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Sophie Hunger: «Ich habe mir ein kleines Gefängnis gebaut»

Neuer Wohnort, neuer Lebensentwurf und ein neuer Sound. Sophie Hungers kleine Welt ist kollabiert. Ihr neues, technoides Werk «Molecules» klingt nach Bruch und Umbruch.
Interview: Stefan Künzli
Die 35-jährige Sängerin Sophie Hunger hat in Berlin, wo sie seit drei Jahren wohnt, den Techno entdeckt. (Bild: Marikel Lahana)

Die 35-jährige Sängerin Sophie Hunger hat in Berlin, wo sie seit drei Jahren wohnt, den Techno entdeckt. (Bild: Marikel Lahana)

Wie viele andere Schweizer Künstler lebt die Musikerin Sophie Hunger seit drei Jahren in Berlin. Die 35-Jährige hat aber noch eine Wohnung in Paris und in Zürich. Für die Promotion ihres neuen Albums ist sie zurück in die Schweiz gereist. Während des Interviews sitzt sie entspannt in einem Zürcher Restaurant und erzählt offen und gescheit über ihre Vorstellungen von Musik, der Welt und Frauen.

Sophie Hunger, Sie haben sich in Ihrer Karriere immer wieder neu erfunden. Aber noch nie so radikal wie jetzt. Weshalb?

Ich verliebte mich in jemanden, der gerne Techno hört. Da begann die Dissidenz. Das führte dazu, dass ich dauernd in diese Clubs musste. Plötzlich war ich selber angefixt. Ich kaufte einige Synthis, machte in den USA eine Ausbildung für Aufnahmetech­-nik am Computer. Meine bisherigen Instrumente ödeten mich an, und ich wollte auch keine Band um mich haben. Am Ende zerbrach das alles, und in dieser labilen Stimmung bin ich dann ins Studio gereist. Das war eine zerbrech­liche Zeit, man denkt, man hat alles eingetütet, und dann muss man seine sieben Sachen packen und wieder von vorne beginnen.

Das klingt nach viel Druck. Hat sich das auch im Studio bemerkbar gemacht?

Möglich. Ich hatte seltsame Intonationsprobleme. Das kannte ich bisher nicht. Für eine Sängerin ist das eine ganz blöde Sache. Roger Federer hat doch mal den Schläger gewechselt, dann konnte er eine Weile nicht mehr richtig treffen. Das hat die Nation an den Rand des Wahnsinns getrieben. Da sind ihm die Bälle nur so um die Ohren geflogen. So ungefähr kam mir das vor, abzüglich der nationalen Empörung natürlich.

Im Song «She Makes President» geht es konkret um Präsident Trump, oder noch mehr um das Verhalten der Frauen bei Wahlen.

Ich hörte eine Radiosendung, in der darauf hingewiesen wurde, dass die Frauen das Zünglein an der Waage spielen würden bei der Präsidentenwahl. Die Moderatorin sagte «she makes president». Ein Songtitel wie auf dem Silbertablett serviert. Zunächst war es ein schnelles, fröhliches, hoffnungsvolles Lied. Und dann kam die Wahlnacht. Da ging das nicht mehr, das wurde dann nachträglich verdüstert. «She Makes President» ist zum Porträt einer Frau der Zukunft geworden, nicht mehr der Gegenwart.

Sie hoffen auf die Frau der Zukunft?

Ich hoffe das auch für die Männer. Eine egalitäre Gesellschaft ist auch eine glückliche Gesellschaft. Das ist ja das Problem des Feminismus, dass es die Männer braucht. Aber nicht als kulante Unterstützer, sondern als Profiteure. Männer leiden ja auch im Patriarchat, weil es in dieser Welt nur den einen Typus gibt. Dabei sind nur wenige Männer tyrannische Machos oder Patriarchen. Das Patriarchat hat vielleicht sogar gar nichts mit dem Geschlecht zu tun. Es ist im Grunde Klassenkampf. Deshalb ist das Wort Feminismus manchmal nicht hilfreich, weil es ein bisschen sexistisch ist, weil es die Männer im Wort ausschliesst.

