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Die ewige Suche des Touristen nach dem Paradies

Warum sind gefährdete Orte ein so attraktives Touristenziel? Warum hört der Tourist nie damit auf, das Paradies zu suchen? Der Historiker Valentin Groebner hat in einem Essayband nach Antworten gesucht.
Julia Stephan
Hotspots wie der Trevi-Brunnen halten gute Geschichten parat, an die der Tourist des 21. Jahrhunderts mit seiner Biografie gut anknüpfen kann. (Bild: Stefano Montesi /Getty)

Hotspots wie der Trevi-Brunnen halten gute Geschichten parat, an die der Tourist des 21. Jahrhunderts mit seiner Biografie gut anknüpfen kann. (Bild: Stefano Montesi /Getty)

«How long is now?» Das berühmte Wandbild am alternativen Kulturhaus Tacheles hat einer ganzen Generation junger Berlin-Touristen aus dem Herzen gesprochen. Bis zu seiner Schliessung 2012 stand das Haus mit den Einschusslöchern aus dem Zweiten Weltkrieg und seiner wechselvollen Geschichte als Sitz mehrerer NSDAP-Dienststellen für das Berliner Nostalgiegefühl schlechthin. Irgendwann würde die Abrissbirne kommen, kein Zweifel. Aber bis dahin konnte man feiern. Und nebenbei noch etwas Geschichte schnuppern.

Je vergänglicher, desto attraktiver

In der Formel «How long is now?» steckt die Quintessenz dessen, was Touristen-Hotspots zu allen Zeiten attraktiv gemacht hat: Je vergänglicher sie scheinen, desto attraktiver werden sie. Anders ist der Hype um die seit gefühlten 150 Jahren vor Meeresfluten bedrohten Stadt Venedig nicht zu erklären. Deshalb gibt es Reiseführer wie «1000 places to see before you die», die mit dem Wörtchen «noch» den Reiselustigen dazu antreiben, sich schleunigst in Bewegung zu setzen und all die bedrohten Paradiese dieser Welt zu entdecken – die Melancholie im Reisegepäck.

Davon ist Historiker Valentin Groebner überzeugt. Als Tourist hat er in seinem Essayband «Retroland. Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen» Reisemotive ergründet. Und die müssen stark sein: 1,322 Milliarden Touristen gab es laut World Tourism Organisation (UNTWO) im Jahr 2017. Der Tourismus ist die drittgrösste Dienstleistungsbranche der Welt.

«Postproduktion von Geschichte»

Für diesen Hunger nach Authentizität und Ursprünglichkeit beim Aufsuchen historischer Sehenswürdigkeiten hat der Historiker eine verblüffend einfache Erklärung gefunden: Es gehe nicht um die an sich unmögliche Versuchsanordnung, in die Vergangenheit zurückzukehren. Wie denn auch? Die ist auf immer passé. Es gehe um Zeitgewinn. «Wir wollen die begrenzte Lebenszeit, die wir haben in den Ferien gerne nach rückwärts verlängern», so Groebner. In letzter Konsequenz bedeutet das: Wir suchen uns selbst: den einst jugendlichen Körper in den Wellnessferien, die verlorenen Teenagerjahre in der Oldie-Disco des Hotels und unsere Lebensgeschichte in den Biografien historischer Figuren.

Damit Letzteres gelingt, müssen einem die an den Tourismusorten vermittelten Informationen vertraut erscheinen. «Postproduktion von Geschichte», nennt Groebner dieses Anpassen des Narrativs einer Sehenswürdigkeit an die Bedürfnisse der jeweiligen Epoche.

Warum die Kopie das bessere Original ist

Mit Authenzitität im strengen Wortsinn hat diese Präsentationsform nichts zu tun. Stören tut das aber niemanden. Groebner, Experte fürs Mittelalter und die Renaissance, belegt anhand von Beispielen, dass diese Methode gut erprobt ist: Dass Reliquien erst weit nach den Lebensdaten der Heiligen entstanden sind, war unseren klugen Vorfahren auch schon klar. Dass viele Gründungsmythen von Nationen aus dem Reich der Fantasie stammen, tut ihrer Wirkung keinen Abbruch. Während Pilger früher exakte Kopien bekannter Pilgerorte aufsuchten, scheinen Chinesen heute vor den Nachbauten europäischer Städte in ihrer Heimat genauso auf ihre Kosten zu kommen wie einst die Pilger vor der Kopie. Und dass unsere vorgeblich mittelalterlichen Altstädte Produkte des 19. Jahrhunderts sind, darüber sehen wir grosszügig hinweg.

Chinesische Paare posieren vor der Kulisse einer nachgebauten britischen Stadt. (Bild: Daniel Berehulak/Getty)

Chinesische Paare posieren vor der Kulisse einer nachgebauten britischen Stadt. (Bild: Daniel Berehulak/Getty)

Authentizität bedeutet im Tourismus also vor allem eines: gesteigerte Intensität. Doch welche Vermittlung spricht den Touristen des 21. Jahrhundert besonders an? Für Groebner sind es die Infantilisierung – Walt Disney lässt grüssen – und die «Aufladung mit starken Gefühlen», die man aus Romanen und Filmen kennt. Diese «fertigen Scripts» würden dem Zeitdruck heutiger Touristen gerecht. Deshalb funktioniert der Trevi-Brunnen so gut. Jeder will mal Anita Ekberg aus Fellinis «La Dolce Vita» sein. Die historischen Eckdaten geraten da gerne mal zur Nebensache.

Valentin Groebner: Retroland. Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen. S. Fischer, 224 S., Fr. 31.90

Morgarten – Ein «schweizerisches Heiligthum»

(R.A.) Wir sind Touristen – auch dann, wenn wir historische Orte besuchen. Doch was suchen wir auf unseren Reisen in die Vergangenheit? Was Valentin Groebner (siehe oben) im Allgemeinen untersucht, das erforscht die Historikerin Silvia Hess an einem Beispiel – der Schlacht von Morgarten. Man weiss kaum etwas über das Zusammentreffen von Habsburgern und Schwyzern im Jahr 1315, nicht einmal der genaue Ort der Schlacht ist verbürgt. Trotzdem wird Morgarten seit etwa 1800 von Reisenden gesucht, beschrieben und gedeutet. Als den heldenhaften Sieg von David gegen Goliath etwa oder als Kampf für die Freiheit. 1815 feiert man drei Tage lang das 500-Jahre-Jubiläum, 1908 wird das Morgartendenkmal eingeweiht. Ein Bericht im Fremdenblatt erklärt die Gegend zum «Schweizerischen Heiligthum»: Das Rütli sei die Wiege der «Schweizer Freiheit», der Bundesbrief ihr «Geburtsschein», Morgarten ihr «Taufstein».

Silvia Hess: Morgarten. Die Inszenierung eines Ortes, Hier und Jetzt, 283 S., Fr. 55.90

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