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Musik aus Luzerner Dachgeschoss: Timo Keller und der kreative Wahnsinn

Das Studio vom Dach in Luzern ist schon lange ein Geheimtipp für coole Musik. Dort produziert, spielt und mischt Timo Keller mit seinem spezifischen Vibe. Zum Beispiel das neue Hanreti-Album.
Pirmin Bossart
Timo Keller in seinem Studio in Luzern. Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 4. April 2019)

Timo Keller in seinem Studio in Luzern. Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 4. April 2019)

Im Dachgeschoss eines Gewerbegebäudes an der Industriestrasse Luzern sind in den letzten drei Jahren einige der interessantesten Schweizer Indie-Produktionen entstanden. Das spricht sich herum. Zurzeit ist auch der in Deutschland erfolgreiche Zürcher Singer Songwriter und Senkrechtstarter Faber daran, im Studio vom Dach mit dem Produzenten Timo Keller das zweite Album aufzunehmen. Keller weiss: «Das zweite Album ist, von den Erwartungshaltungen her, das Schwierigste.»

Wer den umtriebigen Produzenten kennt, zweifelt nicht daran, dass er auch mit Faber etwas herauskitzeln kann, das authentisch, ehrlich und eigen daherkommen wird. Bands wie Kush K, Hermann, Long Tall Jefferson, Far Coast oder Me & The Magic Horses haben ihre aktuellen Alben mit Keller realisiert. Ein Hammer Pop-Album hat er mit Mnevis aufgenommen. «Die Band hat zehn Tage ununterbrochen im Studio verbracht. Es war ein heisser Sommer, die Energie zündete, die Stimmung war einzigartig. Ich war ständig daran, den kreativen Wahnsinn irgendwie zu managen.»

Energie neu entfachen

Neben solchen Hochphasen erlebt Keller auch das andere Ende des Energiespektrums, wenn der Aufnahmeprozess eher uninspiriert vor sich hindümpelt. Dann greift er als Produzent in seine Trickkiste. «Manchmal hilft es, mit einer bescheuerten Idee noch Öl ins Feuer zu giessen.» Zum Beispiel: «Ich präpariere das Schlagzeug und das Piano, damit es völlig anders klingt. Dann spielen die Musiker etwas, das ausserhalb dessen ist, was sie kennen und erwarten. Das kann die Energie neu entfachen.»

Ursprünglich vom Hip Hop begeistert, hat Timo Keller (33) erst spät – über The Beatles – seine Liebe zum Pop-Song, zu Soul, Folk und Rock entdeckt. Seitdem spielt er Gitarre, singt, schreibt Songs und hat mit seinen Soundtüftler-Neigungen parallel sein Studio im Tribschenquartier aufgebaut. Dort oben, auf der Dachterrasse, geht der Blick über die Dächer Luzerns zur Rigi. Den Pilatus sucht man vergebens, er versteckt sich hinter den Dächern. Ein schöner Zufall. Keller, der in Zug aufgewachsen ist und ständig die Rigi vor Augen hatte, ist es recht. «Das rootet mich ein wenig.»

Vor drei Jahren hat Timo Keller seinen Job als Soundtechniker im Treibhaus aufgegeben, um sich voll der Musik und der Studioarbeit widmen zu können. Er arbeitet fünf bis sechs Tage die Woche, durchschnittlich 12 Stunden. Nicht zu reden von seiner Freundin, seiner Band Hanreti und den regelmässigen Brain-storm-Treffs mit der «Apéro-Gang», die auch nicht vernachlässigt sein wollen.

Idealistischer Workaholic

«Ich bin latent überfordert mit meinem Leben», sagt er einmal. Und man denkt an seine aktuellen Hanreti-Songs (siehe Link unten), die so unglaublich unangestrengt klingen, dass man sich als Songschreiber eher einen Typen vorstellt, der tagelang am Beach rumhängt und in den Sonnenuntergang hineinträumt, als diesen idealistischen Workaholic, der wahrscheinlich nur halb so entspannt ist, wie seine Songs tönen.

In seiner Rolle als Produzent muss Timo Keller auf Musiker eingehen, die er oft nicht kennt und herausspüren, was sie empfinden. «Ich versuche, in ihre Köpfe hineinzuhören und mich dem anzunähern, was sie selber am meisten wollen. Das heisst auch, abzuwarten, was passiert, und einer Band Zeit zu lassen.» Damit er mit jemandem arbeitet, muss die Musik für ihn Sinn machen. Auch die menschlich-gesellschaftspolitische Haltung ist ihm wichtig. «Alles, was mir politisch widerstrebt, lehne ich ab.»

Egal ob als Musiker oder als Produzent, gilt für ihn: «Du musst eine Vorstellung im Kopf haben, wie es klingen soll.» Kellers musikalische Intuition ist gross, ab und zu hat sie etwas Genialisches. Etwa, wenn er wie nebenbei mit ein paar wenigen Akkorden einfach einen Song entwirft, spontan eine Melodielinie dazu singt und schon nach zwei Takten hört, welche rhythmische Spur das Schlagzeug dazulegen muss und wie die Basslinie klingen soll. Trotzdem würde er sich nie als Gitarristen bezeichnen. Lieber sagt Timo Keller: «Ich hatte das Glück, dass ich nie Gesang und Gitarre studiert habe.»

In den letzten Monaten ist um Keller eine Crew von einem Dutzend Musikern entstanden, die in verschiedenen Konstellationen eingesetzt werden kann. Es ist quasi eine lokale Version von berühmten Vorbildern wie der Muscle Shoals Rhythm Section, der Stax Studioband oder den Dap-Kings in Brooklyn.

Timo Keller nennt seine Studioband das «Lavabecken». Zu ihr gehören die Hanreti-Musiker Mario Hänni (dr), Rees Coray (b), Jeremy Sigrist (g) und Lukas Weber (perc) sowie Ivan Steiner (dr), Pascal Eugster (b), die Gitarristen Urs Müller und Christian Winiker, Trompeter Aurel Novak als Bläser Arrangeur, Violinist Michael Gsell als Streicher-Brain und der Chorspezialist Christov Rolla.

Gebrodel an Know-how und Kreativität

Das Lavabecken ist ein Gebrodel an musikalischem Know-how und an Kreativität, das seine Wirkung erst noch entfalten wird. Die Vision ist, dass diese Hot Gang als Backing Band von verschiedenen Künstlern eingesetzt werden kann. Als Produzent und Musikfan hat Keller Freude an seiner Spinneridee. «Bei fünf Produktionen pro Jahr könnten wir in fünf Jahren 25 Alben veröffentlichen. Hurra.»

Erste Alben mit der Crew sind im Kasten. Weitere werden folgen. Keller grinst und meint sarkastisch vom Hocker: «Ich freue mich schon jetzt darauf, wenn irgendwann auch Beck oder Nick Cave mit uns arbeiten wollen.»

Senkrechtstarter Faber:

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