Interview

Vor der Kamera ein «Show-Rössli», privat ein Auskunftsbüro: Die Ex-Quizshow-Moderatorin Susanne Kunz über ihr Leben nach A, B oder C

11 Jahre war Susanne Kunz, 42, das Aushängeschild der SRF-Quizshow «1 gegen 100». Im Interview erklärt sie, warum sie sich beim SRF noch mehr Frauen mit Ecken und Kanten wünscht, und verrät uns ihre Geheimwaffe gegen das Corona-Virus.

Julia Stephan
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Bild: Claudio Thoma, Zürich, 3. März 2020

Mit grosser Sonnenbrille und Velo trifft Susanne Kunz am Zürcher Bahnhof Enge ein. Eben noch hat sie in einem Pilates-Studio unterrichtet, jetzt nimmt sie im Sitzungsraum eines hippen Zürcher Coworking-Space Platz. Als sie den grünen Samtvorhang hinter sich zuzieht, ruft sie begeistert: «Der sieht ja aus wie ein Theatervorhang. Nur die Farbe, na ja ...».

Susanne Kunz, Sie kommen gerade vom Pilates-Studio. Es scheint, als habe die halbe Welt in der Kreativbranche einen Zweitjob im Fitnesscenter. Warum eigentlich?

Wir leben in einer verkopften Gesellschaft. Die Menschen werden krank, weil sie glauben, ihr Körper bestehe nur aus einem Kopf, der denkt. Zum Glück ändert sich das gerade. Der Körper ist etwas ganz Wunderbares. Wir haben ein Herz, das pumpt, einen Bewegungsapparat, mit dem man so viele Sachen machen kann.

Waren Sie in Ihrer Karriere selbst schon mal an einem Punkt, an dem Sie Pilates-Stunden dringend nötig hatten?

Ich habe wegen Rückenschmerzen ja erst zum Pilates-Training gefunden. Die Ausbildung zur Trainerin habe ich gemacht, weil man bei der Arbeit auf der Bühne oder vor der Kamera ständig im Draussen lebt. Ich hatte den Drang, mich mal wieder mit meinem inneren Kern auseinanderzusetzen.

Ist Moderieren schädlich für den Körper?

Das Leben im Schweinwerferlicht und vor der Kamera kann zu einer inneren Leere führen. Vor allem, wenn man sich nicht von Zeit zu Zeit mit seiner Seele beschäftigt. Ich habe gemerkt, dass man im Draussen nicht unbedingt besser wird, wenn man zu seinem Inners­ten keine Sorge trägt.

Ihr Abschied nach elf Jahren ­Moderation der Quizsendung «1 gegen 100» im vergangenen Dezember liegt schon eine Weile zurück. Fiel das Loslassen leicht?

Routine im Sinn eines Bürojobs hatte ich beim SRF nie, weil ich projektbezogen gearbeitet habe. Faktisch war das viel weniger Arbeitszeit, als das von aussen aussah. Ich habe das SRF also nicht verlassen, sondern lediglich eine Sendung, und werde vielleicht wieder mal fürs Fernsehen arbeiten. Momentan möchte ich mich aber auf die Schauspielerei konzentrieren.

Bild: SRF

Sie haben über 20 Jahre im Schweizer Fernsehen moderiert. Muss oder kann man als Frau heute anders auftreten als früher?

Ich wollte nie diesem Klischee einer Moderatorin entsprechen, die mit schönen, wallenden, blonden Haaren und gemachten Nägeln vor der Kamera steht. Das war auch dem Fernsehen von Anfang an klar. Darum wusste man beim SRF auch genau, worauf man sich einliess, als man mich engagierte. Ich selbst würde mir wünschen, dass Frauen noch mehr für ihre Ecken und Kanten einstehen.

Ihre wechselnden Frisuren wurden in den Medien als Akt der Rebellion interpretiert. Stimmt das?

Ich bezweifle, dass meine wechselnden Frisuren als eine Form von Rebellion betrachtet wurden. Auf jeden Fall kamen die bei den Zuschauern gut an. Ich wollte überraschen mit verschiedenen Looks, und es war für meine Visagistin und mich einfach auch immer ein grosser Spass, neue Frisuren zu kredenzen. Ein Spiel, eine Lust an der Veränderung und eine Rebellion gegen die gängige Stereotypisierung.

Viele Moderatorinnen haben schon vor Ihnen die Frisur gewechselt. Warum fiel es bei Ihnen besonders auf?

