TV-KRITIK: Schlauer als die Polizei erlaubt

Gestern Abend startete mit «Der Bestatter» die erste Schweizer Krimiserie seit Jahrzehnten. Dabei interessierte nicht zuletzt, ob Mike Müller als Held taugt.

Arno Renggli
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Hatten mal was miteinander: Kripobeamtin Giovanoli (Barbara Terpoorten) und Bestatter Conrad (Mike Müller). (Bild: PD/SRF)

Hatten mal was miteinander: Kripobeamtin Giovanoli (Barbara Terpoorten) und Bestatter Conrad (Mike Müller). (Bild: PD/SRF)

Lang ist es her, seit das Schweizer Fernsehen eine eigene Krimiserie produziert hat, von den sporadischen «Tatort»-Folgen mal abgesehen. In den 70er-Jahren ging Ruedi Walter in «Ein Fall für Männdli» erfolgreich und mit viel Humor auf Verbrecherjagd.

Gestern nun startete mit «Der Bestatter» eine neue Eigenproduktion.

Da ist etwas faul

Eine junge Frau eilt durch die dunkle Nacht. So beginnt die erste Folge. Und als gewiefter Krimizuschauer weiss man: Sie wird wohl nicht mehr lange leben. Zumal sie dann auch noch in ein Auto zu einem kaum sichtbaren Finsterling steigt und es dort zum Streit kommt.

In der Tat ist sie am nächsten Morgen tot, aufgefunden im Hühnerstall ihrer Familie. Der Arzt stellt Tod durch einen Asthmaanfall fest, das kann ja passieren. Der Bestatter Luc Conrad (Mike Müller) wird aufgeboten. Doch statt einfach seinen Job zu tun und die Leiche abzutransportieren, insistiert Conrad darauf, die Polizei zu alarmieren. Denn sein Instinkt sagt ihm, dass da etwas oberfaul ist. Warum sollte eine Asthmatikerin freiwillig und ohne ihren Spray in den stickigen Hühnerstall?

So ganz zufällig ist des Bestatters feines Näschen natürlich nicht. Denn Conrad ist ein Ex-Polizist, und die schmucke Kriminalbeamtin Giovanoli, die alsbald erscheint, war nicht nur seine frühere Kollegin, sondern auch – es liegt in der Luft – seine frühere Geliebte.

Klassische Zutaten

Man sieht: Die Serie «Der Bestatter» arbeitet mit bewährten Ingredienzen einer Krimireihe. Da ist der Protagonist, ein Sympathieträger mit Köpfchen und Vergangenheit, sein neuer Beruf bringt ihn nicht nur mit Leichen in Verbindung, sondern auch in die Nähe der heute im TV so beliebten Forensiker und Gerichtsmediziner. Und der Tod ist nicht nur ein Thema mit emotionalem, sondern auch schwarzhumorigem Potenzial.

Klassisch ist auch die Dramaturgie des ersten Falles. Der Held ist der Polizei fast immer einen Schritt voraus, was jener natürlich missfällt. Und er erhüllt als Tathintergrund nach und nach ein familiäres Beziehungsgeflecht, angereichert mit Externen wie einer militanten Tierschützerin oder einem skrupellosen Fleischhändler. Diese Figuren lösen sich im munteren Reigen als Hauptverdächtige ab. Dass am Ende die Täterschaft aufgrund einer kleinen Provokation alles ausplaudert, ist zwar nicht sehr glaubhaft, aber in Krimis relativ verbreitet.

Mysteriöser Cliffhanger

So ist das Ganze handwerklich gut gemacht, auch filmisch. Und mit ansprechenden Figuren garniert, zu denen etwa der junge Gruftie Fabio als Conrads neuer Praktikant gehört. Auch für einen fallübergreifenden Cliffhanger ist gesorgt. Angedeutet wird nämlich, dass das damalige Ausscheiden Conrads aus dem Polizeidienst einen mysteriösen Hintergrund um einen getöteten Kollegen hat. Davon wird man mit Sicherheit in den weiteren Folgen mehr erfahren.

Und Mike Müller? Seine letzten Schauspielauftritte waren ja nicht immer erfolgreich, wenn man etwa an «Tell» oder «Das Missen-Massaker» denkt. Und man fragt sich, warum er immer wieder engagiert wird, zumal man jeweils vor allem Mike Müller sieht, der Mike Müller spielt, der eine Figur spielt. Und hier gar noch in einer ernsten Rolle?

Für «Der Bestatter» tut er das einzig Richtige. Er hält sich zurück, reduziert sein Spiel, verzichtet auf grosse emotionale oder komödiantische Gesten. Und siehe da: Es funktioniert nicht schlecht. Klar sieht man immer noch Mike Müller, aber das passt zur Figur, passt zur auch leicht humoristischen Ausrichtung der Serie und ebenfalls dazu, dass man den Bestatter einfach sympathisch finden soll. Und das ist er ja zweifellos.

HINWEIS
«Der Bestatter» läuft jeweils am Dienstag, 20.05 Uhr auf SRF 1. Zweite Folge nächste Woche. Die erste Folge «Schweres Erbe» von gestern Abend wird am Freitag um 13.05 Uhr auf SRF 1 wiederholt.