TV: «Deutsche Kritik war nicht ganz fair»

Am Sonntag wird der neue Luzerner «Tatort» ausgestrahlt. Er sorgte schon bei den Dreharbeiten für Aufsehen, weil er Zünfte ins Visier nimmt. Regisseur Dani Levy nimmt Stellung.

Interview Arno Renggli
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Kommissar Flückiger (Stefan Gubser) im fasnächtlichen Spiel mit E.T. Er weiss noch nicht, dass er den Mörder vor sich hat. (Bild: SRF)

Kommissar Flückiger (Stefan Gubser) im fasnächtlichen Spiel mit E.T. Er weiss noch nicht, dass er den Mörder vor sich hat. (Bild: SRF)

Dani Levy, bisher waren Sie bekannt für Kinofilme wie «RobbyKallePaul», «Meschugge» oder «Alles auf Zucker». Wie kommen Sie zu einem «Tatort»?

Dani Levy: Ich wurde von den Produzenten Lukas Hobi und Reto Schaerli angefragt, ganz einfach. Ich hatte grosse Lust, mal in der Schweiz einen Film zu drehen, zudem war es verlockend, ein Drehbuch angeboten zu bekommen, von dem ich wusste, dass es in einem halben Jahr auch wirklich gedreht wird. Und dann ist der «Tatort» natürlich ein sehr populäres Format. Da spielt man quasi in der Champions League der TV-Unterhaltung mit.

In Deutschland kamen die ersten drei Luzerner «Tatorte» eher schlecht an. Wird das mit Ihnen besser?

Levy: Das werden wir sehen. Aber natürlich hoffe ich, dass der Schweizer «Tatort» mit unserer Folge einen Schritt nach vorne macht. Ich fand die deutschen Kritiken auch nicht ganz fair. Ich mochte zum Beispiel den zweiten Film «Skalpell» sehr gerne. Ich denke, dass die hochdeutsche Synchronisation das Hauptproblem bei der Wahrnehmung der Filme war.

Inwiefern?

Levy: Seit 40 Jahren gibt es den «Tatort» nur in Originalfassungen, synchronisierte «Tatorte» sind für die Zuschauer und Kritiker völlig neu. Dann ist es sehr schwierig, mit einer Synchronisation die Direktheit und Authentizität eines Filmes zu erhalten. Das Hochdeutsch der Schweizer Darsteller wirkte manchmal gestelzt und hölzern, der Sprachrhythmus zu langsam, und, und, und ... Wir haben uns bei der Synchronisation diesmal voll ins Zeug gelegt, dass es möglichst nahe an die Originalfassung kommt. Am Sonntag werden wir sehen, ob es geklappt hat.

Worauf haben Sie geachtet?

Levy: Das fängt schon im Drehbuch an, dass man sprachliche Fallen vermeidet. Dann haben wir viele Szenen bereits schon am Set auch Hochdeutsch aufgenommen, am Originalort mit der Originalstimmung. Im Studio haben wir den Darstellern nicht nur Mikros vor die Nase gestellt, sondern es wurde richtig gespielt und sich bewegt. Aber es ist wirklich anspruchsvoll, die Lebendigkeit des Originals hinzukriegen. Obwohl ich es toll finde, dass der Schweizer «Tatort» auf Schwyzertüütsch gedreht wird, muss man sich natürlich trotzdem fragen, wie man diese Schwierigkeit in Zukunft meistert. Die Schweizer Folgen haben dadurch im deutschen Raum einfach ein Handicap.

Man hört, dass Sie den Darstellern viel Gestaltungsfreiraum und Spontaneität einräumen. Führt das nicht auch zu den sprachlichen «Fallen»?

Levy: Nein, die Spontaneität betrifft nicht die Dialoge, sondern eher die Abläufe und Emotionen in den Szenen. Die Gefahr beim Drehen eines Filmes ist immer, dass das Spiel abgekartert und organisiert aussieht. Deshalb drehe ich seit über zehn Jahren immer mit zwei Kameras gleichzeitig, ohne Proben und mit möglichst viel Beweglichkeit. Dies führt auch dazu, dass die Darsteller die Szenen weniger häufig wiederholen müssen, denn Wiederholungen sind oft tödlich für ein Spiel, das lebendig und impulsiv wirken soll.

