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Interview

Interview mit Autor Cees Nooteboom:
«Turner war ein feinsinniger Mann»

Cees Nooteboom besucht Luzern anlässlich der Turner-Ausstellung im Kunstmuseum Luzern. Nooteboom hat einen Essay über Turner verfasst. Wir sprechen mit ihm über die Einsamkeit von J.M.W. Turner und die Disziplin des Romanciers.
Susanne Holz
Der niederländische Autor Cees Nooteboom beim Interview im Hotel Schweizerhof anlässlich seines Luzern-Besuchs zur Turner-Ausstellung. Bild: Pius Amrein (Luzern, 11. Oktober 2019)

Der niederländische Autor Cees Nooteboom beim Interview im Hotel Schweizerhof anlässlich seines Luzern-Besuchs zur Turner-Ausstellung. Bild: Pius Amrein (Luzern, 11. Oktober 2019)

Zum Abschluss der Ausstellung «Turner. Das Meer und die Alpen» im Kunstmuseum Luzern ist der niederländische Autor Cees Nooteboom in Luzern zu Gast. Der 86-Jährige bestreitet eine Lesung, zwei Gespräche und dieses Interview mit uns.

Zunächst eine universelle Frage, die alle unsere Leser interessieren dürfte: Wie gelingt es einem, mit 86 Jahren noch so fit zu sein?

Cees Nooteboom: Indem man die Sommer in Spanien verbringt und jeden Tag im Meer schwimmt. Auch habe ich mein ganzes Leben lang viel zu Fuss unternommen.

Und Sie reisen sehr viel. Hält das auch jung?

Es hält zumindest geistig jung.

Als junger Mann haben Sie Reisen als Tramper unternommen. Wie war das?

Das kann man sich kaum noch vorstellen. Ist sehr lange her, da war ich Anfang zwanzig. Damals war es noch einfacher, per Anhalter zu fahren.

Ihre Reisen nach Japan und Südamerika…?

…habe ich nicht mehr als Tramper unternommen. Viele meiner Bücher sind in spanischer Sprache erschienen. Ich wurde beispielsweise vom spanisch sprechenden Publikum eingeladen und nutzte das, um auf eigene Faust weiterzureisen.

1957 heuerten Sie auf einem Schiff in die Karibik als Leichtmatrose an, um in Suriname beim Vater Ihrer Braut um deren Hand anzuhalten, so erzählt Wikipedia. Sie scheinen ein leidenschaftlicher Mensch zu sein. Lieben Sie das Meer, so wie William Turner es wohl tat?

Das Überkreuzen eines Ozeans ist immer etwas Besonderes. Auch finde ich das Meer faszinierend. Wie sehr Turner das Meer geliebt hat? Er hatte auf jeden Fall eine spezifische Methode, es zu beobachten.

Müssten Sie wählen: Meer oder Berge?

Meer. Ich mag das Meer lieber als die Berge. Berge sind schön, aber ich wandere nicht. Ich gehe lieber schwimmen.

Zur Person

Cees Nooteboom kam am 31. Juli 1933 in Den Haag zur Welt. Sein Werk umfasst Romane, ­Novellen, Reiseberichte und Gedichte. Auch war er als ­Journalist und Literaturkritiker tätig. Sein Debütroman «Philip und die anderen» (1955) wurde mit dem Anne-Frank-Preis ­ausgezeichnet. Internationale Aufmerksamkeit erzielte Nooteboom erstmals mit seinem ­Roman «Rituale» (1980). Nooteboom erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Seine Bücher wurden in mehr als 15 Sprachen übersetzt. Für den Katalog zur Turner-Ausstellung in Luzern verfasste er den Essay «Geschichte einer Faszination». (sh)

Sie sind auch Lyriker. Hat Lyrik eine Entsprechung in der Malerei?

Das kann ich so nicht beantworten. Aber Turner schrieb auch Gedichte – das war ihm wichtig. Und ich habe mal ein Gedicht zur Malerei geschrieben, mit folgendem Inhalt: Was denken Gemälde über Kunstsammler und Kunstbetrachter?

Welche Art von Literatur verfassen Sie lieber? Gedichte oder Romane?

Romane erfordern Disziplin. Ein Gedicht kommt eher mal wie von selbst.

Sind Gedichte emotionaler?

Ich hoffe doch, dass auch Romane emotional sind.

Auf Wikipedia werden Sie mit einer Gedichtzeile aus Ihrem Lyrikband «Das Gesicht des Auges» zitiert: «Wer das Anschauen/nicht bricht/sieht nichts». Erklären Sie uns das? Und hat William Turner auf diese Art gesehen?

Wie soll man ein Gedicht erklären? Man sollte solche Zeilen einfach hinnehmen. Sonst können Sie ein Gedicht gleich mit Fussnoten versehen. Ich denke aber, dass Turner sehr tief in das Sehen eindrang – sonst hätte er nicht die Gemälde schaffen können, die er geschaffen hat.

Was für ein Mensch war J.M.W. Turner?

Auf jeden Fall nicht der derbe Mensch, als der er im Film von Mike Leigh, «Mr. Turner – Meister des Lichts», dargestellt wird. Turner mag grob ausgesehen haben, aber er hätte nicht so malen können, wie er gemalt hat, wäre er kein feinsinniger und feinfühliger Mensch gewesen.

In Ihrem Essay bezeichnen Sie Turners Werk als «Studie», als «Philosophie ohne Worte», als «lebenslangen Dialog mit dem Sichtbaren». War Turner ein Forscher?

Forscher würde ich nicht sagen. Turner war jemand, der jeden Tag gearbeitet hat. Sein Material waren Berge, Wasser, Bewegung. Er hat sich mit Natur auseinandergesetzt und war nicht anekdotisch interessiert. Er malte auch keine Porträts. Und ich denke, als solches war er ein Einzelgänger.

War Turner ein Poet?

Ja, wenn Sie wollen.

Im Essay zu Turner stellen Sie den Vergleich zu Cézanne her, als einem Künstler, «der etwas sah, was niemand sonst sah – eine Form von Einsamkeit». War Turner einsam wie später Cézanne?

Wenn man etwas sieht, was andere noch nicht sehen, ist man einsam. Das war das Schicksal der Impressionisten, und das war natürlich auch Turners Schicksal.

Hinweis

Cees Nootebooms jüngstes Buch erschien im Mai 2018 bei Suhrkamp: der Lyrikband «Mönchsauge».

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