Ich werte das als ein Zeichen des Rückschritts. Wenn jede Form des individuellen Ausdrucks als Rebellion gedeutet wird, heisst das, dass die Moderatorin von heute wieder schönes, langes Haar haben muss. Ich finde es sehr befremdlich, dass man in der Schweiz mit einem individuellen Look sofort zur Rebellin wird.

Susanne Kunz in der Rolle einer Obdachlosen in einer «Bestatter»-Folge.

Susanne Kunz in der Rolle einer Obdachlosen in einer «Bestatter»-Folge.

Bild: SRF

Ein Bekannter von mir meinte mal, Sie seien so unschweizerisch. Was könnte er damit gemeint haben?

Ich habe keine Angst davor, anderen nicht zu gefallen. Ich sehe meinen Moderatorenjob als Rolle und habe immer darauf geachtet, dass ich meine Freunde ausserhalb des Fernseh- und Promiklüngels behalte. Das gibt mir Freiheiten, eine gewisse Lockerheit vor der Kamera. Denn die Figur, die da durchs Programm führt, ist nur ein Teil von mir.

Die lockere Schweizerin ist für viele Ausländer tatsächlich ein Widerspruch!

Es gibt in unserem Land genug Menschen mit einem Stock im Arsch. Diese Tendenz, zuerst zu überlegen, was andere von dir denken, bevor du agierst. Daraus entsteht so eine Verhaltenheit und Verknorztheit. Es gibt in der Schweiz eine grosse Hemmschwelle, mit anderen spielerisch einfach mal in Kontakt zu treten. Man hat das Gefühl, es müsse sofort etwas Ernstes daraus entstehen. Aber man kann sich ja einfach nur mal begegnen, sei es im Tram oder in der Migros.

Ist die private Susanne Kunz total anders?

Im Showbusiness, vor der Kamera, bin ich das Show-Rössli, und das darf abseits der Kamera auch mal lahmen oder müde sein. Es wäre schaurig anstrengend, wenn ich zu Hause das Nachtessen anmoderieren müsste. Ich habe eine sehr ernsthafte Seite und glaube, dass es diese Polarität braucht.

Die Spontane


 Susanne Kunz (42) startete ihre Fernsehkarriere 1997 in der SRF-Jugendsendung «Oops!». Sie moderierte jahrelang Quizsendungen (u. a. «Eiger, Mönch und Kunz», «1 gegen 100» (bis 2019) und schrieb zwei Soloprogramme, mit denen sie durch die Schweiz tourte. Bis Ende März steht die ausgebildete Schauspielerin in der Komödie «Die Wunderübung» auf der Bühne des Turbine Theaters in Langnau a. A. Im Sommer folgt ein Engagement auf einer Freilichtbühne. Susanne Kunz ist verheiratet und lebt mit ihren zwei Kindern und ihrem Mann in Zürich. (js)

Haben Ihre Kinder Sie eigentlich nie mit Quizfragen am Frühstückstisch eingedeckt?

Die fragen mich: «Wo sind meine Socken?» «Wo sind meine Schuhe?» «Wo ist mein Schlüssel?» Manchmal komme ich mir vor wie in einem Auskunftsbüro. Bei uns zu Hause gibt es kein A, B oder C, sondern da kommt von mir dann jeweils ein sehr bestimmtes: «Such es selbst!» (lacht)

Sie wirken quirlig, experimentierfreudig und spontan. Zugleich waren Sie in Ihrer bisherigen Karriere sehr geradlinig. Wie erklären Sie sich das?

Das liegt daran, dass mein Sicherheitsbedürfnis sehr gross ist. Nach der Geburt meiner beiden Kinder gaben mir diese Jobs Sicherheit und halfen mir, meine Bühnen-Soloprogramme querzufinanzieren. Man kann mir vorwerfen, dass ich Sendeformate angenommen habe, zu denen man vielleicht auch mal hätte Nein sagen können. Ich bin da jeweils einfach reingehüpft. Für meinen ersten Moderatorinnenjob in der Jugendsendung «Oops!» habe ich sogar die Schule abgebrochen – das Pilates-Lehrerdiplom ist tatsächlich das einzige Diplom, das ich besitze! (lacht) Aber es hat mir eben auch immer unglaublich Spass gemacht, ich hatte ein tolles Team und liebte das, was ich tue. Aber jetzt war ich lange genug in der Komfortzone. Ich musste mal raus.

