Vor 30 Jahren lernte der Rap Mundart: Die Erfolgsgeschichte eines Musikgenres

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Vor 30 Jahren lernte der Rap Mundart: Die Erfolgsgeschichte eines Musikgenres

Bild: Tim Lüdin

Vom amerikanischen Ghetto in die Schweizer Halbstädte. 1991 erschien zum ersten Mal ein Rapsong in Mundart. Was die Pioniere heute dazu sagen. Welche zehn Mundart-Rap-Platten Sie kennen sollten. Und wie sich der Hip-Hop in der Schweiz weiterentwickelt.

Michael Graber
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Schweizerdeutsch statt Englisch - die Rap-Revolution

«Y bin e Schprayer, und y schpray’ won y will/ Das isch e Basler Rap, drum loos’ zue und sig schtill.» So klingt der Urschrei des Schweizer Raps. Er stammt von Black Tiger und wurde 1991 auf CD gebrannt. «Murder by Dialect» heisst der Track, auf den sich die Schweizer Rapszene als Numero Uno einigen konnte.

P-27 feat Black Tiger – Murder By Dialect

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«Du findisch baseldütsche Rap nid guet/ Doch du muesch zuegäh, ych ha wenigschtens Muet/ Ych bi dr erschti Typ wo uff Baseldütsch rappt/ Das isch erschte Vrsuech drum isches noni perfäggt», rappt Black Tiger in beachtlichem Tempo weiter. Wie er den Kritikern gleich versucht, den Wind aus den Segeln zu nehmen, zeigt auch, mit welcher Unsicherheit er die Zeilen einrappt. Gerappt wurde in der Schweiz schon zuvor, einfach auf Englisch.

Heute, 30 Jahre später, befremdet es zuweilen, wenn ein Schweizer Rapper auf Englisch textet. «Es fühlte sich damals noch fremd an», sagt E.K.R. an einem heissen Tag in einem Café in Zürich. Thomas Bolliger, wie er bürgerlich heisst, ist ein doppelter Pionier. Als auch Ami-Rap hier noch unbekannt war, drehte er die Turntables und brachte den Hip-Hop ins Radio.

Singen sorgt immer noch für Naserümpfer

Als der Rap dann Mundart lernte, war E.K.R. ebenfalls einer der Ersten, die das junge Kind laufen lehrte. «Unglaublich geil» sei es gewesen, als er bei den Konzerten plötzlich merkte, dass die Leute seinen Text verstehen und genau so fühlen wie er. «Manchmal war das nur einer, aber es wurden immer mehr», so E.K.R., der mittlerweile die 50 erfolgreich passiert und ein paar graue Haare in seinem Bart hat.

E.K.R ist ein doppelter Rap-Pionier in der Schweiz. Und er rappt immer noch. Immer noch sehr gut.

E.K.R
ist ein doppelter Rap-Pionier in der Schweiz. Und er rappt immer noch. Immer noch sehr gut.

Bild: Susu Flash

Neben ihm sitzt Sterneis, einer der wichtigsten Produzenten im frühen Rap-Geschehen. «Mich hat damals Rap einfach umgehauen. Das war so direkt, wuchtig und ehrlich», sagt Michi Kalt. Vor seinen Antworten macht er kurze Pausen. Er ist ein sorgfältiger Berichterstatter. Wenn E.K.R. dem Schweizer Rap ein etwas ungestümer Bruder ist, dann ist Sterneis sein Götti. Ein Förderer und Beobachter, aber immer Mittäter. Er prägte zahlreiche Produktionen und hat ein Soloalbum veröffentlicht.

Zusammen erzählen sie Geschichten aus den Anfängen und was daraus wurde. Von Fahrten nach Biel, wo die ersten grösseren Rap-Partys der Schweiz gefeiert wurden. Und von gemeinsamen Produktionen. Soeben ist unter Beteiligung der beiden die 7. Platte vom Temple of Speed erschienen. Bei jeder Platte kommt ein neuer Rapper dazu. Dieses Mal mit Big Zis sogar endlich eine Rapperin. Frauen sind leider auch 30 Jahre nach der Entstehung des Mundartraps eher noch in der Unterzahl.

Big Zis  ist seit über 20 Jahren dabei. Frauen sind im Mundartrap immer noch in der Unterzahl.

Big Zis
ist seit über 20 Jahren dabei. Frauen sind im Mundartrap immer noch in der Unterzahl.

