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Top-Geige mit Fingerabdrücken: Festival Strings erhalten weitere Stradivari

Die Festival Strings Lucerne erhalten leihweise eine weitere Violine des berühmtesten Geigenbauers. Mit dem ehemaligen Instrument ihres Mitbegründers und Weltklassegeigers Wolfgang Schneiderhan geht das Ensemble einmal mehr zurück zu den Wurzeln.
Urs Mattenberger
Konzertmeister Daniel Dodds spielt die «Sellière»-Stradivari. (Bild pd)

Konzertmeister Daniel Dodds spielt die «Sellière»-Stradivari. (Bild pd)

Instrumente des italienischen Geigenbauers Stradivari sind das Mass aller Dinge, wenn es um Streichinstrumente geht. Den Mythos, den sie umgibt, halten in der Zentralschweiz zwei Ensembles lebendig. Das Stradivari-Quartett spielt auf seinen Festivals vier Instrumente aus der Sammlung der in Gersau beheimateten Stiftung Habisreutinger. Die Festival Strings Lucerne führen die von ihrem Mitbegründer Rudolf Baumgartner begründete Stradivari-Tradition bis heute weiter. Konzertmeister Daniel Dodds spielt die Stradivari, die Baumgartner einst selbst gespielt hat. Zudem stellte Baumgartner den Strings zwei weitere Instrumente aus dem Cremoneser Umfeld Stradivaris – eine Amati- und eine Guarneri-Geige - zur Verfügung.

Luzerner Stiftung als Käuferin

Wie die Festival Strings heute bekannt gaben, wird dieser historische Grundstock um ein weiteres Stradivari-Instrument, die «Sellière», gewichtig erweitert. Denn bei der «Sellière» handelt es sich gleich doppelt um ein Ausnahmeinstrument. Der renommierte Zürcher Geigenbauer Johannes G. Leuthold hat das Instrument nach modernsten wissenschaftlichen Methoden untersucht und attestiert ihm einen aussergewöhnlich guten Zustand. Vor allem aber handelt es sich um das Instrument, das der bedeutende Geiger Wolfgang Schneiderhan jahrzehntelang gespielt hat. Und es war Schneiderhan, der mit seinen Auftritten und den Meisterkursen am Lucerne Festival die Gründung der Festival Strings Lucerne und ihren internationalen Ruf massgeblich prägte.

Damit gehen die Festival Strings mit diesem Instrument einen weiteren Schritt zurück zu ihren Wurzeln. Der bisher gewichtigste war, dass das Ensemble seit ein paar Jahren wieder ohne Dirigent unter Konzertmeister Daniel Dodds auftritt – genau so, wie es unter Schneiderhan und in der Blütezeit unter Baumgartner der Fall war. Dass die Strings seither wieder an den exzellenten Ruf der Gründerjahre anknüpfen konnten, bestätigt jetzt auch der Stradivari-Coup. Denn millionenschwere Instrumente verschwinden auch mal als Geldanlage in Tresors, wie es selbst bei der «Sellière» die letzten Jahrzehnte der Fall war. Dass sie auf Konzertbühnen öffentlich zugänglich gemacht werden, ist keine Selbstverständlichkeit und meist Stiftungen oder Mäzenen zu verdanken.

Leistet ihrer Herkunftsgenossin im Orchester künftig Gesellschaft: Die zusätzliche Stradivari-Violine der Festival Strings Luzern. (Bild: David Kunz/Keystone-SDA)

Leistet ihrer Herkunftsgenossin im Orchester künftig Gesellschaft: Die zusätzliche Stradivari-Violine der Festival Strings Luzern. (Bild: David Kunz/Keystone-SDA)

