Ein Schuss prägte sein ganzes Leben

Joke Lanz war 13, als sich sein Vater das Leben nahm. Was hat das mit dem Leben des Soundperformers gemacht? «My Life is a Gunshot» läuft im stattkino.

Pirmin Bossart
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Joke Lanz (55).

Joke Lanz (55).

Bild: PD

Der Schuss auf dem Flachdach eines Wohnblocks. Joke Lanz hörte ihn, als er an diesem Vormittag im Haus gegenüber im Wartezimmer des Arztes sass. Dass sich soeben sein Vater erschossen hatte, wurde ihm erst später klar. Umso stärker hallte der Knall nach und hat sein Leben geprägt. «My Life Is A Gunshot.»

Teil eines radikalen Lebens

Joke Lanz (55), aufgewachsen in Basel, hat sich früh in Gegenpositionen zum gesellschaftlichen Establishment begeben. Er war in der Hausbesetzerszene und in der Punkbewegung aktiv und hat sich dann mit seinen Aktionen und Soundperformances einen Namen in der Industrial- und Noise-Szene gemacht. Seit Jahren ist er weltweit als Turntablist unterwegs, manipuliert Plattenspieler und Vinylscheiben. Als «Sudden Infant» erschüttert er mit seinen beklemmenden und eindringlichen Songs das Publikum, rüttelt auf, befreit. «My Life is a Gunshot» ist kein Film über die Verarbeitung eines Traumas und auch kein Betroffenheits-Dok über eine schwierige Jugend oder darüber, was ein Selbstmord bei den Hinterbliebenen anrichten kann.

Das alles schwingt mit, aber es wird nicht vertheoretisiert oder verhätschelt, sondern in aller Nüchternheit, Bruchstückhaftigkeit und mit leiser Melancholie als Teil eines radikalen Lebens fassbar gemacht. Ein Leben, das «schwankt zwischen der Sehnsucht nach Spiessertum und der Sehnsucht nach unkontrolliertem, anarchischem Sex».

Es ist kein schwerer Film geworden, trotzdem ist er «heavy». Mit viel Tempo und Sound nimmt er uns mit in das Leben von Joke Lanz alias «Sudden Infant» und lässt uns teilhaben an seinen Auftritten, Gedanken, Ängsten, Freuden und Streifzügen durch die Nächte. Ein wichtiger Teil ist die Beziehung von Joke Lanz zu seinem Sohn Céleste, der mittlerweile Jura studiert, aber auch Musik macht. Die Geburt und Präsenz seines Sohnes hat Joke dünnhäutiger gemacht und ihn gelehrt, einen Gegenentwurf zum Leben seines eigenen Vaters zu leben.

Es ist erfrischend, wie nah und natürlich wir den Protagonisten und sein Umfeld erleben können. Da gibt es keine gestellten Interviews, analytischen Off-Kommentare oder pseudo-einfühlsamen Symbolebenen. Trotzdem sind die existenziellen und berührenden Momente ständig präsent. Sie werden uns nur anders vermittelt – nämlich direkt und ungefiltert – und wir dürfen selbstständig darüber sinnieren oder uns betreffen lassen.

Sieben Jahre lang gedreht

Regisseur Marcel Derek Ramsay ist ein alter Freund von Joke Lanz. «Ohne unsere Freundschaft wäre dieser Film nicht möglich gewesen. Ich habe ihm blind vertraut. Jemand anderem gegenüber hätte ich mich niemals so geöffnet», sagt Lanz.

Der Regisseur hat über sieben Jahre lang punktuell immer wieder gedreht, das erklärt die Vielfalt und Direktheit der Aufnahmen. Ernüchternd in seiner Ungeschminktheit ist der Besuch bei seiner Mutter, und man denkt: Ist das vielleicht ebenso ein versteckter Mutterfilm wie ein offensichtlicher Vaterfilm? Der Film ist ein temporeiches Puzzle-Werk, gespiesen von vorbeiflitzenden Bildern, Familienfotos und Spontan-Schwenks.

Dazu kommt der permanente Wechsel zwischen schwarz-weissen und farbigen Bildern. Allein die Machart ist ein Erlebnis. Sie vermittelt Spontaneität und auch das Flüchtige, das selbst dem Existenziellen innewohnt, wenn man es so radikal an sich heranlässt, wie das Joke Lanz tut. «Ich habe versucht, ein Lebensgefühl spürbar zu machen», sagt Regisseur Marcel Derek Ramsey. «Und vor allem einen Film mit Joke statt über ihn.» Das ist ihm gelungen.

«My Life Is A Gunshot» läuft vom 13. bis 19. Februar (20 Uhr) in Stattkino Luzern. Am Montag, 17. Februar, ist auch der Protagonist Joke Lanz anwesend.