Tödlicher Schuss auf dem Set
Welche Verantwortung trägt Schauspieler und Produzent Alec Baldwin?

Alec Baldwin ist Anti-Waffen-Aktivist. Nach seinem tödlichen Schuss auf die Kamerafrau Halyna Hutchins fliegt ihm sein Aktivismus nun um die Ohren. Das lenkt jedoch nur von seinen wahren Versäumnissen ab.

Daniel Fuchs
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Hat er etwas falsch gemacht? Alec Baldwin, 63, Schauspieler und Produzent.

Hat er etwas falsch gemacht? Alec Baldwin, 63, Schauspieler und Produzent.

Bild: Mark Sagliocco / Getty Images

Ein tragischer Unfall wird einem 13-Jährigen im US-Bundesstaat Kansas im 19. Jahrhundert zum Verhängnis. Weil er versehentlich einen Farmer erschossen hat, soll er an den Galgen. Zwei Jahrhunderte später wird die Geschichte des Jungen verfilmt, der bei seinem Grossvater Unterschlupf sucht. Dieser wird gespielt vom 63-jährigen Alec Baldwin. Während des Drehs auf einer Filmranch in New Mexico erschiesst Baldwin versehentlich die Kamerafrau Halyna Hutchins und verletzt den Regisseur Joel Souza.

Die Ermittlungen dauern an. Nach wie vor unklar ist, welche Umstände letztlich zum wohl unbeabsichtigten Tod der 42-Jährigen führten. Diese hinterlässt einen 9-jährigen Sohn und ihren Mann.

Der geschockte und untröstliche Alec Baldwin, ein erklärter Waffengegner und Politaktivist, soll auf dem Set zusammengebrochen sein. In der Öffentlichkeit erklärte er, wie leid es ihm tue und dass er voll und ganz bei den Ermittlungen kooperiere.

Ausgerechnet Waffengegner Baldwin

In den sozialen Medien fliegt dem US-Schauspieler nun so manches um die Ohren. Ausgerechnet dem Waffenlobby-Gegner, Linksaktivisten und Trump-Parodisten ist das passiert.

Beispiel gefällig? Alec Baldwin imitiert Donald Trump.

Quelle: Saturday Night Live

Bei Trump-Gegnern machte sich Baldwin unsterblich mit seinen preisgekrönten Parodien über den Ex-Präsidenten in der Abendshow Saturday Night Live, unter Trump-Fans machte er sich natürlich verhasst.

Genüsslich weisen Kritiker auf frühere Äusserungen von Baldwin hin, etwa als er 2017 einen Tweet absetzte mit einem Video eines Afroamerikaners, der von einem weissen Polizisten erschossen wurde. Baldwin wunderte sich darüber, «wie es sich anfühlen muss, jemanden versehentlich zu erschiessen». Oder auf Baldwins sarkastische Kommentare über den Jagdunfall von Ex-Vizepräsident Dick Cheney, der 2006 versehentlich einen anderen Jäger anschoss.

Zudem wird Baldwins Charakter in Frage gestellt, dessen Eskapaden in der Vergangenheit für Schlagzeilen sorgten. Dazu gehören sowohl Ausraster in aller Öffentlichkeit als auch ein Rosenkrieg mit seiner Ex-Frau, Schauspielerin Kim Basinger.

Das Opfer: Halyna Hutchins in Action.

Das Opfer: Halyna Hutchins in Action.

Bild: Adam Egypt Mortimer / AP

Medial indes wird Alec Baldwin, Liebling der politischen Linken, als Unschuldslamm portiert, der nicht gewusst haben konnte, dass die Waffe scharf war, die ihm mit den Worten «cold gun» ausgehändigt wurde, was so viel bedeutet wie «nicht geladen». Im Fokus der Ermittlungen stehen die Waffenmeisterin Hannah Gutierrez-Reed und der Regieassistent Dave Halls. Reed war für die Präparation der Waffen zuständig, Halls übergab Baldwin den Colt, indem laut den neuesten Ermittlungen eben doch scharfe Munition steckte.

Die Verantwortung des Produzenten

In den Hintergrund gerät indes die Doppelrolle, die Baldwin beim Film «Rust» hat. Er steht nicht nur als Schauspieler vor der Kamera, sondern als Produzent dahinter. «Rust» ist «sein» Film, letztlich ist er verantwortlich für das Projekt. Wir fragen nach bei einem Schweizer Produzenten. Wie weit reicht die Verantwortung des Produzenten?

