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Interview

Pop- und Rock-Pionier Toni Vescoli: «Wir waren gar keine Hippies, wir haben viel zu viel gearbeitet»

Im Juli wird der Schweizer Pop- und Rock-Pionier Toni Vescoli 77 Jahre alt. Seine Leidenschaft für die Musik ist ungebrochen. Eben ist ein neues Album mit 15 neuen Songs erschienen. Der Mundartrocker spricht im Interview über selbst angebautes Gras, Nervosität vor Konzerten und warum er den Song «Scho rot» 30 Jahre nicht mehr gespielt hat.
Stefan Künzli
«Wir waren keine Hippies, wir haben viel zu viel gearbeitet» – Toni Vescoli. (Bild: René Ruis/Keystone (Küsnacht, 17. Mai 2017))

«Wir waren keine Hippies, wir haben viel zu viel gearbeitet» – Toni Vescoli. (Bild: René Ruis/Keystone (Küsnacht, 17. Mai 2017))

Sänger und Musiker Toni Vescoli ist unermüdlich. Ob mit den Sauterelles, solo, als Duo oder mit Band: Er ist immer noch gefragt, spielt, singt, komponiert, textet, schreibt und malt. Seit elf Jahren wohnt er mit seiner Frau Ruthli in Wald im Zürcher Oberland. Zur Veröffentlichung seines neuen Albums «Gääle Mond» empfängt er mit einem breiten Lachen in seinem grosszügigen Musik- und Probelokal. Es ist ein kleines Museum, vollgepackt mit Erinnerungen und Gitarren. Hier hat er auch 8 seiner 15 neuen Songs ganz allein eingespielt.

«Die neue Alte sind chuum meh z’halte» singen Sie in Ihrem neuen Song «Top-Fit». Sie selbst sind bald 77 Jahre alt und sehen topfit aus. Was ist Ihr Geheimnis?

Toni Vescoli: (lacht) Also wenn ich am Morgen aufstehe, schmerzt mich mein Rücken schon. Aber doch, ich kann nicht klagen und bin dankbar, dass es mir so gut geht. Ich habe offenbar gute Gene geerbt. Mein Vater hat noch mit 83 Schnee geschaufelt.

Welche Rolle spielt Ihre Frau Ruthli?

Ich hatte nie Beziehungsstress, das zermürbt nur. Ja, wir haben es wirklich gut zusammen, und beide sind gesund.

«Fit trotz Shit», wie Sie im Lied singen. Der Rock-’n’-Roll-Lifestyle scheint also doch nicht so ungesund zu sein.

Ich habe nie exzessiv gelebt. Nun gut, eine Zeit lang rauchte ich Gras, das ich hinter meinem Haus angepflanzt hatte. Aber nur zum Einschlafen nach den Konzerten. Am anderen Tag war ich jeweils so müde und hässig, dass ich damit aufgehört habe. Ich bin ja sowieso Nichtraucher.

Treiben Sie Sport?

Nein, die Musik genügt. Sie hält mich jung. Die Koordination von Körper mit Rhythmus, Text lernen, das ist das beste Training fürs Hirn. Dazu mache ich ja alles selber: Ich bin mein eigener Produzent, Manager, Booker und Grafiker. Das hält mich auch geistig flexibel. Das ist mein Lebensinhalt, meine Leidenschaft, meine Freude.

Dann muss ich nicht fragen, ob Sie ans Aufhören denken ...

Nein, ich mache es einfach. Inzwischen habe ich zu Zwei-Jahres-Plänen gewechselt. Und wenn Probleme auftauchen, würde ich einfach reduzieren.

Sind Sie vor den Konzerten noch nervös?

Ja, es ist schrecklich. Und wenn es in der Nähe keine Toilette hat, werde ich noch nervöser. Dazu muss ich jetzt noch neue Texte lernen. Die Angst vor Aussetzern und Blockaden hatte ich immer. Es ist keine Frage des Alters. Immerhin bin ich stolz darauf, dass ich keinen Teleprompter oder andere Texthilfen brauche.

Sie werden immer wieder in Verbindung mit der 68er-Revolte gebracht. Was ist für Sie davon geblieben?

