TV: Abgedreht und ausgeflogen

Ein bemerkenswerter Film über die Jugend eines Luzerner Dorfes feiert seinen 10. Geburtstag. Pläne für eine Fortsetzung wurden aber wieder auf Eis gelegt.

Michael Graber
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Szene aus dem Film «Abgedreht». (Bild: PD)

Szene aus dem Film «Abgedreht». (Bild: PD)

Was sind schon zehn Jahre? Nicht sonderlich viel auf ein ganzes Leben gesehen. Anders sieht es aus, wenn es die zehn Jahre sind, die einen Jugendlichen zum Erwachsenen machen. Es passiert viel. Alte Ängste und Sorgen weichen, neue kommen.

Zehn Jahre ist es her, als der Film «Abgedreht – ein Heimatfilm» seine Premiere feierte und auch am Schweizer Fernsehen und an den Solothurner Filmtagen gezeigt wurde. Die Filmemacher Robert Müller und Ines Meyer begleiteten die Jugendlichen aus der Luzerner Gemeinde Ruswil über zweieinhalb Jahre, und dabei entstand eine spannende Momentaufnahme über das Dorf und die Jugend ganz im Allgemeinen rund um und nach der Jahrtausendwende. Der Film ist darum bemerkenswert, weil er nicht beschönigt, nicht klischiert, sondern die 6000-Seelen-Gemeinde in all ihren Facetten zeigt. Da wird geschwungen, gekifft, gespielt und gefeiert. Letzteres wiederholt sich am kommenden Freitag – zum Jubiläum des Films findet in Ruswil eine «Ten Years After»-Party statt (siehe Box).

Zuhören

Am Anfang des Films stand auch ein bisschen Wut, wie Mitproduzent Christian Vannay sagt: «Über Ruswil gab es einen Film des Schweizer Fernsehens – die Jugendlichen wurden dabei bei ‹Diräkt us Ruswil› aber komplett aussen vor gelassen.» Das wiederum führte bei diesen dazu, dass sie sagten: «Dann machen wir halt selber einen Film.» Der damalige Jugendarbeiter stellte den Kontakt zu den Filmern her, die sich viel Zeit nahmen und den Jugendlichen «vor allem zuhörten», wie Robert Müller sagt.

Da wird über die Liebe ebenso sinniert wie über die Freiheit und auch das typische Anecken der Jugend in der Spätpubertät. Ruswil ist eine klassische Luzerner Gemeinde, zwar einwohnermässig über dem Durchschnitt, was aber auch mit der grösseren Fläche zusammenhängt. Die CVP wurde nicht nur dort gegründet, sondern dominiert bis heute. Vielleicht macht es genau das aus, was «Abgedreht – ein Heimatfilm» für Aussenstehende so sehenswert macht. All die Jugendlichen wirken offener, als man denken könnte und auch als manche ihre Kollegen in der Stadt. Die Gemeinschaft im Dorf ist ihnen wichtig, und trotzdem entsprechen sie nicht den gängigen Klischees über die Landjugend.

Veränderung

Die «Töfflibuebe» gibt es natürlich auch. Aber vor allem ein freches «Töfflimeitli». Andrea rast auf ihrem Moped durchs Dorf, mit Kurzhaarfrisur und einigen Joints. Andrea will heute, vor kurzem hat sie ihren 30. Geburtstag gefeiert, nicht sagen, dass es ihr peinlich ist, wenn sie sich so sieht: «Ich stehe dazu.» Sie war damals eine suchende junge Frau, heute steht sie an einem anderen Punkt im Leben. Ihre Ziele sind klarer, die Exzesse sind weniger geworden. Ihre Träume sind nicht mehr dieselben wie damals auf dem Töffli, als Mensch hat sie sich weiterentwickelt, und trotzdem erkennt man sie im Film sofort wieder.

Andrea und viele andere der Protagonisten und Protagonistinnen habe ich in den letzten Jahren näher kennen und schätzen gelernt. Zwar stehen die meisten von ihnen noch zum Film, trotzdem sei an dieser Stelle auf Nachnamen verzichtet. Einfach weil sich das berufliche Umfeld bei vielen verändert hat. Einige sind Lehrer oder haben sonstige Berufe, in denen man gerne die Vergangenheit Vergangenheit sein lässt.

Martina ist der Film «etwas peinlich». Nicht wegen der Machart und nicht grundsätzlich, sondern wegen ihr selbst: In «Abgedreht» steht sie etwas besserwisserisch in ihrem Zimmer und philosophiert über vieles. Für eine 17-Jährige ganz gut, aber halt doch immer mit Naivität. «Ich würde es heute wohl nicht mehr so sagen», sagt sie.

