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TRAGIKOMISCH: Die Leiche muss schnell weg

Yasmina Reza seziert in ihrem glänzend konstruierten neuen Roman «Babylon» eine liebesbedürftige Generation. Tieftraurig, hochkomisch – mit rührender Empathie für einen Mörder im Affekt.
Hansruedi Kugler
Die französische Autorin Yasmina Reza. (Bild: Pascal Victor)

Die französische Autorin Yasmina Reza. (Bild: Pascal Victor)

Hansruedi Kugler

Nach diesem Buch möchte man allen sozial Ungeschickten, also eigentlich uns allen, zurufen: Geht an keine Party! Sonst bringt ihr nachher womöglich eure Partner um – als Rache für taktlos leichtfertige Demütigungen, für die Party-Lacher auf eure Kosten. Besonders gefährlich wird es bei Yasmina Reza jeweils, wenn zur Schau getragener Idealismus ins Spiel kommt. Wie in ihrem makaber-grotesken, aber äusserst vergnüglichen neuen Roman «Babylon» bei der penetranten Tierschützerin Lydie. Diese ist eingeschnappt und empört über die Ignoranz und Lieblosigkeit, wie ihr Gatte Jean-Lino sich an einer Party über ihr Bio-Hühnchen lustig gemacht hat; im Gegenzug wirft er ihr selbstgefälligen Moralismus vor.

Dass er Lydie an die Gurgel geht, als sie, die Tierschützerin, im Zorn seine Katze wegkickt, gehört zu den schwarzhumorigen Pointen dieses Buchs. Jean-Lino beichtet den Nachbarn noch in derselben Nacht die Tat. Aber statt sich um das womöglich noch lebende ­Opfer zu kümmern, wird Staub gesaugt, zusammen Co­gnac getrunken – groteske Ablenkungs- und Zwangshandlungen. Schliesslich hilft die Nachbarin in film­reifen Slapstickszenen mit, die Leiche wegzuschaffen – ein grossartiger, makabrer Lesespass. Wie immer bei Yasmina Reza psychologisch ganz nah am Wahrscheinlichen. Wenn dann die Polizei eine fotografische Rekonstruktion des Tathergangs durchführt, kippt das Geschehen ins herrlich absurde Vergnügen.

Guter Riecher für akute, aktuelle Stimmungen

Diese ausgelassene Groteske kommt überraschend. Die französische Autorin gilt als Spezialistin gesellschaftsanalytischer, bitterer Komik. Sie hatte immer schon einen guten Riecher für ­aktuelle, ja akute gesellschaftliche Stimmungen. Und sie versteht es wie kaum jemand sonst, diese in funkelnde Szenen zu übersetzen: Mit einem überragendem Talent, scharfzüngige Dialoge in Gefühls- und Weltanschauungsschlachten eskalieren zu lassen. Die Rede­duelle, geprägt von spitzen Argumenten, Snobismus, Unbeholfenheit und heimlichen Attacken ­gehören auch in «Babylon» zum atemberaubenden Inventar. Solche Kammerspiele, in denen Reza unsere aufgeklärt-euro­päischen Verwirrungen in Fragen der Erziehung, Beziehung, Freundschaft seziert, eignen sich ideal für die Theaterbühne. Wer «Kunst», «Der Gott des Gemetzels» oder «Drei Mal Leben» mag, wird ihren neuen Roman lieben, ja verschlingen. Denn da ist alles drin, was ihre Stücke auszeichnet, und noch einiges mehr. Vor allem nutzt Reza die längere ­Romanform, um ihren Figuren durch Lebensgeschichten mehr Tiefe zu geben.

Lydie ist eigentlich nur eine Nebenfigur, aber eine mit Zündstoff. Die leidenschaftliche Amateur-Jazz-Sängerin, Späthippie und Esoterikerin ist in zweiter, später Ehe mit Jean-Lino ver­heiratet, dem liebesbedürftigen, sanften, ungeschickten Nachbarn der Erzählerin. Die heisst Elisabeth, ist 62 Jahre alt, Ingenieurin, und seit Ewigkeiten leidenschaftslos mit dem Mathematiker Pierre verheiratet. Ambivalent ist ihre Gefühlslage: Sie fühlt sich wohl und zugleich ausgemustert. Jean-Lino und Elisabeth begegnen sich im Treppenhaus, weil beide ungern Lift fahren – und entdecken dabei eine Seelenverwandtschaft, die Elisabeth später zur Mit­hilfe bei der letztlich erfolglosen Beseitigung der Leiche veranlasst.

«Das traurigste Buch der Welt»

Elisabeth, die im Grunde genauso einsam ist wie Jean-Lino, entschliesst sich in spontan aufkeimender Lebenslust, eine Frühlingsparty zu organisieren. Darin völlig ungeübt, hetzt sie nervös nach Gläsern, Stühlen, Einladungs­karten. Alles scheint gut zu laufen, Elisabeth schläft danach ­aufgedreht mit ihrem Mann – bis eben der Nachbar klingelt. «Babylon» hat in Virginia Woolfs «Mrs. Dalloway» einen litera­rischen Vorläufer. Yasmina Reza fügt diesem eine tragikomische Variante hinzu. Wie dort schauen wir Elisabeths Gedankensprüngen zu: von der lieblosen, vom prügelnden Vater beherrschten Kindheit zur Anti-Aging-Crème von Gwyneth Paltrow; von der ­jugendlich euphorischen Liebschaft mit einem früh am Alkoholismus verstorbenen Foto­grafen zum Ausflug mit dem ausnahmsweise lebhaften Jean-Lino ans Pferderennen; von der in Drogen verelendeten Jugendfreundin zum kürzlichen Tod der Mutter und dem Radiobericht über die «seelische Erschöpfung der Franzosen». Scheinbar zusammenhangslos serviert, fügen sich doch die Fragmente wundersam zum Lebensgefühl resignierter Zurückgezogenheit.

Die philosophische Tiefe verbindet sich mühelos mit der Party-Groteske und wird leitmotivisch betont, indem Elisabeth in ­Robert Franks Fotoband «The Americans» blättert. «Das traurigste Buch der Welt», sagt Elisabeth und erkennt darin sich selbst: «Noch eine kleine Runde werden sie drehen auf dem Weg zum Schrottplatz.» Dann denkt sie an die vertriebenen Juden im titelgebenden Babylon. Wunderbar an diesem Roman ist die einfühlsame, diskrete Freundschaft zwischen Elisabeth und Jean-­Lino. Und man denkt: Dem Leben kommt man literarisch nur mit der Groteske bei – lebenspraktisch, aber mit Freundschaft.

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