Interview

Star-Filmemacher Michael Moore: «Trump glaubt nur an sich selbst»

Er sah Donald Trump als Präsident voraus. Im neuen Dokumentarfilm «Fahrenheit 11/9» zeigt Michael Moore, wie es so weit kommen konnte – und wie er den «Meister der Ablenkung» wieder loswerden will.

Marlène von Arx
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Auch mit seinem neuen Film legt sich Filmemacher Michael Moore mit dem Establishment an. (Bild: Everett Collection/Keystone)

Auch mit seinem neuen Film legt sich Filmemacher Michael Moore mit dem Establishment an. (Bild: Everett Collection/Keystone)

Es ist früher Abend in einer Bar in Toronto. Bis vor zwei Tagen hat Michael Moore im Studio noch frenetisch an «Fahrenheit 11/9» gearbeitet; am Vorabend fand die Weltpremiere am Filmfestival von Toronto statt. Moores Dokumentarfilm, der die Temperatur der USA durch die Wahl von Donald Trump am 9. November 2016 misst, kam gut an. Aber das kanadische Publikum fühlte sich beim anschliessenden Gespräch mit Moore und einigen seiner porträtierten Mitstreiter für die Rückeroberung der amerikanischen Seele aus den Händen von Donald Trump verständlicherweise nicht wirklich zuständig. Und so wirkt der Provokateur einen Tag später eher etwas verunsichert als siegessicher.

Michael Moore, hat sich Gwen Stefani schon bei Ihnen beschwert? Sie behaupten ja in Ihrem Film «Fahrenheit 11/9», die Sängerin sei schuld daran, dass Donald Trump Präsident geworden sei.

Nein, ich habe noch nichts von ihr gehört. Ich habe versucht, sie zu kontaktieren. Hoffentlich nimmt sie mir das nicht übel, denn sie ist ja nicht wirklich verantwortlich für die Wahl Trumps. Aber es ist schon so, dass es ihn tüchtig geärgert hat, dass NBC ihr – einer Frau! – für die Teilnahme bei der Reality-Show «The Voice» mehr zahlte als ihm für «The Apprentice». Er wollte daraufhin zeigen, wie sehr Amerika ihn liebte. So kündigte er an, er kandidiere fürs Präsidentschaftsamt und buchte zwei Kundgebungen.

Quasi als Trotzreaktion?

Genau. Er hatte nie die Absicht, Arbeit in eine Kandidatur reinzustecken. Aber ich weiss selber, wie es ist: Als ich zum ersten Mal vor 16000 Leute stand, die mir zujubelten, ist mir das auch eingefahren. Für einen Narzissten und Egoisten wie Trump war das sicher noch eindrücklicher – und für uns ein gefährlicher Moment.

Inzwischen jagt eine verrückte Schlagzeile die nächste. Wie bleibt man da als Dokumentarfilmer aktuell?

Wir haben uns zu Beginn der Dreharbeiten entschlossen, nicht die täglichen News zu jagen. So würde man nie fertig und der Film im Nu veraltet. Vor einem Jahr machten wir uns noch Sorgen, dass 50 Länder keinen amerikanischen Botschafter haben und fragten uns, wieso der Präsident keine ernennt. Inzwischen sind wir schon so viel weiter auf dem Holzweg, dass das niemanden mehr kümmert.

Nicht nur Trump, auch Barack Obama kommt in «Fahrenheit 11/9» nicht gut weg. Ist der Ex-Präsident für Sie keine Heldenfigur mehr?

Ich mag ihn immer noch sehr. Ich fand vieles gut, was er gemacht hat, und ich war andererseits auch schockiert, wie er sich im Zusammenhang mit der Wasserkrise in meiner Heimatstadt Flint, der Immigrationspolitik oder der Drohnen-Thematik verhalten hat. Kann man denn heutzutage in unserem politischen Diskurs keine zwei unterschiedliche, aber trotzdem beides wahre Meinungen mehr in sich tragen? Nur so funktioniert doch das Zusammenleben untereinander.