Das neu Album: Minimal Electronic Folk

Sophie Hunger (35) hat sich in die Welt der Computermusik gestürzt. Zunächst wollte sie ihre akustische mit der synthetischen Welt verbinden. Wie etwa im Prototyp «Sliver Lane», wo die akustische Gitarre die Basis bildet. Doch sie ist auch weiter gegangen. Kopfüber ist sie eingetaucht in die neue Welt und hat mit Vertrautem gebrochen. Geblieben sind nur ihre markante Stimme und gewisse melodische Elemente. Das erfordert Mut, vor allem wenn man ein Erfolgsrezept einfach so über Bord wirft. Klar, elektronische Sounds gelten gerade als hip, aber Hunger rennt auf «Molecules» nicht einem imaginären Zeitgeist hinterher. Ihr Interesse gilt vielmehr der Computermusik in seiner ganzen Vielfalt und Geschichte. «Tricks» etwa klingt nach billigem Synthie-Pop der 80er-Jahre, andere Songs erinnern an Jean-Michel Jarre der 70er. Hunger ist fasziniert vom Klang der Maschinen, auch von ganz Alten. Sie spielt mit Maschinen und Sounds und versucht einen eigenständigen Sound zu entwickeln. «Molecules» ist weniger zugänglich als die Vorgängeralben. Man muss sich reinhören. Die Songs gewinnen aber nach mehrmaligem Hören. Und doch: Der beste Song ist «Cou Cou», ein relativ konventioneller, aber typischer Hungers-Song. (sk) Erscheint am 31. Aug.

Sind Sie keine Feministin?

Natürlich. Das nimmt auch zu. Heute sehe ich Sachen, die mir früher nie aufgefallen sind. Es ist eine Tatsache, dass Frauen in der Öffentlichkeit nicht angemessen vertreten sind und weniger Geld verdienen, obwohl sie aufgrund der Mutterfunktion das schwächste Glied sind im System.

Auf Ihrem neuen Album «Molecules» wenden Sie sich der elektronischen Musik zu und klingen so technoid wie noch nie. Weshalb?

Ich nenne es «Minimal Electronic Folk». In Berlin, wo ich auch wohne, gibt es keine grosse Bandszene. Es dominieren DJs und Computermusik. Ich habe mich in diese elektronische Welt gestürzt. Schliesslich hatte ich bei «Molecules» Lust, mir ein paar Regeln zu setzen.

Welche denn?

Ich wollte nur vier Elemente benutzen: Synthesizer, programmierte Beats aus dem Drum-Computer, Stimme und Gitarre. Und dass ich hauptsächlich Englisch singe. Ich habe mir ein kleines Gefängnis gebaut.

Ein Gefängnis? Klingt schrecklich.

Ich neige dazu, mich zu verzetteln und ein Hans Dampf in allen Gassen zu sein: mal Jazz, mal Chanson, mal Pop. Wenn man böse sein will, kann man sagen, mein bisheriger Stil war ein bisschen unverbindlich. Also habe ich Dogmen aufgestellt.

Sehr diszipliniert. Woher kommt das?

Vielleicht eine kleine Erbkrankheit meiner protestantischen Herkunft? Wenn ich drei Tage nichts gemacht habe, bekomme ich Schuldgefühle. Das ist so ein Reflex, den man schwer überwinden kann. Die Angst vor dem Verlumpen. Ausserdem, ganz ehrlich, ich mach ja sonst nichts im Leben, mit irgendwas muss man die Tage füllen, um nicht den Verstand zu verlieren.

Die meisten Musiker suchen ihren ganz eigenen Sound, und wenn sie ihn gefunden haben, bleiben sie dabei. Sie sind anders. Weshalb?

Mir gefällt die Vorstellung, immer wieder neu anzufangen. Es entfacht bei mir ein Feuer. Und irgendwie erwarte ich auch von mir, dass ich künstlerisch interessant bleibe.

Wenn etwas erfolgreich ist, wollen Plattenfirmen, dass man dieses Erfolgsmodell wiederholt. Gab es das bei Ihnen nicht?

Doch, doch, es kommt halt drauf an, mit wem man redet (lacht). Einige sind überzeugt, dass, wenn ich eine Norah Jones-Platte machen würde auf Deutsch, wir uns alle ein Haus am See bauen könnten. Aber das kann ich gar nicht, ich muss meinem eigenen Ärger folgen.

Wie wichtig ist Ihnen denn die Schweiz noch?

Die Schweiz ist meine Heimat und deshalb sehr wichtig. Hier habe ich meine Karriere gestartet, wurde unterstützt und habe Benzin getankt für alles, was folgte. Dafür bin ich ewig dankbar. Ich habe das auch immer als Vorteil empfunden, als Schweizerin aus der Peripherie in die Popwelt vorzudringen. Ich habe diese maximale Sehnsucht gebraucht.

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