Bild: SRF

Eine Rückkehr ins Fernsehen wäre denkbar?

Auf jeden Fall! Mein nächstes Fernsehprojekt müsste aber definitiv mehr mit mir selbst zu haben. Es müsste so ein Herzblutformat sein.

Sie haben mal gesagt, Sie seien ein introspektiver Mensch. Wie äussert sich das?

Ich möchte als hoffentlich alte Frau sterben und nicht das Gefühl haben, ich sei die Gleiche wie noch mit Anfang zwanzig. Ich denke gerne über das Leben nach, möchte wachsen. Bevor ich mit «1 gegen 100» aufhörte, habe ich mir die Frage gestellt, wohin mein Weg nun weitergehen sollte. Dieses ständige Infragestellen meiner Lebensumstände ist anstrengend. Ich wäre manchmal gerne einfach zufrieden mit dem, was ist. Andererseits hat mich diese Lust nach Veränderung auch vorangebracht.

Im Turbine Theater in Langnau am Albis spielen Sie in der Komödie «Die Wunderübung» eine Frau in Paartherapie. Streiten Sie auch gerne privat um das letzte Wort?

Streiten? Natürlich! Es war sehr lustvoll, in den Sätzen, die ich auf der Bühne spreche, auch ein Stück weit mich selbst zu erkennen. Auch ich steckte schon in Lebensphasen, in denen man sich nur noch Vorwürfe macht – was ja nichts bringt! Ich glaube, alle Frauen erkennen sich in meiner Figur wieder. In dieser Ohnmacht und gleichzeitig in dieser zu harten Aggressivität. Es gibt sie halt wirklich, diese Geschlechterunterschiede. Ich denke, es würde was bringen, wenn man als Paar von Anfang an zweimal im Jahr in ein Seminar für Beziehungspflege gehen würde (lacht). Die meisten Menschen, die ich nach den Vorstellungen treffe, meinen zu mir: «Uff, bei uns zu Hause ist es fast noch schlimmer.»

Susanne Kunz in ihrer Bühnenshow «Elsbeth! Eine Tischbombe reitet aus».

Susanne Kunz in ihrer Bühnenshow «Elsbeth! Eine Tischbombe reitet aus». 

Bild: PD

Sie wollen künftig wieder mehr auf der Bühne stehen. Beunruhigt es Sie, dass Frauen in Ihrem Alter im Theaterbereich zum alten Eisen gehören?

Es kann nicht sein, dass Frauen ab 40, nur weil sie in der Welt männlicher Regisseure als «unfuckable» gelten, keine Rollen mehr bekommen. Zum Glück scheint sich da gerade einiges zu bewegen. Als ich beim Jugendformat «Oops!» angefangen habe, sagte man mir, ich sei zu dick. Später meinte man, ich sei nicht schön genug, um Moderatorin zu sein. Zum Glück habe ich mich nie um solche Sachen gekümmert. Ich muss mit dem arbeiten, was ich habe und was ich bin. Ich bin jetzt 42, und es wird Rollen geben für mich.

«Jeder ist seines Glückes Schmied»: Trifft das zu oder ist das eine Überbewertung der menschlichen Einflussnahme?

Ich finde, dass man sehr viel selbst steuern kann. Das heisst aber nicht, dass, wenn man einen Entscheid fällt, die harte Zeit nicht trotzdem kommt. Wer das Glück selbst schmiedet, muss trotzdem durch eine harte Arbeitsphase. Generell kann es schon helfen, öfter mal Nein zu sagen. Wenn man in seinem Job nicht wertgeschätzt oder gar gedemütigt wird, sollte man gehen. Ich habe aber gut reden. Ich bin in einem gesunden Umfeld aufgewachsen, habe ganz viel Liebe und Grundvertrauen mit auf den Weg bekommen. Da hat man es wohl etwas leichter.

Apropos Corona-Virus: Horten Sie Lebensmittel?

Ich habe keine Angst. Vor einem halben Jahr habe ich bei einem Online-Supermarkt aus Versehen 64 Kilo Spaghetti bestellt. Keine Ahnung, wie das passiert ist. Meine Kinder machten riesige Augen, als die Lieferung bei uns ankam und fragen mich, was ich damit vorhabe. Die Spaghetti laufen erst Ende 2020 ab. Ich glaube, ich bin safe! (lacht)