Video

Der unbändige Kampf ums eigene Leben: Tina Turner, die grösste Rockröhre, wird 80

Die furiose Tina Turner kann zu ihrem 80. Geburtstag auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Es ist die grosse Schlacht der kleinen Anna Mae Bullock: Ein Leben wie ein Aschenputtel-Märchen - von der Ausbeutung und Erniedrigung über die emanzipierte Hitsängerin bis zur glücklichen Pensionärin und Multimillionärin am Zürichsee.

Oliver Seifert
Drucken
Teilen
1982 im Hammersmith Odeon in London. (Foto: Fin Costello/Redferns)

1982 im Hammersmith Odeon in London. (Foto: Fin Costello/Redferns)

Als Tina Turner 1976 die Flucht in ein anderes Leben wagt, weil das alte mit Ehemann Ike Turner von Erniedrigung, Gewalt und Ausbeutung geprägt ist, bleiben ihr nach der zähen Scheidung nicht viel mehr als der Künstlername (die Markenrechte daran besass eigentlich ihr Ex Ike) und zwei geschenkte Jaguars – freiheitliche Symbole einer langen Unfreiheit. Der Neuanfang sieht so aus: Mittellose 37-Jährige mit vier rüpeligen Söhnchen mietet Haus, leiht Mobiliar und nimmt, irgendwie muss ja Geld verdient werden, jeden noch so kleinen Auftritt in Hotels oder Casinos und jede noch so piefige TV-Show mit. Es dauert, bis die Etablierung als Solokünstlerin gelingt.

Ike & Tina Turner singen 1974 in der deutschen Fernsehshow «Musikladen» ihren Hit «Notbush City Limit»

Wenn diese furiose Rockröhre, am 26. November vor 80 Jahren in Nutbush, Tennessee geboren, in ihrer (zweiten) Autobiografie «My Love Story», gerade als Taschenbuch veröffentlicht, von ihrem Leben berichtet, dann beschreibt sie es gerne als Aschenputtel-Märchen: die erstaunliche Entwicklung vom «naiven Landmädchen zu einer gestandenen Frau» in äusserst schwierigen Etappen. Doch am Ende eines Märchens geht alles meist gut aus, mit Happy Ends wie hier, die dank harter Arbeit und vielen Entbehrungen verdient wurden. 12 Grammys, mehr als 200 Millionen verkaufter Tonträger, Rock and Roll Hall of Fame, Hollywood Walk of Fame: Doch das Glück der unheimlich erfolgreichen Sängerin wäre ohne die grosse Liebe, die sie im Kölner Musikmanager Erwin Bach fand, nicht vollkommen.

Tina Turner in einem Konzert 1975 in Los Angeles. (Foto: Michael Ochs Archives/Getty)

Tina Turner in einem Konzert 1975 in Los Angeles. (Foto: Michael Ochs Archives/Getty)

Im Jahr 2013 wird Tina Turner Schweizer Bürgerin

Dass sie für ihn 2013 noch einmal Ja! zur Ehe sagt, mit 73 Jahren, ist auch Teil dieses ungewöhnlichen Aschenputtel-Märchens. Dieses beginnt mit ein Albtraum-Hochzeit: in einem schmuddeligen Büro im schäbigen mexikanischen Tijuana, ohne Sekt, ohne Kuss, aber mit anschliessender Sexshow im Puff (eine Feier nach Geschmack des ersten Ehemanns Ike Turner). Das Märchen endet mit einer Traumhochzeit: auf dem eigenen Schloss am Zürichsee, die Deko aus 100000 Rosen, die Braut im Armani-Kleid, als Kutsche ein weisser Rolls-Royce. Es ist das lang erwartete Happy End, dass das traurige Aschenputtel endlich zur herrlichen Königin werden lässt.

Tina Turner 1994 auf Welttournee

2010 zeichnete das Schweizer Fernsehen Tina Turner mit dem Swiss Award aus, in der Kategorie Show. In einem Interview zeigte sie sich anschliessend stolz, den Preis als Nichtschweizerin erhalten zu haben. 2013 wurde sie Schweizer Bürgerin und gab im gleichen Jahr ihre amerikanische Staatsbürgerschaft auf.

Das Leben der Tina Turner ist von Anfang an als Überlebenskampf zu begreifen. Das wilde, optimistische Mädchen Anna Mae Bullock, aus der erst später Tina wird, erblickt 1939 das Licht der sich gerade verdunkelnden Welt. «Ein negatives Karma» begleitet ihren Weg: ein ungewolltes Kind, das für seine Lebhaftigkeit Schläge erntet, das wegen einer Lernstörung miserabel in der Schule ist und das sich in die Natur zurückzieht, in die harmonische, heile Sphäre der Wiesen, Wälder, Tiere. Mutter und Vater, im Dauerzoff miteinander, verschwinden macheinander. Da ist Anna Mae 11 und 13 Jahre. Sie wird bei der gestrengen Oma gross. Der erste Freund mit 15 bricht ihr das Herz, ein allgemeines Gefühl des Ungeliebtseins manifestiert sich. Ihre Stimme immerhin ist Gabe und Instrument, sie verschafft Gehör und Anerkennung. Die 17-Jährige lernt auf einem Konzert den berühmt-berüchtigten Rock ’n’ Roller Ike Turner kennen, der wegen ihrer imponierenden Gesangseinlage ein Auge auf sie wirft. Aus einer musikalischen Freundschaft wird mehr – leider.

Tinas Ehemann spendet ihr 2017 eine Niere

Das unheilvolle Verhältnis beider ist bekannt: der Mann als eine Art Zuhälter, der mit den gesanglichen und tänzerischen Fähigkeiten seiner Frau maximalen Profit machen will. Seine Mittel: Gewalt und Psychoterror. Ihr Suizidversuch 1968 vergrössert die Höllenqualen nur noch. Dem Erfolg der Ike & Tina Turner Revue ist alles untergeordnet, die Kinder werden mehr oder minder von Kindermädchen aufgezogen. Ein Leiden in Fortsetzungen – und eine fast acht Jahrzehnte andauernde Schlacht gegen die Widrigkeiten der Existenz.

Tina Turner mit Oprah Winfrey (links) und Ehemann Erwin Bach in New York 2019. (Foto: Evan Agostini/Invision/AP)

Tina Turner mit Oprah Winfrey (links) und Ehemann Erwin Bach in New York 2019. (Foto: Evan Agostini/Invision/AP)

Zuletzt hat ihr das Schicksal wieder übel mitgespielt, wie ein Blick in die Krankenakte verrät: 2013 Schlaganfall, 2014 Gleichgewichtsstörungen, 2016 Diagnose Darmkrebs, 2017 Nierentransplantation – ihr Gatte Erwin Bach hat ihr eine seiner Nieren gespendet. Tina Turner schrieb darüber in ihrer Autobiografie «My Love Story». Doch auch diese ist nur ein weiteres Zeugnis vom unbändigen Kampf um das eigene Leben.

Und wie ist das nun mit der legendären Löwenmähne? Alles fake, wie Tina Turner freimütig einräumt: «Ich trage Perücke, und zwar immer», sagte sie der ‹Zeit›. «Ich ziehe Perücken an wie andere Menschen ihre Kleider.»