Auf den Spuren des Wiener Klangs

So brauchte es verschiedene Voraussetzungen, damit die «Sellière» nach ihrem Gang durch die Jahrhunderte in Luzern zum Einsatz kommt. Da waren zunächst die Nachkommen des Wiener Textilfabrikanten und Kunstmäzens Theodor Hämmerle, zu dessen Sammlung das Instrument seit mehr als 100 Jahren gehörte. Sie wollten das besondere Instrument nicht einfach dem Meistbietenden überlassen, sondern mit dessen Verkauf etwas Besonderes bewirken. Die Festival Strings mit ihrem Bezug zu Schneiderhan und ihrer internationalen Reputation boten sich dafür ideal an. Die Mittel dafür steuerte drittens die 2013 von der Tochter einer Schweizer Industriellenfamilie gegründete Luzerner Stiftung Monika Widmer bei: Sie unterstützt Projekte im kulturellen und sozialen Bereich und möchte mit dem Kauf und der Leihgabe des Instruments «die lokale, nationale und internationale Strahlkraft der Festival Strings Lucerne» weiter stärken. Die Festival Strings sind stolz auf ihren spezifischen, von den historischen Instrumenten mitgeprägten Klang. Wie bedeutend ist dafür der aktuelle Stradivari-Zuwachs?

«Gute Instrumente sind ein wichtiger Faktor für den Klang eines Ensembles», freut sich Strings-Direktor Hans-Christoph Mauruschat über die Leihgabe: «Ein prominentes Beispiel dafür sind die Wiener Philharmoniker, die durch die Kooperation mit einer Bank immer wieder Wunschinstrumente zur Verfügung gestellt bekommen. Das trägt mit bei zum berühmten Wiener Klang, der im Vergleich zum dunkleren Klang deutscher Orchester etwas heller ist.» Ebenso wichtig ist aber die Spielweise, für die sich die Strings auf die Wiener Schneiderhan-Tradition berufen: «Weil es sich um die von Schneiderhan gespielte Geige handelt, hat dieses Instrument deshalb einen enormen Stellenwert für uns. Weil es in einem Safe eingelagert war, übernehmen wir es quasi mit den Fingerabdrücken von Schneiderhan.»

Reverenz an Schneiderhan

Dieser Tradition tragen auch die beiden Konzerte in Wien und Luzern Rechnung, in denen Daniel Dodds die «Sellière» erstmals öffentlich spielen wird. Solistisch zu hören ist die neue Stradivari in Mozarts Sinfonia Concertante KV 364, mit der Schneiderhan 1942 als Solist bei den Wiener Philharmonikern debütierte. Zudem erklingt erstmals eine Streichorchesterfassung des Streichsextetts aus Richard Strauss’ Oper Capriccio, das Schneiderhan 1942 auf Wunsch des Komponisten in Wien uraufgeführt hatte.

Konzert: «Vienna meets Lucerne»: Donnerstag, 7. März, 19.30, Konzertsaal, KKL. VV: Tel. 041 226 77 77.

Vom spanischen Hof nach Luzern

Die «Sellière» ist eines der rund 600 Instrumente, die von Antonio Stradivari erhalten geblieben sind. Musiker und Experten schwärmen von der Aura ihres je nach Instrument individuellen Klangs, obwohl Blindtest gezeigt haben, dass Stradivaris nicht immer von anderen Instrumenten unterschieden werden können. Auf dem Markt sind Stradivaris bis zu mehreren Millionen Franken wert.

Die «Sellière» stammt aus Stradivaris frühen Schaffensperiode (vor 1680), gehörte im 18. Jahrhundert zur Sammlung des spanischen Königshauses und wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts von der italienischen Geigerin Carolina Ferni (1839–1926) gespielt. Carolina Ferni gehörte zusammen mit ihrer Schwester Virginia zu den ersten international bekannten Geigensolistinnen überhaupt.

1912 wurde das Instrument vom Wiener Industriellen und Kunstmäzen Theodor Hämmerle in seine rund 50 Instrumente umfassende Sammlung aufgenommen. Wolfgang Schneiderhan konnte das Instrument mutmasslich bereits nutzen, als er 1938 Konzertmeister der Wiener Philharmoniker wurde. 1979 gab Wolfgang Schneiderhan das Instrument an die Nachfahren Hämmerles zurück. Seit 1986 lag es in einem Banksafe und wurde nicht mehr gespielt. (mat)

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