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Umarmung durch den Tanz: Das Luzerner Theater animiert Glucks Orpheus-Oper

Erstmals hatte am Samstag am Luzerner Theater eine Oper mit dem ganzen Tanzensemble Premiere. Aber Glucks «Orfeo ed Euridice» hat viele magische Momente, weil hier alle in wechselnden Hauptrollen spielen.
Urs Mattenberger
Auch in dieser Unterwelt gibt es kein glückseliges Vergessen. Euridice (Diana Schnürpel) als Supermarkt-Angestellte. (Bild: LT/Gregory Batardon)

Auch in dieser Unterwelt gibt es kein glückseliges Vergessen. Euridice (Diana Schnürpel) als Supermarkt-Angestellte. (Bild: LT/Gregory Batardon)

Gleich zu Beginn sind wir Auge in Auge mit der Hölle. In die weisse Wand auf der Bühne ist eine kreisrunde Öffnung eingelassen: ein riesiges Loch, ein Auge, das den Blick freigibt in eine schwarze Unterwelt. Wir erahnen es an den unzähligen Fingern, die von hinten den Rand der Öffnung abtasten: auf der Suche nach Halt, um wieder ins Leben hervorzukriechen, wie es Euridike im antiken Mythos auf Orpheus’ Bitte hin vergönnt war? Oder krallen sie sich ein letztes Mal fest vor dem Fall ins bodenlose Nichts?

Es ist eines von vielen starken Bildern in der Inszenierung von Christoph Willibald Glucks «Orfeo ed Euridice», bei der am Luzerner Theater – erstmals in einer Oper – das ganze Tanzensemble mitwirkt. Und dass die 13 Tänzerinnen und Tänzer hier und immer wieder Teil des von ihnen animierten Bühnenbildes sind, zeigt, wie gleichberechtigt der Choreograf Marcos Morau sämtliche Mittel zusammenführt.

Über Ohrwurmqualitäten hinaus

Da spielen alle Hautprollen wie vom ersten Ton der Ouvertüre an das Luzerner Sinfonieorchester. Unter der Leitung von Gastdirigent Alexander Sinan Binder verleiht es mit intensiv gespanntem Klang und pointierter Artikulation Glucks Musik über alle Ohrwurmqualitäten hinaus eine fast schmerzhafte emotionale Kraft.

Allein schon musikalisch lohnt sich also dieser Abend – auch wegen der weiblichen Solistinnen: Gastsängerin Abigail Levis drängt diesen Orfeo, wenn er in der Unterwelt Euridice zurückgewinnen will, impulsiv, mit zuweilen erregtem Vibrato, über das Schlichtheits-Ideal von Glucks Musik hinaus. Ensemble-Mitglied Diana Schnürpel, die bisher vor allem als Koloratur­sopran brillierte, verhilft mit expressiv-warmer Stimme Euridice zu einem Leidenspathos, das sich auch darstellerisch ohne Übertreibung in den Distanz schaffenden Rahmen dieser Inszenierung einfügt. Eine Sonderrolle bekommt auch der Chor. Er mischt sich im ersten Akt unters Publikum und in der zum Supermarkt umgedeuteten Unterwelt (vgl. Interview mit dem Choreografen am Freitag) unter die Tänzer

Diesen fällt insofern eine Sonderrolle zu, als sie gleich in mehreren Hauptrollen wichtig sind. Selbst als bewegtes Bühnenbild sind sie weit mehr als Dekoration. Das zeigt schon der erste Akt, in dem das Tanzensemble in folkloristischen Kostümen die Totenklage für Euridice in ein blumiges Bekenntnis zum Leben verwandelt. Da verbinden sich in den eng verschlungenen, sich wellenförmig ausbreitenden Körperbewegungen, die ein choreografisches Markenzeichen von Morau sind, die Arme der Tänzer zu Riesenschlangen: Diese verweisen auf den Schlangenbiss, der Euridice getötet hat, stehen aber vor allem für energetische Verbindungen, die alles mit allem verbinden – ein weiterer magischer Moment.

Der Tanz gibt auch dem Supermarkt-Hades, der mit seiner raumhohen Regalwand und Kühlfächern für «glückseliges Vergessen» (Euridice) steht, zu unerwarteter Suggestivkraft. Schon die Verlebendigung dieses sterilen Raums durch die vorzüglichen, hier auch mal solistisch hervortretenden Tänzer ist ein Ereignis, wenn sie aus den weissen Aschebehältern immer wieder neue Szenarien bauen und diese schliesslich spektakulär einstürzen lassen.

Fragmentierung und grosse Wellen

Aber der Tanz bekommt hier als «Brücke zwischen den Protagonisten» (Morau) noch ein andere Funktion. Die Fragmentierung der Bewegungen der Tänzer und ihre wellenförmige Verkettung und Ausbreitung zeichnet zwischen Orfeo und Euridice deren Ängste und Hoffnungen dramatisch nach – bis hin zur riesigen, aber sich auflösenden Umarmung durch die kollektiven Schlangenarme aus dem ersten Akt.

Am wenigsten überzeugt die dritte Funktion des Tanzes, wenn Morau musikalische Gesten durch tänzerische Bewegungen illustriert und Verzierungen in Rotation oder Verzweiflung in spastisch zuckende Bewegungen übersetzt. Das mag als Aktualisierung von Glucks Musik gedacht sein, lenkt aber vor allem von dieser ab. Mit gutem Grund pausiert der Tanz deshalb, wo Euridice – wieder – stirbt: Auch das ist in dieser ganzheitlichen Inszenierung ein magischer Moment nicht nur für Opern- oder Tanzfans.

Vorstellungen bis 14. Juni. www.luzernertheater.ch

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