Bild: zvg

Geschrieben und aufgenommen wurde in wenigen Tagen. Das Resultat ist relativ roher und maximal lustvoller Rap. Drunter stampfen die Sample-verliebten Beats von Sterneis, die voller Zitate sind und dezente Hinweise auf den Musiknerd geben, der dahintersteckt. Sie klingen angenehm zeitlos, vielleicht etwas stehen geblieben. Während der Mundartpop seit Jahren in der Aare­schlau­fe festhängt und der Mundartrock von Gölä unterwandert wurde, ist Mundart-Rap immer noch am Mutieren. Die Delta-Variante hat er längst übersprungen. Die Revolution frisst ihre Kinder, die Evolution vergisst ihre zuweilen ein wenig. So sind E.K.R. und Sterneis immer noch aktiver Teil der Szene, die grossen Erfolge aber räumen andere ab.

Sie sagen das frei von jedem Neid, werten andere nicht ab und sparen mit Hate. Dabei kennen sie auch die Geschichten über gekaufte Erfolge. «Ich will machen, was ich will, will mich nicht verbiegen», sagt E.K.R. «Nur weil sich etwas besser verkauft, ändere ich sicher keine Beats», sekundiert Stern­eis. Während Erfolg im Pop einfach reproduzierbar ist, scheiterten zahlreiche Kopierversuche der grossen Labels. Als der Luzerner Mimiks mit seinem Album auf Platz 1 der Charts kletterte, versuchten die Plattenfirmen, auf den Zug mit jungen Rappern aufzuspringen. Konzerte von solchen Acts mussten gar aus «produktionstechnischen Gründen» abgesagt werden – das ist Branchendeutsch für: zu wenig verkaufte Tickets.

Auch Secondo-Schweizer rücken immer mehr ins Rap-Rampenlicht: Xen.

Auch Secondo-Schweizer rücken immer mehr ins Rap-Rampenlicht: Xen.

Bild: Dardan Demaj

Reich wird mit Mundart-Rap sowieso niemand – die Ausnahmen Bligg und Lo & Leduc bestätigen die Regel. Zu begrenzt ist der Markt. Und sogar in der kleinräumigen Schweiz gibt es Lokalpatriotismus. Die Luzerner hören Luzerner, die Basler Basler, die Zürcher Zürcher, nur die Berner und die Bündner gehen irgendwie überall. Und dann ist da noch die Sache mit dem P-Wort. Während viele alte Hasen Mühe mit Massentauglichkeit bekunden, hat die zweite und dritte Generation der Mundartrapper ihre Scheu vor dem Pop abgeworfen. Nicht weil sie den Erfolg suchen, sondern weil sie viel undogmatischer mit der Materie umgehen.

Heute braucht es keinen Mut mehr, um auf Mundart zu rappen, aber wenn gesungen statt gerappt wird, dann kann man sich der Naserümpfer der Szene sicher sein. Der Mundart-Rap war stets im Spagat zwischen Charts und Untergrund. Als Sektion Kuchikäschtli nach der Jahrtausendwende Erfolge feierte, sprachen böse Zungen von «Blüemli-Rap». Zu wenig hart seien die Zeilen, lautet das Urteil. Die Realness-Diskussion verschonte auch den Schweizer Rap nicht. Fluchworte und Beleidigungen. Dass hier oftmals Mittelstandsjugendliche darüber stritten, ob genug Strasse in den Zeilen steckt, tat der Ernsthaftigkeit der Debatte keinen Abbruch.

Sektion Kuchikäschtli wurden zuweilen als Blüemli-Rapper kritisiert.

Sektion Kuchikäschtli wurden zuweilen als Blüemli-Rapper kritisiert.

Bild: Nation Music

Von Haschisch zu echten Problemen

Ein Glaubwürdigkeitsproblem hatte der Mundart-Rap eigentlich trotzdem nie (zumindest wenn man die komplett Kommerz-Abtrünnigen ausser Acht lässt). Ein Inhaltsproblem schon gar nicht. Während gerade in den ersten Jahren über den Konsum von Haschisch berichtet wurde, hatten auch ernste Themen stets ihren Platz. E.K.R. sagt:

«Wenn man dich versteht, dann musst du auch etwas sagen.»

Die Probleme der amerikanischen Vorbilder entsprechen nicht der Schweizer Lebenswirklichkeit. Das Zürcher Rap-Urgestein sagt, dass es nicht «ganze Romane» braucht. «Manchmal reicht ein Satz in einem Text, den fühlt dann jeder.» Er zündet sich noch eine Zigarette an. «Wichtig ist, dass du selbst fühlst, was du machst», sagt Sterneis. «Dann kommt es auch an.»

