Unheimlich und faszinierend – Ein Luzerner fotografiert verlassene Orte

André Schäffer dokumentiert mit Vorliebe verlassene Orte, um ihre eigentümliche Atmosphäre einzufangen.

Stefan Welzel
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Bei seinen Besuchen in alten Fabrikhallen, Stadtvillen oder Bauernhäusern betritt Schäffer «Zeitkapseln», in denen sich oft auch die «Natur ihre Bahn bricht».

Bei seinen Besuchen in alten Fabrikhallen, Stadtvillen oder Bauernhäusern betritt Schäffer «Zeitkapseln», in denen sich oft auch die «Natur ihre Bahn bricht».

Bild: PD

Wie ein Buchhalter sieht André Schäffer gewiss nicht aus. Zumindest nicht, wenn man das Klischee-Bild eines solchen im Kopf hat. Der 34-jährige Luzerner trägt beim Gesprächstermin bunt gescheckte, eng anliegende Hosen, hippe Turnschuhe und lange blonde Haare. Nebst seiner Anstellung als Finanzkontrolleur in der Klinik Südhang im bernischen Kirchlindach geht er seiner grossen Passion nach: der Fotografie. Schäffer hat dabei ein eher ungewöhnliches Spezialgebiet gewählt: Er sucht verlassene Orte auf – neudeutsch «lost places» –, um etwas über die Ästhetik des Zerfalls und unseren Umgang mit dem Aussortierten zu erzählen.

«Das erste Foto eines verlassenen Ortes entstand im Herbst 2009, ich feiere also ein Jubiläum», sagt Schäffer. Ihn fasziniere die unwirkliche Stimmung, die oft in alten Gemäuern herrsche, erklärt er. Ob alte Fabrikhallen, Stadtvillen oder heruntergekommene Bauernhäuser – Schäffer will beim Aufsuchen dieser Orte «eine Zeitkapsel betreten».

Ordentliche Portion Abenteuerlust

Es gehe ihm um die Begegnung mit dem Vergangenen genauso wie mit der Vergänglichkeit. «Oft bricht sich an solchen Orten auch die Natur wieder ihre Bahn. Bäume stehen mitten in den Ruinen. Flora und Fauna ­erobern vom Menschen Zurückgelassenes.»

Bild: PD

Und: «Ich möchte die Schönheit vermeintlicher Schandflecken zeigen, die die meisten Menschen lieber meiden.» Auf die Idee seiner Konzeption kam Schäffer eher zufällig. «Ich lief an ein entsprechendes Gebäude heran und war neugierig, es zu entdecken.» Dabei schwingt eine ordentliche Portion Abenteuerlust mit.

Schäffer findet seine Sujets bei Ausfahrten und Zugreisen, manchmal sucht er im Internet nach ihnen. In der Schweiz sei das aber schwierig. «Hier gibt es nur wenige sichtlich verfallene Gebäude. Und selbst zu diesen schaut man zumindest ein bisschen.» Deshalb reist er immer wieder nach Norditalien, wo deutlich mehr Auswahl an Motiven für seine traumwandlerisch anmutenden Aufnahmen herrscht. Dort fehlen nicht selten die finanziellen Mittel, um verlotterte Häuser abzureissen und etwas Neues hinzustellen.

Schäffer ist sehr darauf bedacht, die Realität unverstellt zu zeigen. Er fotografiert die Orte, wie er sie antrifft, inszeniert selten etwas. Der Luzerner arbeitet zuweilen auch mit der Polaroid-Kamera, denn sie stehe für Authentizität, Unverfälschtheit und Unmittelbarkeit. «Man drückt ab und das Bild kommt raus. Man kann es nicht nachbearbeiten wie bei der digitalen Technik.»

Bild: PD

Fündig in der Lombardei

Mit der Polaroid-Kamera im Gepäck geht er seit rund einem Jahr zudem einem interdisziplinären Projekt nach. «Ich habe als gratis und zum Mitnehmen deklarierte Gegenstände auf der Strasse fotografiert. Und der Schriftsteller Stephan Mathys hat dazu sachtextähnliche Beiträge verfasst, die skurril-absurde Geschichten zum Abgelichteten wiedergeben.»

Doch bleibt Schäffers Hauptaugenmerk weiterhin bei seinen geliebten lost places. Im Juni 2020 wird er eine Auswahl seiner Werke bei einer Ausstellung in der Klinik Südhang in Kirchlindach zeigen. Und in Zukunft möchte André Schäffer vermehrt künstlerisch in seine Bilder eingreifen. Er überlegt, Menschen mit in die Bildausschnitte zu nehmen. Ob als Massstabgeber der Dimensionen vor Ort, als Verstärker für bestimmte Stimmungen oder gar als Porträtierte, das weiss Schäffer noch nicht. «Aber klar ist, dass ich meine Arbeit weiterentwickle.»

Zunächst macht er das in Norditalien. Eine Woche lang hat er sich zuletzt in der Lombardei nach neuen Sujets umgeschaut – und ist dabei reichlich fündig geworden.

Hinweis: Arbeiten von André Schäffer unter: www.andre-schaeffer.ch

Bild: PD