Heimkommen

Beinahe hätte sich Martina noch einmal dazu äussern können. Christian Vannay wollte ursprünglich alle Darsteller noch einmal mit der Kamera aufsuchen und zeigen, wo sie jetzt, zehn Jahre später, stehen. Nach Rücksprache mit den Filmern verzichtete man dann aber darauf und entschied sich eben für die neuerliche Vorführung in Ruswil.

Für viele der Darsteller wird es auch ein Heimkommen. Viele sind nach «Abgedreht» mittlerweile ausgeflogen. Ihr Lebensmittelpunkt ist heute oft die Stadt Luzern – irgendwie, und das sagen alle, sind sie aber mit ihrem «Rusmu» verbunden geblieben. Dort übrigens ist der Film gut angekommen, auch bei den Erwachsenen, auch bei den Eltern, und das trotz Szenen, über die sie nicht nur erfreut gewesen sein dürften.

«Ich war schon damals immer offen und ehrlich», sagt Andrea. Ihre Eltern wussten damals schon, dass sie kifft. So konnte der Film nicht schockieren. Vor zehn Jahren war Gras-Rauchen noch stärker geächtet als heute, und trotzdem gab Andrea bereitwillig Auskunft. «Vielleicht habe ich gar nicht begriffen, wo dieser Film überall gezeigt wird», gibt Andrea zu. Aufführungen gab es zahlreiche. Noch immer gibt es die DVD, und auch als Lehrmittel ist der Film im Angebot von Bibliotheken.

Auf heutige Jugendliche muss der Film belustigend wirken. Vieles, was heute selbstverständlich scheint, war vor zehn Jahren noch anders. Erkämpft unter anderem von der Generation aus dem Film. Und genau darum ist «Abgedreht» auch ein wertvolles Zeitdokument.

Provokation

Der Zusatz «Ein Heimatfilm» sei durchaus eine Provokation gewesen, sagt Regisseur Robert Müller, der später auch noch «Faustrecht» und jüngst «Die Wiesenberger» mitverantwortete. «Es stimmt aber auch – die Jugendlichen zeigen ihre Heimat – auf vielfältige Weise.» Mit dem klassischen Heimatbegriff von damals hat das aber nur wenig zu tun, und trotzdem ist es liebevoll gemeint. «Heute wird der Begriff Heimat ganz anders verwendet», sagt Müller, «früher war das eher negativ belastet, heute hat dieser Begriff sich erweitert. Auch zahlreiche Bräuche haben ja einen regelrechten Boom erlebt.»

Es gibt nur wenig vergleichbare Filme, die so eng die Jugendlichen in unserer Region begleiteten. Neben den eigentlichen Dreharbeiten für den Film konnten sich die Ruswiler Jugendlichen daneben auch in Kursen betätigen und griffen bei Musik und Grafik ein. Es ist ein leidenschaftliches, gutes Produkt.

Die meisten der Befragten werden am Freitag den Film noch einmal schauen gehen. Natürlich auch wegen der Kollegen, die man wieder sieht. Aber praktisch alle Beteiligten haben sich «Abgedreht – ein Heimatfilm» in den letzten Jahren noch einmal zu Gemüte geführt, und irgendwie ist es eine seltsame Mischung aus Stolz und Scham, die in ihren Worten mitschwingt.

«Abgedreht – ein Heimatfilm» verbindet die Jugendlichen von damals bis heute – zumindest teilweise. Ein Blick in ihre Welt es lässt einem vielleicht auch manchmal etwas gelassener auf die eigene Teenagerzeit zurückblicken. Hoffentlich zumindest.

HINWEIS:
Alles zum Film auf www.zeitraumfilm.ch

Filmvorführung und Party

Das Schweizer Fernsehen hat ihn ausgestrahlt, 3Sat auch, und an den Solothurner Filmtagen wurde er ebenfalls gezeigt – «Abgedreht – ein Heimatfilm» (siehe Haupttext). Mittlerweile sind zehn Jahren seit der Premiere vergangen. Und da in Ruswil gleich noch ein anderes Jubiläum ansteht – der Tropfstei Ruswil veranstaltet seit 30 Jahren Kleinkunst –, wird im Rahmen dieses Programms der Film noch einmal aufgeführt.

Ehemalige Darsteller vor Ort

Eingeladen sind alle ehemaligen Darsteller, Regisseure und Verantwortlichen für diesen Film. Aber längst nicht nur: Auch allen anderen Interessierten steht dieser Abend offen. So kann man auch direkt sehen, was aus den einstigen Protagonisten des Films geworden ist. Das Ganze findet am Freitag, 28. Juni, um 20.30 Uhr im Kulturraum am Märtplatz in Ruswil statt. www.tropfstei.ch