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Tulpenwahn und Totenbuch mit Schalk

Monika Schnyder ist weit gereist und geht in ihren Gedichten bis in die Urgeschichte. Die St. Galler Lyrikerin führt im neuen Buch mit Tulpenzwiebeln in die Türkei, spürt augenzwinkernd ägyptischen Göttern nach. Eingeladen ist sie an die Literaturtage Solothurn.
Hansruedi Kugler
Die Lyrikerin Monika Schnyder vor ihrer Wohnung in St. Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Lyrikerin Monika Schnyder vor ihrer Wohnung in St. Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Ein Tipp für Lyrikmuffel: Ein Lexikon sollte griffbereit sein, wenn man Monika Schnyders neues Buch in die Hand nimmt. Denn die St. Galler Autorin reist und recherchiert fürs Leben gern. Das spürt man sofort und sieht es den Gedichten auch an: Da steht etwa kursiv gesetzt substantia spongiosa (lateinisch: schwammige Substanz) in einem spöttischen Gedicht über unsere digitale Gegenwart. Oder mit Grossbuchstaben ANUBIS (der altägyptische Gott mit Schakalkopf, zuständig für Totenriten) in einem schön-makabren Gedicht eines Toten während der eigenen Mumifizierung. Schnyders lyrische Ausflüge in die Urgeschichte mit Riesenlibellen, in die rumänischen Karpaten mit Tausenden von Bären oder an die Ufer des altägyptischen Nils erschliessen ganze Welten.

Als Reiseführer macht sich da ein Lexikon ganz gut, das ja heutzutage jeder mit dem Smartphone herumträgt. Also kann es losgehen auf poetische Welt- und Zeitenreise mit der ehemaligen «Tages-Anzeiger»-Journalistin, die 1945 in Zürich geboren wurde und seit 2000 als freie Autorin und Lehrerin für Ägyptisch-Arabisch in St. Gallen lebt.

Von der Spekulationsblase zu den Silberfischchen

Verwunderlich und mit einem versteckten Schalk ist schon der Titel: «Auch Götter haben Gärten». Da schreibt eine zeitgenössische Lyrikerin tatsächlich über Götter! Nicht über Gott, sondern über die Götterwelt. Führt einen das Buch in die Antike oder sind damit moderne Götzen der Populärkultur oder des Konsums gemeint? Und ist mit den «Gärten» das selige Feld des Elysiums oder doch eher der Schrebergarten ­angedeutet? Pathos oder Satire? Die Neugier ist auf jeden Fall ­geweckt. Von Endreimen hält Schnyder nichts, aber viel von Rhythmus und Klang. Verdichtung ist prägend für ihre Lyrik.

«Nichts als zwei, drei Zwiebeln», so nimmt Monika Schnyder die Leser mit auf die Reise. Denn mit einem Überraschungscoup startet die Autorin ihr Buch: Die Tulpenzwiebeln sorgten 1637 in Holland für eine frühe Spekulationsblase der Finanzgeschichte. Der Kult um die aus der Türkei eingeführten Tulpen führte an der Börse zu grotesken Wertverzerrungen:

«Gegen eine Zwiebel tauschte man ein Haus.»

Schnyder reist dann aber lyrisch in die Gegenrichtung, in die Zeit Suleymans I im 16. Jahrhundert, wo ein Schneider dem Sultan einen gewaltigen Turban schneiderte – nach der Form einer Tulpe, dieser «schimmernden glocke». Da merkt man den für Monika Schnyder typischen gutmütigen Schalk, die Verspieltheit und die Liebe zu den lebendigen Dingen, Versteinerungen, Salamandern und Mythen.

Diesen Schalk strahlt die ­Autorin auch im Gespräch aus: Wenn sie von Silberfischchen erzählt, die es schon vor 300 Millionen Jahren gegeben hat und sich heute in Badezimmerritzen flüchten, von wilden Bären auf dem Marktplatz der rumänischen Kleinstadt Brasov, oder von ägyptischen Göttern, die halb Tier, halb Mensch geheimnisvoll und märchenhaft niedlich sind, weshalb sie in einigen Gedichten denn auch wörtlich aus dem altägyptischen Totenbuch zitiert.

«Reisen führt zu den besten Schreibsituationen»

Ägypten hat Monika Schnyder oft bereist, auch Osteuropa. Neuerdings ist Italien zur zweiten Heimat geworden. «Reisen führt bei mir am zuverlässigsten zu Texten», sagt sie. Zwischendurch tut es auch ein intensiver Blick in die Wolken. Dort hat sie denn auch den titelgebenden Garten der Götter entdeckt: In den Cumuluswolken, deren Silhouetten wie «faune urtiere türme und kuppeln» aussehen.

Ihren Lyrikband wird sie an den Solothurner Literaturtagen am Auffahrtswochenende vorstellen. Nach dem Band «Tethys» 2016 ist es die zweite Einladung zum Autorentreffen. Vorher, an der Buchvernissage in St. Gallen, zeigt sie zu ihren Gedichten die Abbildungen altägyptischer Götter. Das wird ein unterhaltsamer und lehrreicher Abend.

Monika Schnyder: Auch Götter haben Gärten. Gedichte. Wolfbach, 90 S., Fr. 27.–

Buchvernissage: Mi, 27. 3., 19.30 Uhr, Keller zur Rose, St. Gallen

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