TV: Die alte Liebe taugt nicht zur Rebellion

Der Schweizer Film «Das alte Haus» zeigt, wie eine Hausgemeinschaft rebelliert: witzig und fast ohne Klischee.

Urs Bugmann
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Aus Nebeneinander wird Miteinander: Mieterversammlung um Hauswart Ernst (Herbert Leiser, Mitte, mit Krawatte). (Bild: SRF/Daniel Winkler)

Aus Nebeneinander wird Miteinander: Mieterversammlung um Hauswart Ernst (Herbert Leiser, Mitte, mit Krawatte). (Bild: SRF/Daniel Winkler)

Joseph Ernst ist Hausabwart und hält auf Sauberkeit. Auf der Strasse pflückt er eine leere PET-Flasche vom Boden und legt sie auf einen Tisch der Gartenwirtschaft. Den Kellner, der die Stühle zurechtrückt, trifft ein schräger Blick.

In der Bäckerei lässt sich Herr Ernst sein Brot über die Theke reichen, Frau Kramer stellt zwei Erdbeertörtli dazu. «Das alte Haus», der neue fürs Fernsehen gedrehte Schweizer Film, erzählt eine Geschichte aus dem Quartier.

Joseph Ernst führt im Erdgeschoss eines in die Jahre gekommenen Mietshauses ein Fotostudio, wohnt ein paar Treppen höher als Witwer allein mit seiner Hündin Leika, wechselt Energiesparlampen und wundert sich, wenn wieder ein fremder junger Mann den Briefkasten unten im Hausgang leert. Zuoberst im Haus hat sich eine WG eingemietet mit offenbar wechselndem Bestand.

Ins Gewöhnliche, das einen Hang zum Idyllischen hat, bricht unversehens die raue Realität ein: Das Haus soll abgebrochen werden. Jetzt wird aus der Hausgemeinschaft, die mehr neben- als miteinander lebt, eine Schar von Rebellen. Hauswart Ernst lädt alle zur Vollversammlung, auch jene, die gerade in der WG unterm Dach sind.

Der Schatz von einst

Die kämpferischsten Ideen kommen aus der WG: Ein Strassenfest soll steigen, Flugzettel werden verteilt, ein Journalist trifft ein, ein Transparent wird ans Haus gehängt. Das Haus und die Strasse beginnen zu leben. Im Treppenhaus begegnet Joseph einer vornehmen Dame, die ihm bekannt vorkommt: Lilly, sein erster Schatz, die hier einst wohnte, will sich nach 42 Jahren noch einmal die alte Wohnung anschauen.

Joseph entdeckt in ihr eine Verbündete, die das Alte erhalten will. Sie verspricht, sich einzusetzen – sie habe Drähte zur Immobilienfirma, die hier «gentrifizieren», das gewachsene Kleine durch wertsteigernde Eingriffe ins Ertragreiche heben will.

Auf der heiteren Seite

Der Film erzählt seine Geschichte beinahe klischeefrei. Die Kluft zwischen Wohngemeinschaft und korrektem Hauswart liegt allzu sehr auf der Hand, und das späte Wiedererwachen der alten Kinderliebe gibt Gelegenheit für ein wenig Sentimentalität. Regisseur Markus Welter bedient die Erwartungen massvoll und überrascht mit Schnitten und Einstellungen.

Er schafft es, Trauriges nicht zu beschweren und Probleme nicht zu predigen. Leichthin zeigt sich dieser Film, farbig und lebendig und eher auf der heiteren Seite. Ein Happy End gibt es nicht – oder beinahe nicht. Natürlich lassen sich alle kaufen, ziehen ihre Rekurse zurück, Lilly ist nicht die Helferin, sondern der Hai, der zuletzt doch zupackt.

Joseph wischt ihr noch eins aus und entdeckt mit der Bäckersfrau die sonnige Liebe und zieht ins Tessin: noch ein Klischee, aber jetzt ist die Welt wieder in Ordnung. Herbert Leiser spielt den Hauswart Ernst mit trockener Zurückhaltung, Heidi Maria Glössner die Lilly ein bisschen herb, was zu ihrer Kaltschnäuzigkeit passt und die Nostalgie bitter grundiert. Die übrigen Rollen sind ohne Ausnahme ebenso stimmig besetzt. Dieser Film darf sich sehen lassen.

Hinweis
SRF Schweizer Film: «Das alte Haus». Regie Markus Welter. Sonntag, 5. Mai, 20.05 Uhr, SRF 1.