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TV: Er ist der Richter und der Henker

Es geht ja doch: Der neue Luzerner «Tatort», der am Sonntag ausgestrahlt wird, ist hervorragend. Auch dank einem wunderbar gespielten Mörder, der sich zum Racheengel aufschwingt.
Eine schwierige Beziehung: Simon Amstad (Antoine Monot) und seine traumatisierte Frau (Sarah Hostettler). (Bild: PD/SRF/Daniel Winkler)

Eine schwierige Beziehung: Simon Amstad (Antoine Monot) und seine traumatisierte Frau (Sarah Hostettler). (Bild: PD/SRF/Daniel Winkler)

Michael Graber

Bereits nach wenigen Sekunden ist klar: Lustig wird das heute nicht. Zwei Albaner werden mittels Scharfschützengewehr auf offener Strasse erschossen – durchaus drastisch dargestellt. Kurz darauf stirbt ein Geschäftsmann mitten in der Stadt genau auf die gleiche Art. Eine Verbindung zwischen den dreien gibt es nicht – ausser dass sie straffällig geworden und von der Justiz noch nicht belangt worden sind. Doch den Gerichten fehlte schlicht die Zeit.

Wir kennen den Mörder

Das ist der Auftritt von Simon Amstad (Antoine Monot). Er spielt selber Richter. Richter und Henker. Wir sehen ihn in seiner Werkstatt, wo fein säuberlich Couverts mit seinen nächsten Opfern bereitliegen. Wir sehen ihn, wie er mit grosser Ruhe die Patronen so manipuliert, damit sie grösstmöglichen Schaden anrichten. Und wir sehen ihn, wie er versucht, mit seiner Frau (Sarah Hostettler) zu sprechen.

Seit sie von ihrem Chef mehrfach ungestraft vergewaltigt wurde, ist sie gebrochen. Isst ausser Tabletten fast nichts und vor allem: Sie spricht nicht mehr mit ihrem Mann. Einem Freund vertraut sie an: «Wieso geht er nicht einfach?» Amstad hört diese Konversation mittels eingeschaltetem Funkgerät mit. Es ist eine kalte, traurige Welt, in der Simon Amstad zum Rächer wird. Der Zuschauer kennt den Mörder ab Minute eins. Es geht darum, ob er rechtzeitig gestoppt werden kann. Und wie.

Als die Polizei hinter sein Motiv kommt – und das tut sie schnell –, offenbart sich ein moralisches Dilemma. Die Kommissare Flückiger (Reto Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) sind gezwungen, Mörder, Vergewaltiger und Schläger, die irgendwie um ihre gerechte Strafe gekommen sind, vor dem Heckenschützen zu warnen. Mühsam telefonieren sie sie ab. Sichtlich angewidert auch über deren fehlende Kooperationsbereitschaft.

Feilschen im Angesicht des Todes

Sogar im Angesicht des drohenden Todes versuchen einige noch zu ihren Gunsten zu verhandeln. Das kumuliert in einem herrlich widerwärtig gespielten italienischen Beizer (Roberto Guerra), der ein Mädchen vergewaltigt und in den Suizid getrieben hat. Der kurze Disput gipfelt in einer Schlägerei mit Flückiger. Und selbst der sonst immer griesgrämige Polizeichef Mattmann (Jean-Pierre Cornu) hat Verständnis für das Handeln des Kommissars.

Die Grundfarbe des «Tatort: Ihr werdet gerichtet» ist schwarz. Es öffnen sich allerlei Abgründe, und als Zuschauer muss man aufpassen, dass man nicht mit dem Mörder sympathisiert. Wir sehen Amstad als liebenden Mann, als anständigen Bürger und nicht als Monster. Die Darstellung von Antoine Monot ist überzeugend. Der Mörder mit dem Wuschelbart und der dicklichen Statur ist die starke Figur in diesem Krimi.

Aber auch Flückiger und Ritschard bekommen klare Konturen. Wir sehen sie zweifeln und mit sich ringen. So menschlich wirkte vor allem Flückiger noch nie zuvor in den anderen acht Luzerner «Tatorten». Vor allem: Er ist richtig spannend. Trotz bekanntem Mörder und geradliniger Story. Die mündet in einer Schlusszene, in der sich die ganze Dramatik entlädt und man doch irgendwie bis ganz am Ende hofft, dass alles doch noch anders kommt.