Es ist fast dreissig Jahre her, seit Sie sich mit «Roger & Me» erstmals als Filmemacher gegen das Establishment auflehnten. Wie stellten Sie sich die Zukunft damals vor? Dachten Sie, Sie müssten mit 64 noch so militant für Ihr Land kämpfen?

Vor dreissig Jahren habe ich gedacht, dass ich heute wohl eine Glatze hätte. Mit anderen Worten: Ich finde das Glück, wo es eben ist. Ich bin kein depressiver Mensch. Ich konzentriere mich auf die guten Nachrichten. Schauen wir doch mal in meinem Leben noch etwas weiter zurück: Als Kind mussten mir die Eltern erklären, wieso auf einer Toilettentür in Virginia «nur für Weisse» stand. Ich habe erlebt, wie neun Schulkollegen im Sarg aus dem Vietnam-Krieg zurückkamen. Ich habe erlebt, wie gute Menschen ermordet wurden. Dann kamen Nixon, Reagan, Bush und Doppel-Bush. Ich habe viel Schlechtes erlebt. Aber diese Zeit jetzt ist anders als alles, was wir bisher durchgemacht haben.

Inwiefern?

Egal ob Hitler oder Nixon, etc. – sie alle glaubten an etwas. Sie hatten eine Ideologie. Trump hat das nicht. Das Einzige, woran er glaubt ist Donald J. Trump. Ich traf ihn das erste Mal in den Neunzigerjahren bei einer Benefiz-Veranstaltung für «Planned Parenthood» [eine Non-Profit-Organisation, die Notbedürftigen medizinische Versorgung – inklusive Abtreibung – zur Verfügung stellt, Anm. d. Red.]. Seither hat er seinen Standpunkt zig-mal gewechselt. Viele Liberale sagen, wenn Trump des Amtes enthoben wird, kommt mit Vizepräsident Mike Pence noch etwas Schlimmeres hinterher. Aber ich sehe das nicht so.

Weil Pence eine Ideologie hat?

Genau. Mit ihm debattieren wir dann, ob Adam und Eva vor 6000 Jahren auf einem Dinosaurier geritten sind. Ich glaube, diese Debatte gewinnen wir. Oder: Kann man Schwule zu Heteros konvertieren? Diese Debatte können wir auch gewinnen. Denn die Mehrheit der Amerikaner glaubt nicht, woran Pence glaubt.

Von Hitler-Faschismus bis zum Polit-Sumpf in Ihrem Heimatstaat Michigan – «Fahrheit 11/9» greift viele Themen auf. Gab es auch Material, das zu provokativ war, um es zu veröffentlichen?

Was im Film drin sein muss, ist drin. Ich habe viel Material übrig, das wirklich zum Lachen ist. Aber ich wollte nicht, dass der Film zu lustig wird. Das machen die andere schon zur Genüge. Auf Dauer lenkt das nur ab. Trump ist ein Meister der Ablenkung, ein böses Genie. Ihn nicht ernst zu nehmen, schadet uns allen.

Überrascht es Sie, dass die republikanischen Parlamentarier trotzdem noch immer geschlossen hinter Trump stehen, wenn es darauf ankommt?

Tja, sie profitieren halt von ihm. Von seinen Steuervergünstigungen, er hat Obamacare neutralisiert und er ernennt konservative Richter zum Obersten Gerichtshof. An der Börse läuft es derzeit gut. Wieso sollen sie sich dem allem in den Weg stellen? Sie haben sich ihr Bett gemacht und liegen nun darin. Und daran wird man sich nach der Revolution erinnern.

Nach der Revolution? Was haben Sie vor, Herr Moore?

Die alte Garde der demokratischen Partei steht wahrem Fortschritt im Weg. Sie ist von den gleichen Kräften finanziert wie die Rechte und bremst jegliche Veränderung. Es gibt mehr von den anderen als von uns Progressiven, und auch wenn wir bei den nächsten Wahlen wieder verlieren, müssen wir weiterkämpfen. Ich hoffe, dass der Film unsere Leute an die Urne holt – aber natürlich auch, dass er als ein Stück Kinokunst akzeptiert wird.