Wenn Sie einen «Tatort» inszenieren, müssen Sie Figuren übernehmen, die andere Autoren und Regisseure entwickelt haben. Ein Problem?

Levy: Überhaupt nicht. Es hilft, wenn die Figuren bereits einen Background haben. Ein Figur ohne Eigenschaften ist ja langweilig und bietet dem Zuschauer keine emotionale Anbindung. Ich finde sogar, dass die Redaktion beim Schweizer Fernsehen, die ja für die Figurenentwicklung zuständig ist, noch mehr hätte vorgeben können. Wir zeigen im neuen Film nun auch Privates über Kommissar Flückiger, etwa seine Einsamkeit. Und seine Partnerin Liz Ritschard lässt sich auf eine lesbische Beziehung ein. Man wird sehen, ob dies in weiteren Fällen thematisiert wird.

Vor einem Jahr schon, vor den Dreharbeiten in Luzern, gab Ihr Film ziemlich zu reden, weil er eine Zunft schlecht aussehen lässt. Will der Film tatsächlich etwas kritisieren?

Levy: Das Absurde an dieser Geschichte war, dass die Zunft zu Safran ja an der Entwicklung des Drehbuchs beteiligt war. Erst als der neue Zunftmeister Anfang Januar ins Amt trat, wendete sich die Zunft gegen das Projekt. Es war aber der Zunft immer klar, dass jeder «Tatort» eine Mischung aus Realität und Fiktion ist. Der Plot des «Tatort» ist reine Fiktion, aber im Motiv für das Verbrechen haben wir versucht, realistisch oder glaubwürdig zu sein. sonst funktioniert die ganze Geschichte nicht. Dass in der Schweiz hinter Höflichkeit und Freundlichkeit oft knallharte Entscheidungen getroffen werden, ist indes nicht nur zunftspezifisch.

Konnten Sie denn die harschen Reaktionen vor einem Jahr verstehen?

Levy: Ja und Nein. Es war sicher etwas blauäugig, die Zunft zu Safran so nah ins Projekt mit einzubeziehen. Entsprechend habe ich die Zünftler verstanden, die plötzlich Realität und Fiktion nicht mehr trennen konnten. Aber danach hat man sich mit der Zunft getroffen und die verstärkte Fiktionalisierung der dargestellten Zunft besprochen. Dass die Zunft dann begann, Lobbyarbeit gegen das Projekt zu machen, fand ich aber nicht okay. Das war ein harter Bruch, die gleichen Menschen, die ich noch als zugänglich und sympathisch erlebt habe, haben plötzlich versucht, die Dreharbeiten zu verhindern.

Wie leben Sie eigentlich als Regisseur? Sie sind ja nicht primär für besonders kommerzielle Filme bekannt.

Levy: Was ist kommerziell? Mindestens die Hälfte meiner Filme haben ihr Geld wieder eingespielt, einige sogar richtig Gewinn gemacht. Ein kommerzieller Erfolg wie «Alles auf Zucker» ist natürlich immer ein Türöffner. Aber es kann frustrierend sein, wenn nur der kommerzielle Erfolg Vertrauen schafft, bei Förderungen oder beim Fernsehen. Nach einem Film, der nicht so gut gelaufen ist, braucht es ziemlich viel Geduld, bis man ein neues Projekt realisieren kann. Wobei ich diese Geduld auch beim Drehbuchschreiben mit mir selber brauche. Was ich aber schön finde, ist, dass mein Image, überraschende und engagierte Filme zu machen, nicht vom kommerziellen Erfolg abhängt.

HINWEIS

Dani Levy kam 1957 in Basel zur Welt. Nach einer Zeit als Schauspieler, Clown und Akrobat drehte er schon in jungen Jahren erste Filme. In der Schweiz wurde er als Küchenbursche Peperoni in der Serie «Motel» bekannt.

Neben den erwähnten Filmen, für die er oft auch das Drehbuch und eine Rolle übernahm, sorgte er etwa mit der Parodie «Mein Führer» (2007, mit Comedian Helge Schneider als Adolf Hitler) für Aufsehen.