Der Zürcher Sterneis ist einer der wichtigsten Produzenten der Szene.

Der Zürcher Sterneis ist einer der wichtigsten Produzenten der Szene.

Bild: Sterneismusig

Zurück zu Black Tiger: «Es wimmlet dört vo Schprayer und Rapper/ Breakdancer, DJs und Tagger/ Unseri Hip-Hop-Szene isch im cho/ Und sie wird sich nid uffhalte loh». Auch das stammt aus «Murder by Dialect» von 1991. Er hatte recht. Sein Mut von damals hat sich gelohnt.

10 Platten des Mundart-Raps, die man kennen sollte

E.K.R - E.K.R: Diese Platte gilt als die erste komplett in Mundart aufgenommene Rapplatte (aufgenommen 1993, erschienen 1995). Das Werk des Zürchers ­funktioniert nicht nur aus Nostalgiegründen. Mundartrap in seiner rohen Urform. zvg

Das ist die Zukunft des Schweizer Rap

Schwerelos über die Landes­grenzen

Für Cobee ist die Schweiz musikalisch schon zu klein geworden.

Für Cobee ist die Schweiz musikalisch schon zu klein geworden.

Bild: Milan Friedlos

Neben einem Rückblick lohnt sich ein Blick ins Jetzt. Schweizer Rapper sind auch Exportware.

Alles ist irgendwie vernebelt. Wer Cobee hört, der wähnt sich in einem zuge­kifften Bandräumchen irgendwo am Stadtrand. Selbst in den treibenden Momenten ist diese Musik leicht verbremst: Der Berner mixt da munter Drum ’n’ Bass, Trap, Soul, Pop und Rap. Dazu scheppert das Autotune. Mitunter nuschelt Cobee ins Mikrofon, alles bleibt unverständlich, rätselhaft, schwebend.

In «Trink mit mir» taumelt Cobee durch Tage und Nächte. Alles bleibt maximal unverbindlich und wird vom Drang zum Feiern gelenkt. Es ist wie ein hastig zusammengeschnittener Roadmovie über einen jungen Menschen, der sich durch den Tag kämpft, um den nächsten Rausch zu erleben. Unsicherheiten klingen durch, werden aber ausgeblendet, spätestens nach dem zehnten Joint. Cobee übt einen grossen Sog aus. Es ist ein musikalisches Abtauchen. In ebendiese vernebelte Wolkigkeit.

«Die Schweiz ist zu klein für alles, was ich erreichen will»

Der junge Berner ist schon seit zwei vielleicht drei Jährchen einer der artists to watch in der Schweizer Szene. Er scheint nun über die Grenze zu schielen. Seine eben erschienene EP «Eunoia» ist nicht nur beim grossen Plattenlabel Universal erschienen, sondern erweitert das Spektrum auch sprachlich. Statt auf Berndeutsch nuschelt Cobee nun auf Hochdeutsch. Auf Instagram schreibt er:

«Die Schweiz ist zu klein für alles, was ich erreichen möchte.»

Das verkiffte Bandräumchen scheint zumindest keinen Einfluss auf das erfrischende Selbstbewusstsein zu haben. Er klingt tatsächlich sehr international. Sein schwereloser Sound hat das Zeug, um die Grenze überwinden zu können.

Ein Revival der hüpfenden Autos aus den 90ern

Das hat Pronto schon länger. Der Rapper aus Solothurn ist auf Spotify mehrfacher Klickmillionär und taucht auch in Features bekannter Deutschrapper auf. Auch hier ein einnehmendes Genuschel. Es flirrt und funkelt und bleibt trotzdem stets luftig. Ein Soundtrack für unbeschwerte und treibende Nächte. Ob Pronto dabei in Mundart textet, ist gar nicht so wichtig. Viel wichtiger als der Text ist der Vibe und der Flow.

Pronto ist längst Klickmillionär auf den Streaming-Diensten.

Pronto ist längst Klickmillionär auf den Streaming-Diensten.

Bild: Universal Music

Eigentlich schon lange im Rap-Game ist EAZ. Der Zürcher hat aber eben erst sein Debüt-Album veröffentlicht. Mit seinem Secondo-Background verkörpert er die Schweiz 2021 bestens, siehe Schweizer Nati. Musikalisch bewegt EAZ sich weit entfernt von Cobee und Pronto. Das ist harter Rap, der auf grossen Schnickschnack verzichtet und klingt, als würden die MTV-Videoclips aus den 90ern ein Revival feiern.

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