Roland Stebler ist Geschäftsführer der Produktionsfirma C-Films. Zu deren Portfolio gehören mit der Krimiserie «Wilder» und mehreren «Tatort»-Filmen Produktionen, in denen nicht nur mit Waffen hantiert, sondern auch geschossen wird. Stebler sieht drei mögliche Konstellationen, bei denen Baldwin als Produzent zumindest eine Mitverantwortung trägt.

«Das wäre der Fall, wenn sich zeigen würde, dass Teams unterbesetzt gewesen sind, unterqualifizierte Leute angestellt wurden oder Ruhezeiten nicht eingehalten worden sind.»

Zudem würde ein Fehler seitens des Produzenten liegen, wenn dieser auf Missstände nicht oder falsch reagiert hätte.

Bei «Rust» gibt es immerhin Hinweise darauf, dass am Set der Wurm drin lag. So gab es Ärger über den weiten Anfahrtsweg zur Filmranch und die langen Arbeitstage. Gedreht werden sollte in nur gerade 21 Tagen. Teile des Teams gingen sogar in Streik und wurden kurzerhand durch nicht gewerkschaftlich organisierte Mitarbeitende ersetzt. Bei der mit 24 Jahren relativ unerfahrenen Waffenmeisterin Reed stellt sich zudem die Frage, war sie nach einem erst einzigen Film, bei dem sie die Verantwortung trug für die Waffensicherheit am Set, die geeignete Person für einen Western wie «Rust», in dem Waffen naturgemäss eine wichtige Rolle spielen?

Das Budget von «Rust» beträgt um die 7 Millionen Dollar, «extrem wenig für einen Western und einen Hollywoodfilm», wie der Schweizer Filmproduzent Stebler sagt, der bei seinen Filmen freilich mit deutlich tieferen Budgets auskommen muss.

Wenn Alec Baldwin seine Arbeit als Produzent gemacht hat, dann ist er aus dem Schneider. Seine Anwälte und Freunde können nur dann auf die Waffenmeisterin und den Regieassistenten zeigen, die es verbockt haben.

Offene Fragen beim Schutzdispositiv

Und doch bleibt noch etwas an Baldwin hängen, hat er direkt auf die Kamerafrau gezielt. Laut Produzent Stebler wäre ein solcher Vorgang bei einem seriösen Sicherheitsdispositiv nicht möglich. «Eine echte Waffe darf auch im Fall, da sie angeblich ungeladen ist niemals ohne spezielle Schutzvorkehrungen auf Personen oder Kameras gerichtet werden», sagt er.

Ort des Dramas: Die Bonanza Creek Ranch in Santa Fe, New Mexico. Hier kam es zum tödlichen Schuss auf Kamerafrau Halyna Hutchins.

Ort des Dramas: Die Bonanza Creek Ranch in Santa Fe, New Mexico. Hier kam es zum tödlichen Schuss auf Kamerafrau Halyna Hutchins.

Bild: Jae C. Hong / AP

Und Steblers Beispiel von einem Filmdreh aus der Schweiz zeigt exemplarisch, wie dumm etwas laufen muss, damit es zu einem GAU wie bei «Rust» kommen kann. Die Schilderungen stammen vom Dreh einer «Tatort»-Szene vor drei Wochen. «Für die Szene brauchten wir einen Revolver, dessen Trommel geladen war. Ein Protagonist sollte einem anderen zeigen, dass die Trommel noch geladen war. Dafür setzten wir scheinbar echte Munition ein.» «Echte Munition» kommt also vor auf Filmsets, auch in der Schweiz. Dies, wenn die Kugeln aussehen sollen wie echte Kugeln.

Das «Tatort»-Dispositiv sah doppelte Sicherheit vor: «Der Waffenmeister manipulierte sowohl die Waffe als auch die Patronen. Bei der Pistole baute er den Zündstift aus, die Kugeln veränderte er so, dass sie gar nicht zündbar waren.» Sprich: Die Waffe hätte den Zündvorgang ohnehin unschädlich gemachter Kugeln gar nicht erst auslösen können.

Stebler nennt das Einmaleins der Sicherheit mit Schusswaffen auf dem Set:

«Mit dem Einhalten dieser wichtigen Grundregel, niemals gleichzeitig echte, mechanisch schussbereite Waffen und echte Munition auf dem Filmset zu haben, kann man tödliche Schussabgaben mit echter Munition so gut wie ausschliessen.»

Auf dem Set von Alec Baldwin dagegen lief mutmasslich zu vieles schief. Welche Verantwortung der Produzent selbst übernehmen muss, werden die Ermittlungen zeigen. Den Stoff über den 13-jährigen Jungen, der versehentlich einen Farmer erschoss, wird es indes so schnell nicht auf der Leinwand geben. Der Dreh zu «Rust» wurde eingestellt.

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