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Unbekümmert ins Abenteuer

Auswanderinnen In seinem neuen Roman erinnert Daniel de Roulet an ein anderes Kapitel Schweizer Geschichte. Im 19. Jahrhundert wanderten viele Menschen nach Übersee aus, unter ihnen «zehn unbekümmerte Anarchistinnen». Damals erlebte das St.-Imier-Tal einen wirtschaftlichen Aufschwung, der mit Namen wie Breitling, Longines oder Heuer verbunden war. Es gab viel Arbeit, so dass auch Frauen einen Beruf erlernten. Doch in Zeiten der Krise wurden diese gerne als erste entlassen. Das veranlasste 1873 zehn junge Frauen, der Heimat den Rücken zu kehren und in Patagonien das Glück zu versuchen. Sie träumten von einem freien und selbstbestimmten Leben. Zum Zeichen ihrer Verbundenheit führte jede von ihnen eine identische «Zwiebeluhr» mit sich.

Wie beim Abzählvers waren es bald nur noch acht. Colette und Juliette, zwei verliebte Uhrmacherinnen, waren vorausgegangen und hatten dafür mit dem Leben bezahlt. Dies schreckte die anderen acht freilich nicht ab, sich gleichfalls einzuschiffen. Eine von ihnen war Valentine Grimm, die Erzählerin der Geschichte. Sie hatte ein «grünes Tagebuch» geführt. Aus der ­Erinnerung erzählt sie, wie die Gruppe zuerst die Unwirtlichkeit im südchilenischen Punta Arenas übersteht, dann auf die sprichwörtliche Robinson-Insel gelangt und zuletzt in den sozialen Moloch von Buenos Aires eintaucht. Sie wären nicht so weit gekommen, wären sie einander nicht bedingungslos beigestanden. Selbst Männer konnten keine Zwietracht unter ihnen säen. Ihre anarchistische Überzeugung war nicht ideologisch begründet, sie entstand vielmehr aus dem persönlichen Bedürfnis nach Freiheit und Solidarität.

Die Riege der acht unbekümmerten Frauen verkleinerte sich immer mehr. Die eine blieb in Punta Arenas hängen, eine andere starb an Cholera. Schliesslich wurde Mathilde bei einer De-monstration von der argentinischen Polizei erschossen. Nur die zehn Zwiebeluhren blieben beisammen, zuletzt lagen sie in einem Tresor in Buenos Aires. Sie stehen für den unverbrüchlichen Zusammenhalt der Frauen. Dieser spiegelt sich auch in Valentines Erzählung. Sie wählt dafür die spezielle und anfänglich etwas ungewohnte Form der Wir-Rede. «Wir, Valentine, die letzte der zehn Emigrantinnen, müssen uns allein an die Arbeit machen», um stellvertretend zu berichten, «was es kostet, die Welt neu zu erfinden». Valentine erzählt geradlinig und ungerührt, was sie «eine Art politisches Testament» nennt. Daniel de Roulet diktiert seiner Heldin nichts künstlich in die Feder. So rührt sein Roman eine eindrückliche Episode der Schweizer Geschichte neu auf.

Beat Mazenauer, sfd

Daniel de Roulet, Zehn unbekümmerte Anarchistinnen, Limmatverlag, 183 S.

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