Tanzperformance im Südpol: Über die Faszination des Bösen im Guten

In ihrer ersten gemeinsamen Produktion untersuchen die Tänzerin Deborah Gassmann und der Musiker Hans-Peter Pfammatter das fragile Terrain zwischen Gut und Böse – verkörpert durch die Musik und den schwarzen Schwan.

Pirmin Bossart
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Szene aus einer Probe im Südpol mit Deborah Gassmann und Hans-Peter Pfammatter.

Szene aus einer Probe im Südpol mit Deborah Gassmann und Hans-Peter Pfammatter.

Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 10. Januar 2020)

Der Mensch lebt nicht vom ­Guten alleine. Das Böse ist allgegenwärtig. Ja, das Böse scheint die heimliche Lust des Menschen zu sein. Man braucht sich nur vor Augen zu führen, wie der Homo sapiens auch in seiner aufgeklärtesten Variante des Existierens sich von hämischen und bösartigen Gedanken und Taten faszinieren lässt. Oder wir erinnern uns an den Begriff des «Gutmenschen», dessen verächtlicher Beigeschmack gerade in rechtschaffenen Politikerkreisen zum salonfähigen Ausgrenzungsmerkmal geworden ist.

Die Dialektik des Guten und des Bösen durchzieht auch «Black Swan» von Deborah Gassmann und Hans-Peter Pfammatter. Im Stück wird das Böse durch eine Art schwarzen Schwan verkörpert, das Gute durch die Musik. «Der schwarze Schwan steht für das Ungute, das Störende, das Perfide, das beim Guten ständig dazwischenfunkt und die Harmonie aus dem Lot bringen will», sagt Gassmann.

Text steigert die Befindlichkeiten

Die Tänzerin wird in ihrer Performance einen Text von Christoph Fellmann einsetzen, der sich von einem Kernsatz des britisch-marxistischen Literaturtheoretiker Terry Eagleton hat inspirieren lassen, welcher lautet: «Das Böse ist heute so verführerisch, weil das Gute so langweilig geworden ist.» Im Stück entwickelt sich zwischen dem Guten und dem Bösen ein sukzessives Ringen, das auf beiden Seiten zu Rückschlägen, aber auch zu neuen Strategien führt. Das Böse sucht die Oberhand zu gewinnen, das Gute versucht, standzuhalten. Der heftige Text steigert die Befindlichkeiten. Eine spannende Ausgangslage, von der nicht verraten werden soll, wohin sie führt.

In Düsseldorf entstanden

Natürlich hat sich Deborah Gassmann intensiv mit der Körperlichkeit ihrer Figur befasst. «Wie drückt das Böse seine Eigenarten aus? Was sind seine Bewegungen? Wie reagiert es auf die Strategien des Guten? Hat es Humor? Und welchen?» Parallel dazu hat Hans-Peter Pfammatter den Sound kreiert, in dem er barockes Material und Elektronik verarbeitet. Das gleichzeitige Entstehen macht Sinn und ist die heimliche Stärke des Stücks, lebt es doch von dieser kontinuierlichen Dynamik, mit der das Böse das Gute infiltriert. Der schwarze Schwan beschäftigt die Luzerner Tänzerin schon lange. Vor über zehn Jahren arbeitete sie in Düsseldorf mit dem Choreografen Ben J. Riepe. «Bei einer Improvisation zum Thema ‹Schwanensee› begann ich, mich mit der Figur des schwarzen Schwans auseinanderzusetzen.» Die Figur hat sie auch nach ihrer Rückkehr in die Schweiz 2012 begleitet.

Doch erst jetzt hat Deborah Gassmann zusammen mit dem Musiker Hans-Peter Pfammatter daraus ein eigenes Stück erarbeitet. Erste Einblicke in den Entstehungsprozess waren im Mai 2019 im Kleintheater Luzern und im Rahmen eines Residenzshowings im Herbst 2019 im Südpol zu erleben.

Den Musiker Hans-Peter Pfammatter ins Spiel gebracht hat die Luzerner Theaterschaffende Annette von Goumoëns. Sie ist bei «Black Swan» für die Produktionsleitung zuständig und auch als künstlerische Mitarbeiterin involviert. Sie frohlockt: «Ich habe immer geahnt, dass Gassmann und Pfammatter ein kongeniales Gespann wären, um ein Stück auf hohem Niveau zu kreieren. Ich habe mich nicht getäuscht. Die Produktion ist ­extrem viel versprechend. Sie hat bei jedem Durchlauf wieder etwas Unvorhersehbares.»

Vermehrt auf der Theaterbühne

Pfammatter gehört zu den besten Jazz- und Improvisationsmusikern der Schweiz. Er ist nicht nur ein exzellenter Pianist und Keyboarder, sondern besticht auch durch seinen kreativen Umgang mit der Elektronik. Seit ihn Annette von Goumoëns vor drei Jahren für ihre Produktion «Anatomie der Angst» gewinnen konnte, hat er schon in mehreren Produktionen der freien Luzerner Theater- und Tanzszene mitgewirkt. Auch mit dem Zürcher Ensemble Metanoia hat er schon Bühnenproduktionen erarbeitet.

«Tanz und Bewegung sind für mich als Musiker extrem ­inspirierend», sagt Hans-Peter Pfammatter. «Wenn sich Musik öffnet und spartenübergreifend eingesetzt wird, ist das sowieso spannend.» Nicht minder gespannt sind wir, wie er beim «Black Swan» musikalisch «das Gute» umsetzt. Vielleicht ist es einfach (sau)gute Musik.

Südpol, 15. Januar 2020, 20 Uhr (Premiere). Weitere Vorstellungen: 17. Januar (20 Uhr) und 18. Januar (18 Uhr). 28. März, 20 Uhr, Vorstellung im Chäslager Stans