TOURNEEN: Grosses Schaulaufen der Orchester

Luzerner Orchester unternehmen immer häufiger Auslandtourneen. Diese bringen nicht nur Prestige wie das aktuelle Gastspiel der Festival Strings in Hamburg. Die Ausstrahlung nach aussen wirkt positiv auf Luzern zurück, wenn man auch mal Nein sagen kann.

Urs Mattenberger
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Die Festival Strings Lucerne haben sich am Donnerstag bravourös in der Hamburger Elbphilharmonie behauptet. (Bild: PD/Mario Dirks)

Die Festival Strings Lucerne haben sich am Donnerstag bravourös in der Hamburger Elbphilharmonie behauptet. (Bild: PD/Mario Dirks)

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Das kann kein Zufall sein. Die Ehre, als erste Schweizer Formation in der Elbphilharmonie Hamburg aufzutreten, gehörte am vergangenen Donnerstag einem Orchester aus Luzern: Die Festival Strings Lucerne spielten im Wunderbau der Schweizer Architekten Herzog & De Meuron dasselbe Programm, mit dem sie am Freitag im KKL Luzern auftraten (vgl. Kasten).

Zwar sind die Festival Strings als Tourneeorchester – mit 25 bis 35 Konzerten pro Saison – für solche Gastspiele prädestiniert. Aber Symbolkraft hat dieser Auftritt, weil auch andere Orchester aus Luzern in diesen Wochen auf prestigeträchtige Auslandtourneen gingen oder noch gehen.

Von Hamburg über Dubai und Chicago bis China

So spielte das 21st Century Symphony Orchestra im April in der neuen Oper von Dubai die Filmmusik zu den Filmen «Indiana ­Jones» und «Jurassic Park». Das Luzerner Sinfonieorchester trat mit russischen Programmen in Bogotá auf und reist im August erstmals in die USA: Die Auftritte in Chicago sind der Auftakt zu neun Auslandgastspielen – ein Spitzenwert – in der kommenden Saison. Luzern im Namen führen auch das Orchester der Lucerne Festival Academy und das Lucerne Festival Orchestra, die nach ihren Luzerner Auftritten im Sommer auf Tournee bis nach China gehen.

Das ist in dieser Dichte bemerkenswert für eine Kleinstadt wie Luzern. Durch welche Voraussetzungen wird das begünstigt? Rechnen sich solche Tourneen auch finanziell? Und bis zu welcher Grenze sind sie sinnvoll?

Trotz unterschiedlicher Orchesterprofile sind sich in einem Punkt alle einig: Eine Schlüsselrolle spielt das KKL. «Das KKL gibt den Orchestern vor Ort eine Plattform von enormer Strahlkraft und einen Wert mit auf den Weg», sagt Pirmin Zängerle, Geschäftsführer des 21st-Orchesters, das erst im Konzertsaal das Live-Film-Format realisieren konnte, das es heute nach London, Paris oder New York exportiert.

Tourneen sind attraktiv für Solisten und Dirigenten

Auf einen weiteren KKL-Effekt verweist Numa Bischof, Intendant des Luzerner Sinfonieorchesters: «In Luzern gastieren das ganze Jahr über erstklassige internationale Orchester, was vergleichbar mit Weltstädten wie London, Paris oder Berlin ist. Da kann ein Orchester vor Ort nur bestehen, wenn es sich an den selben Ansprüchen orientiert und diese einlösen kann.» Tourneen sind ein Teil und eine Anerkennung dieser internationalen Qualität, die nach Luzern zurückwirkt: Denn ein Orchester, «das nicht international präsent ist, wird auch nicht wahrgenommen», so Bischof, und ist damit für Solisten und Dirigenten weniger attraktiv. Nicht zufällig führt die nächste Tournee des Orchesters nach Chicago: «Unser Dirigent James Gaffigan, der als Gast die Big Five unter den amerikanischen Orchestern dirigiert, soll sich in seinem Land mit seinem Orchester vorstellen können.»

Aber Luzerns Ruf als Musikstadt ist dank dem Festival viel älter als das KKL. Für Michael Haefliger, Intendant von Lucerne Festival, sind Tourneen wichtig, um diesen Ruf im Ausland, woher 15 Prozent der Festivalbesucher kommen, zu bekräftigen: «Das Lucerne Festival Orchestra spielt in der Topliga der weltbesten Orchester. Da gehört mit dazu, dass es mit diesen in bedeutenden Konzertsälen präsent ist.»

Es braucht private Sponsoren

Auch im Fall der Festival Strings Lucerne ist der mit der Festival-Tradition verbundene Ruf wichtig. «Für den Barock­geiger Enrico Onofri, mit dem wir mehrfach gespielt haben, ist eine Referenzaufnahme von Vivaldis Jahreszeiten jene der Strings mit Wolfgang Schneiderhan», freut sich Geschäftsführer Hans-Christoph Mauruschat.

Der Ruf, den man sich erarbeitet, eröffnet weitere Kon­takte. Die Einladung in die Elb­philharmonie etwa erhielten die Strings postwendend nach einem früheren Auftritt in Hamburg. Damit verändern sich auch die ­finanziellen Konditionen. Denn eines ist klar: An Tourneen verdient man in der Regel nichts, und nur durch private Sponsoren sind sie finanzierbar.

Von Bittstellern zu Nein-Sagern

Aber Bischof wie Zängerle, deren Orchester seit zehn Jahren immer intensiver auf Tournee gehen, bestätigen, wie sich mit dem Renommee die Bedingungen ändern. Für die ersten Tourneen waren beide auch mal als «Bittsteller» unterwegs. Für jene in Bogotá und Dubai, die auf Einladung zu Stande kamen, übernahmen hingegen die Veranstalter einen bedeutenden Anteil der Kosten.

Aber ab welcher Grenze beeinträchtigen Auslandtourneen die Aktivitäten in Luzern? Eine Grenze bildet die Belastung der Musiker, bei den Strings und beim 21st auch deshalb, weil deren Mitglieder hauptsächlich anderweitig als Musiker oder Musiklehrer tätig sind. Das Luzerner Sinfonieorchester führte Tourneen auch schon einmal ausserhalb der regulären Orchesterdienste durch.

So hört man hier wie dort von Musikern, dass Auslandreisen an die Substanz gehen können. Gut also, haben die Geschäftsführer gelernt, Nein zu sagen. Möglich und nötig macht das die mit den Tournee-Erfolgen steigende Anzahl von Angeboten, unter denen man auswählen kann. Pirmin Zängerle bringt es auf den Punkt: «Heute spielt das 21st Century Symphony Orchestra nicht mehr überall und zu jedem Preis.»