Das Beste von 68 ist meine Tochter. (lacht) Sie wurde im «Summer of Love», also 1967, gezeugt und ist 68 geboren. Sie war ein richtiges Hippie-Kind. Wir haben an der ersten Vollversammlung in Zürich gespielt, und ich war oft im Bunker. Also dort, wo 1970 in Zürich das erste autonome Jugendzentrum eröffnet wurde. In meiner ID hatte ich sogar einen Stempel der «Autonomen Republik Bunker», und ich ärgerte mich, als der Bunker bald wieder geschlossen wurde. Aber wir hatten keine Zeit, uns politisch zu engagieren. Wir waren ja immer unterwegs.

Aber Sie sind schon ein politischer Mensch? Rund die Hälfte Ihrer neuen Songs ist politischer oder gesellschaftspolitischer Art.

Ja, ich informiere mich täglich über das Weltgeschehen, und meine Texte waren immer stark gesellschaftspolitisch gefärbt. Eigenartig ist nur, dass mich viele wegen dem Erfolg von Liedern wie «Scho rot» nicht mehr ernst nahmen. Obwohl das Lied eine tragische Geschichte erzählt, fanden die Leute es lustig. Deshalb hab ich den Song 30 Jahre lang nicht mehr gespielt.

Udo Lindenberg sagte in einem Interview, dass er immer noch an die Hippie-Ideale von «Love and Peace» glaube. Wie ist es bei Ihnen?

Ich sagte immer: Hippie sein ist schön, wenn man in den Tag hineinleben kann und niemandem zur Last fällt. Das konnten aber nur jene, die daheim einen Vater mit Kohle hatten. Wenn es auf Kosten anderer geht, ist das nicht so toll. Insofern waren wir gar keine Hippies. Wir haben viel zu viel gearbeitet. Ich bin weder Hippie, noch 68er... und schon gar kein Alt-Hippie.

Vor 50 Jahren fand das Festival in Woodstock statt. Jetzt wird es zum Jubiläum wiederbelebt. Was halten Sie davon?

Darin sehe ich in erster Linie eine kommerzielle Ausschlachtung eines damals grossen Ereignisses. Zudem wird Woodstock auf eine Weise idealisiert, wie es nie war. Wenn jemand noch mal an dieser Zeit schnuppern will, dann akzeptiere ich das. Aber ich möchte das definitiv nicht. Massenveranstaltungen waren mir schon immer ein Graus.

Wir werden immer älter. Es gibt immer mehr Senioren­listen und Seniorenparteien. Wie stehen Sie dazu?

Es hat doch eher zu viele Grauhaarige in der Politik. Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass es den Alten in der Schweiz gut geht. Sie provozieren sogar einen gewissen Sozialneid, weil sie sich so vieles leisten können.

Dann werden wir Sie nie auf einer Seniorenliste einer Partei finden?

Oh nein. Das ist nichts für mich. Ich kann meine Meinung mit Liedern ausdrücken. Das reicht mir. Schon bei den Sauterelles habe ich Texte für Umweltschutz geschrieben und schon 1971 in meinem englischen Solo-Album Littering angeprangert.

Wurden Sie von den Grünen schon mal angefragt?

Ja, aber ich habe abgesagt. Meine Seele ist zwar grün, aber die Grünen sind mir manchmal zu militant. Ich trenne den Abfall, esse wenig Fleisch und achte auf die Tierhaltung, dafür fliege ich immer wieder nach Teneriffa, wo wir unsere Wohnung haben und ein kleines Stück heile Welt. Sowieso bin ich kein Vereinstyp, ich bin ein einsamer Wolf. Ruthli und ich sind im Baumkreiszeichen der Ulme geboren. Ulmen stehen allein auf der Wiese. Wir genügen uns selber. Schon zu Zeiten der Sauterelles wollte ich immer ein Einzelzimmer.

Was sagen Sie zum Schweizer Mundartnachwuchs?

Ich kann mich nicht mit allem anfreunden. Vieles empfinde ich als sehr bieder und brav.

Ein wiederkehrendes Thema in Ihren Liedern ist der Tod. Wie würden Sie sterben wollen?

Schnell und schmerzlos. Als Udo Jürgens starb, dachte ich: Wow, was für ein Abgang. Er trat auf dem Höhepunkt seines Erfolges von der Bühne des Lebens ab. Besser geht es nicht. Ich selber möchte niemandem zur Last fallen. Also bitte nicht auf der Bühne sterben. Diesen Stress möchte ich dem Publikum nicht antun. Stirbt jemand, dann ist das für das nahe Umfeld tragisch. Für den Sterbenden ist der Tod in meinem Verständnis eine Befreiung und Erlösung.

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