TV: Fans versinken in dieser Welt

Ab heute zeigt RTL 2 die Serie «Game of Thrones». Die Komplexität der Erzählstruktur ist typisch für eine neue Seriengeneration. Und verlangt vom Zuschauer viel Engagement.

Arno Renggli
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Tyrion «Gnom» Lannister ist ein schlimmer Lüstling. Aber er hat auch Kultur, Intelligenz und ein gutes Herz.

Tyrion «Gnom» Lannister ist ein schlimmer Lüstling. Aber er hat auch Kultur, Intelligenz und ein gutes Herz.

«Game of Thrones», das ist: ein halbes Dutzend zentrale Schauplätze, ein Personal von über 30 Hauptfiguren plus Dutzenden von Nebenfiguren – und eine Story, die in bisher 30 knapp einstündigen Folgen nicht annähernd erschöpft, geschweige denn in der Nähe irgendeines Abschlusses ist. Denn der US-Autor George R. R. Martin ist mit seinen Büchern, die deutsch unter dem Titel «Das Lied von Eis und Feuer» erscheinen, der TV-Serie weit voraus und schreibt weiter und weiter.

«Normales» Publikum überfordert

Die Serie, welche meist in einer Art mittelalterlicher Shakespeare-Welt spielt und mit massiven Fantasy-Elementen angereichert ist, ist im Gegensatz zu den USA bei uns primär noch ein Onlinephänomen. Zwar hat RTL 2 die erste Staffel 2012 schon ausgestrahlt, aber grösseres Aufsehen erregte sie nicht. Vielmehr gewann sie in der Zwischenzeit übers Internet auch im deutschsprachigen Raum immer mehr Fans.

Man kann gespannt sein, ob sie nun auch beim etablierten TV-Publikum punkten wird. Einiges spricht dagegen: Dieses Publikum, maximal auf «Tatort»-Länge getrimmt, ist mit den neuartigen komplexen Erzählstrukturen, mit denen «Game of Thrones» prototypisch auch für andere neue Serien steht, rasch überfordert. Das riesige Personal und die unzähligen Nebenhandlungen erfordern viel Aufmerksamkeit nebst der Bereitschaft, viele Stunden zu investieren. Und bei echten Fans beschränkt sich diese nicht nur aufs blosse Schauen der Folgen, man partizipiert auch auf Onlineplattformen zur Serie, wo man weitere Hintergründe erfahren oder sich gar mit anderen Fans austauschen kann.

Ungewohnt ist für das klassische Publikum auch, dass in nützlicher Frist kaum je ein Handlungsstrang abgeschlossen wird, es geht immer weiter und weiter: Der Weg ist das Ziel.

Seifenoper, aber ...

Zwar ist «Games of Thrones» nichts anderes als eine Seifenoper, wie man es seit «Dallas» kennt und die es mit Produkten à la «Gute Zeiten – schlechte Zeiten» oder «Anna und die Liebe» auch in unseren Breiten zur Genüge gibt.

Aber die anspruchsvolle Erzählweise mit mehreren Ebenen ist eine andere Liga. Genauso wie etwa die technisch aufwendige Herstellung und die hochklassigen Dialoge, deren Distinguiertheit mit brutalen Gewalt- und offenherzigen Sexszenen kontrastiert. Ein Effekt, der gewollt ist und den man auch von anderen Serien wie etwa «Rome» kennt, die der US-Sender HBO produziert hat.

Ebenfalls erlesen ist die Besetzung mit ausdrucksstarken Darstellerinnen und Darstellern, die offenbar sehr sorgfältig gecastet worden sind. Mit Sean Bean kam sogar ein internationaler Kinostar zum Einsatz. Fast unbestrittener Liebling der Fans ist der kleinwüchsige Peter Dinklage als adliger Gnom, der nebst anderen Preisen einen Emmy und einen Golden Globe gewonnen hat.

Helden für jeden Geschmack

Die Stärke der Serie liegt auch darin, dass sich sehr unterschiedliche Sympathie- oder Antipathieträger anbieten, je nach persönlichem Geschmack. Dabei bleiben fast allen Figuren im Gut/Böse-Spektrum ambivalent und sind immer wieder für Überraschungen gut. Letzteres ist typisch auch für andere hochklassige Serien der letzten Jahre.

Der Kultcharakter wird gezielt verstärkt durch Schlüsselfolgen, in denen auch besonders gerne prominentes Personal «geopfert» wird. In der ersten Staffel stirbt am Ende eine zentrale Figur, was man kaum glauben kann. Und in der vorletzten Folge der 3. Staffel wird gleich eine Reihe Hauptpersonen gemeuchelt. Auf Youtube kann man entsetzte Reaktionen von Fans sehen, die beim Sehen just dieser Szene von schadenfrohen Kumpels gefilmt worden sind.

Sowohl der intellektuelle Anspruch als auch die Gewalt dürften beim klassischen TV-Publikum weiterhin eine Selektion vornehmen. Doch ein neueres Publikum, gestählt durch andere brillante Serien wie der mit Preisen überhäufte Hit «Breaking Bad», lässt sich das gerne gefallen. Es ist eine Generation, die auch durch Videogames gewohnt ist, sich ganz in komplexe virtuelle Welten hineinzugeben. Bei einem Spielfilm hingegen wird man nach rund zwei Stunden meist ohne grossen Nachhall wieder in die Realität entlassen.

Soll man das schauen?

Auch wenn andere aktuelle Topserien wie «Homeland» oder «House of Cards» dramaturgisch und psychologisch filigraner sind als «Game of Thrones», wo es auch recht archaisch zu und her geht: Die Qualität der Produktion ist bestechend. Die Frage ist trotzdem, ob man sich als TV-Zuschauer darauf einlassen soll. Der Zeitaufwand ist beträchtlich. Und ist man mal drin, kommt man schlecht wieder raus, weil eine gewisse «Suchtgefahr» besteht. Schade ist, dass RTL 2 «Game of Thrones» in der deutschen Synchronfassung ausstrahlt, wodurch ein Teil der wunderbar britischen Grundstimmung verloren geht.

Dagegen würde das Ausweichen aufs Internet oder auf DVD- bzw. Blu-Ray-Ausgaben helfen. Aber als Appetithäppchen kann die deutschsprachige Version ja schon mal dienen. Oder auch um festzustellen, dass man gut auf diesen Marathon verzichten kann. Wobei man als Fan nicht nur Kondition, sondern auch immer wieder Geduld braucht. Denn bis jeweils wieder eine neue Staffel erscheint, kann es gut und gerne ein Jährchen dauern.