Und plötzlich ist der Sitzplatz weg: Die Compagnie Trottvoir lädt im Krienser Südpol zu einem interaktiven Stück 

Die Compagnie Trottvoir benutzt einen Raum voller Stühle, setzt Menschen darauf und lässt es geschehen. Eindrücke von der Premiere im Krienser Südpol.

Pirmin Bossart
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Die Compagnie Trottvoir schiebt und schichtet Stühle und lässt sie schwungvoll über den Boden sausen.

Die Compagnie Trottvoir schiebt und schichtet Stühle und lässt sie schwungvoll über den Boden sausen.

Bild: Kezia Zurbrügg

Kaum ist die Türe geöffnet, finden sie einander, Stuhl und Mensch, bunt und individuell. Innert wenigen Minuten sitzen in der Grossen Halle 107 Menschen auf Stühlen. 100 Besucher und die sieben Performerinnen und Performer: Valeria Stocker, Clara Gil, Julian Vogel, Josef Stiller, Savino Caruso, Laurence Felber und Jannick Lüthi.

Ein Countdown ist im Gang. 100, 99, 98, 97, 96... Die Performer schalten bedeutungsschwangere Sätze dazwischen. «Weisst du, wo dein Platz ist?» – «Denkst du im Stehen anders als im Sitzen?» – «Könntest du dir ein Leben ohne Sitzen vorstellen?» Immer wieder beginnt der Countdown von Neuem. Geht das jetzt ewig so weiter? 65, 64, 63, 62, 61... «Würdest du um deinen Platz kämpfen?» – «Macht dich Sitzen passiv?»

Spannung hält bis zum Stuhl-Skulptur-Finale

Eine entscheidende Frage findet sich schon im Titel des Stücks. «Und wenn du aufstehen würdest?» Eine Frage, die man sich an diesem Abend als Publikum mehrmals stellt. Warum nicht einfach aufstehen, herumgehen, jemandem den Stuhl streitig machen, ein wenig herumlärmen? Aber man ist ja Publikum und lässt sich etwas vorführen. So bleiben alle sitzen und sind erwartungsvoll offen für das, was kommt. Diese Spannung aufzubauen, und sie ohne Storyline bis zum Stuhl-Skulptur-Finale halten zu können, das gelingt der Compagnie Trottvoir locker.

Am Ende wächst ein regelrechter Stuhlbaum in die Höhe.

Am Ende wächst ein regelrechter Stuhlbaum in die Höhe.

Bild: Kezia Zurbrügg

«Und wenn du aufstehen würdest?» ist eine Trottvoir-spezifische Spiellust-Mischung aus Performance und Installation. Sie setzt die Schlichtheit als Mittel ein, streut einzelne Sätze dazwischen, lässt das Publikum Gelassenheit üben und rennt auch mal mit leuchtenden Schuhsohlen im dunklen Saal herum. Vor allem dynamisiert sie das Publikum. Die Zuschauerinnen und Zuschauer müssen sich nicht einmal dafür anstrengen. Ohne Zeigefinger oder Animation ist man involviert. Keine Angst, es macht auch Spass.

Wie im Zirkus wird es wieder mal dunkel und folgt eine nächste Nummer, die mit perkussiver Musik untermalt zum Kontinuum der Performance gehört. Das Stück serviert nichts Narratives, dennoch aktiviert es Empfindungen und Gedanken. Die sieben Protagonisten lassen an einem Seil Stühle hochgehen und kämpfen um die Sitzplätze. «Egos, die gehen, Egos, die stehen, Egos, die sich im Weg stehen, sich abhalten, sich verlaufen, Egos, die gehen», proklamieren die Stimmen.

«Ich bin das nicht. Ich will das alles nicht. Ich will das alles nicht sein. Ich kann das nicht. Nicht jetzt.»

Später werden mit Stühlen mobile Treppen gebaut, auf denen eine Frau ganz langsam Schritt für Schritt höher und wieder abwärts steigt. Ein wunderschönes Bild für das Fragile und Starke, das Menschen zusammenhält.

Geradezu feierliche Momente stellen sich ein, als nach einer halben Stunde plötzlich alle 100 Zuschauer quer durch den Raum in zwei Reihen eng einander gegenüber wie an einer langen Tafel sitzen. «Was denkst du, passiert wohl als nächstes?», sagt die Protagonistin. «Was wünschst du dir?» – «Was wünschen sich wohl die anderen?» Hm. «Wenn dich jemand anlächelt, lächle zurück.» Das Stück erreicht seinen heimlichen Brennpunkt. Es wird zum Catwalk des Einanderwahrnehmens. Zur Installation einer ungefährlichen Menschenschau.

Gedanken knistern, Compagnie schuftet

Ohne es richtig zu merken, ist das Publikum mitten ins Stück gerutscht. Die Zuschauer blicken nicht nach vorne auf eine Bühne, sondern einander in die Augen. Gesicht, Kleider, Gestik, Schuhe, Alter. Wer ist der andere? Wie denkt sie? Wie liebt er? Was suchen sie alle hier? Gedanken knistern. Nur die Compagnie arbeitet pausenlos in grosser Effizienz. Schiebt Stühle, schichtet Stühle, lässt Stühle schwungvoll über den Boden sausen. Im richtigen Leben würde man die Truppe sofort engagieren. Die Spieler scheinen zu wissen, wie man etwas anpackt.

Am Ende wird ein grosser Stuhl in die Mitte platziert, Stuhl um Stuhl draufgesetzt, ein Fundament entsteht, dann wächst der Stuhlbaum in die Höhe bis zum letzten 107. Stuhl. Das Publikum ist jetzt endgültig passiv und ohne Stuhl vielleicht auch etwas einsam geworden. Es schaut und staunt. Dann steht sie, die verwinkelte Skulptur, und erinnert uns daran, dass gemeinsames Tun vielleicht doch aufregender sein könnte, als auf den Stühlen sitzen zu bleiben. Wir empfehlen, ganz im Sinne der Compagnie:

«Wenn du immer noch sitzen bleiben möchtest, steh trotzdem auf.»

Hinweis: Weitere Vorstellungen: 16. Januar, 20 Uhr; 17. Januar, 18 Uhr; 18. Januar, 20 Uhr, Südpol Kriens. Infos unter: www.trottvoir.ch