«Ihr werdet gerichtet» ist harter Stoff. Die Tötungsszenen sind explizit. Der Akt der Selbstjustiz wird nicht noch durch schöne Bilder glorifiziert. Aber auch die Erzählweise bedrückt. Gelacht wird nie. Es ist typisches Luzerner Herbstwetter mit viel Nebel und wenig Licht. Und viele Aufnahmen aus Drohnen zeigen eine Stadt, die unter einer Glocke zu liegen scheint. Dazu kommt eine stimmig-wummernde Soundkulisse.

Anleihen bei Kleist

Natürlich ist es ein Stoff, von dem man weiss, dass er funktioniert. Auch der zugezogene Profiler spricht ganz offen von einem Täter wie Michael Kohlhaas. Der Rächer aus der Kleist-Novelle, der auf der Suche nach Gerechtigkeit ganze Städte niederbrennt. Das Kohlhaas’sche Motto «Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe auch die Welt daran zu Grunde!» könnte auch jenes von Amstad sein. Wut und Verzweiflung sind starke Triebfedern. Und sie lassen die Geschichte bei aller Drastigkeit glaubwürdig erscheinen.

Der neunte Luzerner «Tatort» ist mit Abstand der stärkste der Reihe. Er verzichtet auf Klischees und darauf, zu viel in die Story packen zu wollen. Der Plot ist dramatisch genug, es braucht keinen mahnenden Zeigefinger, der uns auf Offensichtliches hinweisen will. Auch verzichtet Regisseur Florian Froschmayer («Exklusiv») auf Charakter-Nebensächlichkeiten. Vergessen ist das Flückiger’sche Kopfweh aus der letzten Folge und Hinweise zum (lesbischen) Liebesleben von Ritschard fehlen ebenso. Der Film ist reduziert, im besten Sinne.

Nach dem Finale schnauft man erleichtert durch und ist doch noch immer auf einer Gefühlsachterbahn. Ab jetzt bitte jeden «Tatort» aus Luzern so geschickt erzählen, so gut spielen und filmisch so gekonnt umsetzen. Dann würden die Kritiker rasch verstummen.

Hinweis

«Tatort – Ihr werdet gerichtet» läuft am Sonntag um 20.05 Uhr auf SRF1 und um 20.15 Uhr in der hochdeutschen Fassungen im ARD.

Lesen Sie in der Ausgabe vom nächsten Sonntag ein grosses Interview mit Antoine Monot.

Liz Ritschard (Delia Mayer, Mitte) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) mit der neuen kriminaltechnischen Leiterin Corinna Haas (Fabienne Hadorn) am Tatort (Bild: SRF / Daniel Winkler)

Liz Ritschard (Delia Mayer, Mitte) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) mit der neuen kriminaltechnischen Leiterin Corinna Haas (Fabienne Hadorn) am Tatort (Bild: SRF / Daniel Winkler)

Verhaftung: Aaron Hitz als Handwerker Andy Denzler (Bild SRF / Daniel Winkler)

Verhaftung: Aaron Hitz als Handwerker Andy Denzler (Bild SRF / Daniel Winkler)

Reto Flückiger (Stefan Gubser, mitte) wird von Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu) daran gehindert zuzuschlagen. (Bild SRF / Daniel Winkler)

Reto Flückiger (Stefan Gubser, mitte) wird von Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu) daran gehindert zuzuschlagen. (Bild SRF / Daniel Winkler)

Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) (Bild SRF / Daniel Winkler)

Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) (Bild SRF / Daniel Winkler)

Diskutieren das Profil des Serientäters (von links): Polizeichef Mattmann (Jean-Pierre Cornu), Profiler Bollag (Michael Finger) und die Leiterin Kriminaltechnik Corinna Haas (Fabienne Hadorn). (Bild SRF / Daniel Winkler)

Diskutieren das Profil des Serientäters (von links): Polizeichef Mattmann (Jean-Pierre Cornu), Profiler Bollag (Michael Finger) und die Leiterin Kriminaltechnik Corinna Haas (Fabienne Hadorn). (Bild SRF / Daniel Winkler)

Hat etwas zu feiern: Robert Rosic als Luc Seiler (Bild SRF / Daniel Winkler)

Hat etwas zu feiern: Robert Rosic als Luc Seiler (Bild SRF / Daniel Winkler)

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