollte ich Künstlerin werden, ohne konkrete Vorstellung davon, was das heisst.» Am Seminar tobte sie sich in den musischen Fächern aus, entdeckte das Figurentheater für sich. Ein Seminarkollege erzählte ihr vom Studiengang Puppenspiel an der Berliner Hochschule Ernst Busch. «Da wusste ich, was ich unbedingt machen möchte.» Ein kluger Entschluss.

Schwarzer Humor, bunte Zwischentöne

Als bislang jüngste Künstlerin erhält sie nun den alle zwei Jahre vergebenen, mit 25000 Franken dotierten Kulturpreis des Kantons Appenzell Ausserrhoden. Die Figuren, meist selbst gebaut, sind ihr Element. «Zwischendurch tut es mir gut, mit den Händen etwas zu schaffen, für mich allein zu sein, ohne Publikum.» Mit ihren Stücken für Kinder wie für Erwachsene hat Kathrin Bosshard zu ihrer ureigenen Form gefunden, poetisch und humorvoll die Tragik des Lebens auf die leichte Schulter zu nehmen, fabelhaft anzusingen gegen Eintönigkeit und gegen das Unabänderliche. «Ich mag schwarzen Humor. Und ich möchte Themen auf die Bühne bringen, die gesellschaftlich relevant sind.» Etwa die Frage, wie viel Fremdheit es verträgt «unter Artgenossen».

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